"Arbeiterroman" In diesem Keller lebt und stirbt eine Familie

Erzählen, wie es war. Erzählen, wer man selber war: Das ist, worum es Gerhard Henschel bei der nachträglichen Vermessung seines Lebens geht - im "Arbeiterroman" zum siebten Mal. Ein Hausbesuch.

Gerhard Henschel mit den Aktenordnern seines Lebens
Frank Füllgrabe

Gerhard Henschel mit den Aktenordnern seines Lebens


Gerhard Henschel nimmt den Koffer und wuchtet ihn auf den großen, dunkelbraunen Esstisch. Und dann packt er aus. Einen Leitz-Ordner mit allerhand Dokumenten, zuoberst das wohl wertvollste: ein Telegramm der Deutschen Reichspost an seinen Großvater, den Superintendenten Johannes Henschel, aus dem September 1945.

Auf dem vergilbten Papier steht geschrieben, dass dessen Sohn, also Gerhard Henschels Vater, in Cottbus angekommen sei. Ein kleiner Satz, der damals für große Erleichterung sorgte: Der Sohn war nach Ende des Zweiten Weltkriegs in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten, monatelang hatte man nichts von ihm gehört.

Als Nächstes folgen zwei schmale Heftlein: ein Kontobuch des Urgroßvaters, das die Jahre 1950 bis 1953 umfasst, und ein Bautagebuch, das die Mutter 1959 führte und in dem sie von Fort- und Rückschritten bei der Errichtung des ersten Eigenheims der Familie erzählt. Schließlich folgt ein Magazin namens "Der Monat", mit erkennbarem Aufwand selber getippt, beklebt, geheftet: Henschels Familienzeitung, in der er zwischen 1975 und 1980 von all dem berichtete, was in seiner Sippe eben so geschah.

Wir befinden uns im Souterrain eines Einfamilienhauses, nicht weit weg von Hamburg. Vielleicht 300 Quadratmeter Wohnfläche, von denen ein guter Teil auf die Kellerräume fällt. Hier hat sich der Hausherr ausgebreitet. In gleich mehreren Zimmern säumt Regalmeter um Regalmeter die Wände, stehen Ordner an Ordner, Stehsammler an Stehsammler. Darin findet sich eine lückenlose Sammlung Henschels eigener Arbeiten, Briefwechsel und von allem, was sich eben archivieren lässt, vor allem aber ein umfangreicher Abriss der Familiengeschichte. Urkunden und Zeugnisse, alle Korrespondenz, sogar das Tagebuch der Schwester aus Pubertätszeiten, da herrscht eine erstaunliche Vielfalt.

Den wahren Duft der Epoche einfangen

Diese Sammlung wächst aus zweierlei Gründen. Zunächst einmal heftet Henschel alles ab, was ihm für zukünftige Bücher von Nutzen sein könnte. Sämtliche Briefe und E-Mails, die ihn erreichen. Rechnungen. Sogar die private Post der Kinder. Vor allem aber wächst das Archiv nach innen, wird der dokumentierte Zeitstrahl dicker. Denn immer, wenn ein Familienmitglied stirbt oder jemand auf eine Kiste alter Briefe stößt, werden die in diese Kellerräume geschickt. Der Koffer war Henschels Gepäck auf einer Reise nach Gießen, wo er einer Gruppe von Studenten über seine Arbeit berichtete. Eine extrem verdichtete Version des Kellerarchivs.

Gerhard Henschel, außerhalb des Kellers
DPA

Gerhard Henschel, außerhalb des Kellers

Gerhard Henschel arbeitet seit 2004 an der nachträglichen Vermessung seines Lebens, reist mit den Augen seines Alter Egos Martin Schlosser durch die Zeitgeschichte. Dem "Kindheitsroman", eigentlich als einmaliges Projekt angelegt, folgten über die Jahre der "Jugendroman", der "Liebesroman", der "Abenteuerroman", der "Bildungsroman" und der "Künstlerroman". Schon 2002 erschien mit "Die Liebenden" ein aus dem Nachlass der Eltern zusammengestellter Briefroman, der so eine Art Fundament für die Reihe legte und als Sekundärliteratur für Martin-Schlosser-Fans durchaus sinnvoll ist.

Insgesamt sind über 3000 Seiten zusammengekommen über eine nicht nur vielköpfige, sondern auch kantenreiche Familie und deren Leben, über das Heranwachsen in den Siebziger- und Achtzigerjahren und über das, was die Menschen damals bewegte, im Großen wie im Kleinen. Sie sind ein Zeitstrom, der Notizen zu Kultur und Politik mit persönlichsten Informationen mischt und dabei lustvoll Nebengebiete erkundet. Der den Duft der Epochen einfängt, aber eben nicht den, der uns heute in Funk und Fernsehen als zeittypisch verkauft wird, sondern den wahren, der ja stets etwas strenger riecht als seine popkulturelle Verwurstung.

"Überall brach die Revolution aus, nur in Meppen nicht", ließ Henschel seinen Martin Schlosser im "Liebesroman" notieren. Das erklärt die Reihe recht gut. Wie Sie sehen: Sie sehen nichts.

Leser schicken Korrekturhinweise

Jetzt sitzt Gerhard Henschel also im größten Raum seines Kellerarchivs an einem braunen Holztisch. Es riecht nach dem Papier der Bücher und dem Holz der Regale, und Henschel windet sich ein bisschen. Die Frage, wegen der er sich windet, bezieht sich auf den "Arbeiterroman". Der folgt dem klassischen Schlosser-Flow.

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Gerhard Henschel:
Arbeiterroman

Hoffmann und Campe, 528 Seiten,25 Euro

Gemeinsam mit seiner Andrea hat der Mittzwanziger es sich in Oldenburg gemütlich gemacht, arbeitet als Hilfskraft bei einer Spedition und sammelt erste Erfahrungen als Literat. Er hört immer noch sehr gerne Leonard Cohen und Bob Dylan und schätzt nach wie vor die Wonnen eines schönen Vollbads. Es ist ein großes Vergnügen, all das zu lesen - dennoch lässt sich ein fundamentaler Unterschied zu den bisherigen Martin-Schlosser-Büchern feststellen.

Wo Martin Schlosser bisher eher damit beschäftigt war, sich durchs Leben zu schlagen, erwischt es ihn nun gleich dreifach: eine böse Trennung und zwei Todesfälle schieben das Buch in eine Dramatik, die einen als Stammleser betrübt zurücklässt. "Mama zuckte, und dann hauchte sie ihr Leben aus. Renate schluchzte auf. Es war zehn Minuten nach neun", beschreibt Henschel hier den Tod seiner Mutter. "Es war natürlich eine Herausforderung, das aufzuschreiben. Aber es hat sich nicht vermeiden lassen. Ich orientiere mich ja an den Fakten und nehme mir da keine großen Freiheiten heraus", sagt Henschel.

Derweil in der großen Welt: Die Berliner Mauer fällt.
REUTERS

Derweil in der großen Welt: Die Berliner Mauer fällt.

Keine Freiheiten. Das Geschehene schildern. Lücken, die natürlich da sind - wer erinnert sich denn noch an jedes Gespräch am Frühstückstisch? - durch Kontemplation füllen und damit so eine Art nachträgliche Realität inszenieren, die genauso wahr ist wie die wirkliche. Das kann Henschel wie kein Zweiter. Er redet gerne über seine Systematik, darüber, wie er das anstellt.

Dann steht er während des Interviews auch mal auf, greift zu einem Ordner, zeigt das Rohmaterial für den nächsten Schlosser-Roman. Erzählt davon, wie er alte "Tagesschau"-Ausgaben anschaut, um nicht beim Wetterbericht danebenzuliegen, oder wie die Familie als Korrektiv dient: "Meine Tante, die im Roman Tante Dagmar heißt, kannte noch sehr genau die Speisenfolge im italienischen Restaurant Mamma Mia in Jever anlässlich des 80. Geburtstags ihrer Mutter. Ich hatte mir aus Speisekarten etwas zusammenfantasiert, aber das war Unsinn." Oder er zeigt die Post eines Lesers, dem einige Ungereimtheiten im "Kindheitsroman" aufgefallen waren, etwa eine fehlerhafte Schreibweise der Keksmarke DeBeukelaer. Derlei Informationen leitet er an seinen Verlag weiter. Es soll schließlich alles stimmen.

Erzählen, wie es war. Erzählen, wer man selber war. Henschels Großprojekt hat zuletzt eher unfreiwillig Anschluss an den Zeitgeist gefunden. In den Debatten um den Norweger Karl Ove Knausgård, den ultra-erfolgreichen "Extremisten des Erinnerns" ("Tagesanzeiger"), um die Authentizität des Werkes und die Frage, ob die Realität die Fiktion als edelste Form der Literatur abgelöst habe, wurden die Schlosser-Romane bisweilen als Beispiel herangezogen. "Eine nicht unbedingt nötige Diskussion", sagt Gerhard Henschel und lächelt dünn.

Das mag daran liegen, dass er sich seit Anbeginn des Projektes auch an Walter Kempowski orientiert, mit dem er persönlich gut bekannt war und der auch in den Schlosser-Romanen entsprechend Erwähnung findet. Der große Chronist Deutschlands wurde von der Kulturkritik seinerzeit nicht so ehrfurchtsvoll behandelt wie die neuen Radikalerinnerer, sondern sah sich eher Anfeindungen ausgesetzt.

Die wiederholt Henschel im "Arbeiterroman" lustvoll, ganz so, als wolle er die Literaturkritiker von heute daran erinnern, dass ihre Vorgänger das Authentische, das jetzt wieder en vogue ist, seinerzeit so geringschätzten: "Der stets auf die Einzelheit gerichtete Blick Kempowskis und der Köhlerglaube an die Beweiskraft der Anekdote lassen so etwas wie Perspektive offenbar nicht zu", zitiert er den "FAZ"-Journalisten Franz Josef Görtz und gibt ihm anschließend einen saftigen Verweis mit.

Der Hang zur Pointe ist ihm eigen

Der Vergleich mit Knausgård klemmt ohnehin. Wo der mit Furor erzählt, vielleicht auch mit Gnadenlosigkeit, ist bei Henschel auch Humor eine der Triebfedern. Im "Arbeiterroman" bilanziert er nicht nur mit feinem Witz seine Nachtschichten als Kellner im hand- und trinkfesten Tanz- und Bierlokal Na Nu in Jever.

Gerhard Henschel mit "Kowalski"-Ausgabe
Frank Fu¿llgrabe

Gerhard Henschel mit "Kowalski"-Ausgabe

Er beginnt vor allem seine Autorenschaft für das Satiremagazin "Kowalski", bei dem er später ebenso wie bei der "Titanic" als Redakteur arbeitete. Er veröffentlicht seit Mitte der Neunzigerjahre zahlreiche Glossen, Satiren und Romane, die völlig anders operieren als die Bücher der Schlosser-Reihe und in denen Platz für herzhafte Blödeleien ist - etwa "Der dreizehnte Beatle", einen wahnsinnig lustigen Roman, in dem ein Zeitreisender das Aufeinandertreffen von John Lennon und Yoko Ono verhindern möchte und dabei allerhand durcheinanderbringt.

Der Hang zur Pointe ist Henschel also eigen. Wer einen Martin-Schlosser-Roman aufschlägt, zehn, zwölf Seiten liest und nicht mindestens einmal laut auflacht, hat irgendetwas falsch gemacht. "Hin und wieder kommen Eheleute meines Alters in der Halbzeit meiner Lesungen zu mir und sagen, sie würden sich meine Romane gegenseitig im Bett vorlesen", sagt Henschel. Knausgårds Werke sind für derlei Zerstreuung eher ungeeignet.

Das Gespräch ist zu Ende, der Journalist zurück auf dem Weg zum Bahnhof. Deutschland ist hier ziemlich verschlafen - und komplett durchgeklinkert. An einer Straßenecke hängt in einem Holzkasten die Tagesordnung für die nächste Gemeinderatssitzung. Es soll über die Sanierung der Toiletten an der Kurmuschel und einen Anbau am Kindergartengebäude gesprochen werden, eine Fraktion fordert die Installation einer Überwachungskamera am Bahnhof.

Man fragt sich, wie Henschel da jetzt vorgeht. Ob dieser Aushang Relevanz für ihn besitzt. Ob er ihn bereits fotokopiert und abgeheftet hat. Während des Interviews hat Henschel erzählt, wie wohl er sich in diesem Landstrich fühle: "Das Buch, das den jetzigen Zeitraum abdeckt, soll ,Heimatroman' heißen"'. Bis dahin werden noch einige Jahre vergehen, aber es ist schon so, dass Henschel schneller schreibt, als er lebt. Mit 75 wird er sich selbst eingeholt haben.

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junge23 19.02.2017
1. Alles verschlungen ...
Alles verschlungen, als ich es in die Finger bekam. Beschreibt da meine Kindheit, meine Jugend punktgenau. Ob wir uns in Lichtendorf mal begegnet sind? Könnt' schon sein. Morgen gleich mal in die Buchhandlung ...
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