Gérard Depardieu im Comic Auf der Schleimspur bis nach Autokratistan

Fünf Jahre lang hing der Comiczeichner Mathieu Sapin "am Rockzipfel" von Gérard Depardieu. Ergebnis: eine freiwillige Speichelleckerei und eine unfreiwillige Erklärung für Phänomene wie #MeToo.

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    Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines 1956 geflohenen Ungarn geboren. Er studierte Geschichte und Politik und wurde dann Journalist. 2012 veröffentlichte er den satirischen Roman "Er ist wieder da", von dem mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden. Auch sein zweiter Roman "Die Hungrigen und die Satten" schaffte es auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste.
  • Für SPIEGEL ONLINE schreibt er über Comics und Graphic Novels.

Es ist eine eigenwillige Form von Comic-Journalismus - oder wie soll man es sonst nennen? Fünf Jahre lang, sagt Zeichner Mathieu Sapin, hätte er für "Gérard" am "Rockzipfel von Gérard Depardieu" gehangen. Herausgekommen ist eine Art Doku-Comic, die den Leser reichlich verstört zurücklässt. Auch, weil der Report offenbar eher unfreiwillig in der Lage ist, die #MeToo-Debatte zu bereichern.

2012 bekommt Sapin, 43, das Angebot, Depardieu für eine Dokumentation zu begleiten. Die Doku folgt den Spuren von Alexandre Dumas' Aserbaidschanreise 1858, und weil Dumas damals einen Zeichner dabeihatte, wollen die Fernsehleute ebenfalls einen mitnehmen. Sapin, als Doku-Zeichner im Präsidentschafts-Wahlkampf und im Élysée-Palast aufgefallen, sagt zu. Und von vorneherein fällt seine seltsame Herangehensweise auf. Man kann sie "unvoreingenommen" nennen, zutreffender aber ist: planlos.

Man merkt es allerdings nicht gleich, weil Sapin die bizarre Situation mit einem eher komisch-niedlichen Stil verschleiert. Sapin zeichnet Depardieu als schwitzenden, knollennasigen Koloss, vereinfacht, aber nicht karikierend. Sich selbst stellt er als kleines dünnes Männchen mit Riesenkopf dar, stets eingeschüchtert von dem gigantischen Menschenmassiv des Schauspielers. Sie drehen gemeinsam die gewünschte Doku, Depardieu fasst Vertrauen zu Sapin, der sich von dem Filmstar ins Schlepptau nehmen lässt. Und von Anfang an fragt man sich: wozu?

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Comic-Doku über Gérard Depardieu: Satire? Aber wo ist die Reibung?

Sicher, Sapin zeichnet, wie Depardieu wohnt: mit viel Platz, viel Kunst, vielen Geschenken von anderen berühmten Leuten. Er zeichnet Depardieu, wie er in Unterhosen telefoniert. Wie Depardieu Leute anraunzt und abmeiert, wie er freundlich ist, wie sein Umfeld ihn behandelt. Das wirkt so lange satirisch, bis man feststellt, dass da keine Satire ist, weil sich die ganze Geschichte an nichts reibt. Sapin schildert einfach vor sich hin. Und wenn man das festgestellt hat, denkt man darüber nach, ob man so wenigstens etwas über Leben und Wirkung des alternden Weltstars erfährt.

Gespräche mit Fußnoten

Mal sehen: Depardieu stopft sich offenbar den Tag mit Menschen zu. Manager, Agenten, ein Comic-Zeichner. Er schwafelt gern über Gott und die Welt, redet meist von oder über sich, hin und wieder kommen Halbweisheiten dabei heraus wie "Schönheit ist Geld und Großzügigkeit". Oder: "Geld interessiert mich nicht."

Letzteres ist immerhin ein Widerspruch zu seiner Steuerflucht. Oder zu seinen zwei Schlössern und seiner Kunstsammelei, die ja auch bezahlt sein wollen. Es könnte reizvoll sein, diese Widersprüche gegeneinander zu stellen. Aber bei Sapin findet man sie unter einer Menge belanglosem Quatsch derart beiläufig, dass man annehmen muss, er hätte sie gar nicht bemerkt oder gar vergessen, sie zu löschen. Denn umgekehrt macht Sapin sich mehrfach eindeutig und unnötig mit seinem Star und seinen Launen gemein.

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Mathieu Sapin:
Gérard

Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu

Aus dem Französischen von Silv Bannenberg

Reprodukt Verlag; 160 Seiten; 24 Euro

Als Gérard "Geld interessiert mich nicht" Depardieu etwa seinen Gärtner um den Lohn prellt, ergreift Sapin sofort Partei: Der Garten wurde "verunstaltet", behauptet er ohne jeden Beleg. In jedem Gespräch merkt Sapin in kleinen Fußnoten an, welche Geschäfte Depardieu kauft, welches Buch er gerade zitiert, welchen Film er meint.

Depardieus Politiker-Freundschaften leuchtet er weniger genau aus. Im Gegenteil: Den aserbaidschanischen Kultusminister lobt Sapin als "verdammt guten Mann" - in einem Land, das auf dem Demokratieindex 2016 Platz 148 einnahm, gefolgt von Afghanistan. Auch für das Gesangsduett Depardieus mit der Tochter des autoritären Präsidenten Kasachstans gibt's nur neutrales Staunen.

Während einleuchtet, warum sich fragwürdige Herrscher gern mit berühmten Schauspielern die Diktatur verschönern, bleibt schleierhaft, warum sich Depardieu dafür hergibt. Fünf Jahre hatte Sapin Zeit, das herauszufinden, aber er will die Antwort nicht wissen - oder nicht zeichnen. Er lässt dafür Depardieu unwidersprochen behaupten: "Was ich nicht ertrage, ist Korruption." Obwohl er es problemlos im Russland seines Kumpels Putin aushält, das auf dem Korruptionsindex 2016 auf Platz 131 landet, ranggleich mit der von Depardieu scharf kritisierten Ukraine. Man könnte derlei wenigstens in einer von Sapins beliebten Fußnoten erwähnen, aber: Fehlanzeige. Es kristallisiert sich allenfalls heraus, warum dieses Projekt so furchtbar schiefgeht.

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Gérard Depardieu: Der Mann, den man als Schauspieler kannte

Denn Sinn ergibt all das sofort, wenn man davon ausgeht, dass der Autor alles, was Depardieu tut, für wichtig hält. Sapin liefert keine Berichterstattung, sondern Verehrung in Form der Speichelleckerei. Er reiht sich damit nahtlos ein unter die Depardieu-Lakaien, die dasselbe tun und unablässig mit der Formel vom "größten lebenden Schauspieler Frankreichs" dem Star und sich selbst lobhudeln.

Was letzten Endes angesichts einiger fragwürdiger, komplett ignorierter Bemerkungen über Frauen dann immerhin noch zu wenigstens einer Erkenntnis führt: #MeToo wird erklärlicher, wenn man sich vorstellt, dass Weinstein & Co sich alle mit derartigen Ja-Sagern und Ja-Zeichnern umgeben.

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insgesamt 3 Beiträge
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Holbirn 21.03.2018
1. Irgendwie hinterlässt der Artikel ein Gefühl der Leere
Der Comic mag nicht gut sein, oder zu unpointiert, aber er hat Ätzpotenzial genug. Depardieu ist ein Mensch, der sich selbst komplett enthüllt, man muss ihm nur zuhören.
Oberleerer 22.03.2018
2.
Für Geld würde ich das wohl auch 5 Jahre über mich ergehen lassen. Wer weiß, vlt. lernt man tatsächlich jmd nützliches kennen. Die abgebildeten Seiten sind tatsächlich langweilig und ohne Witz. Ich muß @Holbirn aber Recht geben. Jede einzelne Darstellung strahlt pure Verkommenheit aus, ohne daß die Protagonisten dies selber wahrnehmen würden.
nonsense_forever 23.03.2018
3. Vor langer Zeit
manchmal bleiben solche Trivialitäten hängen auf dem französischem Sender TV5 (damals hatten sie noch keine mehrsprachigen Untertitel und französisch verstehe ich leider kaum, immer noch nicht) eine dieser großen Unterhaltungs-Revuen mit verschiedenen Inhalten die in Frankreich wohl beliebt sind. Dort trat eine Dame auf als Komikerin. Eine stattliche attraktive Frau in den 50zigern, groß mit blonder Mähne stand sie selbstbewusst auf der Bühne. Und gab den "gallischen Hahn" den fabolousen umwerfenden urfranzösischem Nationalhelden, den Depardieu. Den Über-Gockel, scharrend und gackernd sein Revier markierend. Sie machte da mit viel Körpereinsatz so das die Botschaft auch mir verständlich war (es gab französische Untertitel das ich mir die ständig wiederholte Parole "der Gallische Hahn" übersetzen konnte damals noch mit dem Wörterbuch). Das Publikum tobte vor Begeisterung, ein toller Vortrag. Sie watschte den Gallischen Hahn so richtig ab, penetrant und wiederholend wie der halt so ist. Gerard der gallische Hahn. Oder war es der Bretonische Bulle? Jedenfalls Depardieu wie er leibt und lebt, formidable dargestellt.
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