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Don Winslows Krimi "Germany": Deutschland - ein einziges großes Bordell

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Neuer Krimi von Don Winslow: Lost im Rotlicht Fotos
DPA

Zwischen Eroscenter und Edel-Escort: Don Winslow verirrt sich in "Germany" ins deutsche Rotlichtmilieu - und vergisst dabei, was er eigentlich erzählen will. Eine Katastrophe von Krimi.

Deutschland, deine Bordelle. Da gibt es den Leierkasten in München, deren Betreiber mit süffiger mittelständischer Jovialität und dem Spruch: "Sie kommen als Fremder und gehen als Freund" für sich werben. Oder das Paradise in Stuttgart, wo es auf 6000 Quadratmetern Triebabfuhr im Akkord und zu Dumpingpreisen gibt. Oder den Hochhauspuff Pascha in Köln, der mit seinen gestapelten Beischlafbatterien im Dauerbetrieb eine neue industrielle Dimension der Prostitution etablierte. Sie alle kommen in Don Winslows neuem Roman "Germany" vor.

Es ist nicht verwunderlich, dass den US-Autor das Thema deutsche Sexindustrie ansprang, nachdem er in seinen vorherigen Romanen den mexikanisch-amerikanischen Drogenkrieg und die damit verquickten Schattenwirtschaften auf beiden Seiten der Grenze für sich selbst erschöpfend aufgearbeitet sah.

Zuletzt erschien von Winslow zu dem Thema ein schwerfälliger 800-Seiten-Klotz mit dem Titel "Das Kartell", da wirkte er schon ein bisschen leergeschrieben. Mit seinem neuen Roman wendet er sich nun eben einer anderen monströs ergiebigen Schattenwirtschaft zu: Dem Sexgewerbe in Deutschland, einem Land, wie es einmal im Winslow-Sprech heißt, "in dem Sex billiger ist als ein durchschnittlicher Einkauf im Supermarkt."

Von Milbertshofen bis St. Pauli

Man kann also verstehen, dass der US-Autor seinen Helden Frank Decker (den er bereits 2014 in seinem Roman "Missing" eingeführt hat) aufgrund eines Entführungsfalles nach Germany schickt, um ihn die Sache mal genauer anschauen zu lassen. Nicht verstehen kann man allerdings, dass Winslows Ich-Erzähler dabei so gar keinen ökonomischen, kriminalistischen oder anderweitigen erzählerischen Gewinn zutage fördert. Decker hakt im Laufe der Handlung die berühmten und weniger berühmten Bordelle von München-Milbertshofen bis, natürlich, Hamburg-St.-Pauli ab und trinkt dabei überteuertes, schlechtes Bier. Wie ein US-Urlauber, der die im Reiseführer nahegelegten Touristenattraktionen abarbeitet. Fleißig, akkurat, gleichgültig.

Aber eigentlich wird man ja schon 100 Seiten vorher, am Anfang von "Germany", gewarnt, dass mit Empathie oder Erkenntnisgewinn, mit Witz oder Wut in diesem Roman nicht zu rechnen ist.

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Susie Knoll

"Germany"-Autor Don Winslow: Lost im Rotlicht

Decker, Ex-Soldat einer US-Spezialeinheit in Afghanistan und Ex-Detective aus Lincoln, Nebraska, wird von einem befreundeten Kriegsveteran gebeten, dessen verschwundene Ehefrau zu finden. Also beginnt er in den Schränken der Vermissten zu wühlen - aber nicht ohne den Leser zuvor mit Gratiserkenntnissen zu beglücken: "Es liegt in der Natur des Menschen, dass wir unsere Geheimnisse möglichst nah bei uns behalten. Wir haben das Gefühl, dass sie dort sicher sind. Sind sie aber nicht. Geheimnisse sind niemals sicher, und oft ist es der Versuch, sie zu verbergen, der sie zum Vorschein bringt."

Und was ist nun das Geheimnis? Keine Ahnung, es folgen vier Seiten pedantischer Auflistung. Winslow lässt Decker beschreiben, wie er die Schubladen der Verschwundenen eine nach der anderen prüft - von der mit den Hutkisten bis zu der mit den Socken, die, wie der Erzähler nicht ohne Bewunderung kundtut, erstaunlich ordentlich zusammengerollt sind.

Stilvoll wie zusammengerollte Socken

Eine schöne Analogie zum aktuellen Schreibstil des Autors: Den Roman zu lesen, fühlt sich an, als ob man jemandem zuschaut, wie er beflissen Socken zusammenrollt, um diese dann durchzuzählen. Winslows Sprache ist inzwischen von zermürbender Redundanz und vollgestellt mit stilverliebten Stanzen, die Bedeutung suggerieren sollen, wo keine zu finden ist.

Wenn Winslows Held mit einer Kollegin einen Kaffee trinkt, müssen gleich die alten Meister herhalten: "Delgado und ich saßen in dem Diner wie Figuren auf einem Gemälde von Edward Hopper." Wenn er über das einst geteilte Deutschland spricht, verbreitet er den anthropologischen Feinsinn eines Florida-Rentners beim Europa-Hopping: "Der Osten war viel weniger entwickelt, in jeder Hinsicht weniger 'westlich'. Auch waren die Menschen hier ärmer, und viele von ihnen hatten das Gefühl, unter der kommunistischen Diktatur besser dran gewesen zu sein als unter dem Diktat des Kapitalismus."

Respekt hat der Ich-Erzähler nur vor einer Errungenschaft Deutschlands: den Sicherheitsbehörden. Spricht er salbungsvoll von den Leistungen des BKA oder der GSG 9, schwingt da eine Begeisterung mit, die ihm in Bezug auf die Menschen fehlt. Wer es gut meint mit Winslow, nennt seinen Stil trocken, wer ehrlich ist, nennt ihn Technokraten-Prosa. Dazu passt, dass die Beschreibung jeder Waffe in diesem Buch mehr Zauber verbreitet als die Beschreibung einer Person.

Dabei war Don Winslow noch vor gar nicht so langer Zeit der Mann für die ganz große Krimi-Poesie: In "Tage der Toten" (2010) entwickelte er über den amerikanischen War against drugs eine opulente Kriegschronik, in der noch die kleinste Nebenfigur voll von Leben war. Im Surfer-Krimi "Kings of Cool" (2013) übte er sich dann in atemberaubender Sprachverknappung: In genau konstruierten Halbsätzen brachte er geheime Wahrheiten zum Leuchten. Und damit auch seine Charaktere.

Diese Charakterfülle, diese Sprachökonomie geht Winslow inzwischen leider ab. Er scheint sich weder für seine Figuren noch für seinen Stoff zu interessieren. Dabei hat er sich doch einen Topos gesucht, der so viele erzählerische Versprechen bereithält. Man ziehe nur Clemens Meyers großes blut-, geld- und liebesgetränktes deutsches Prostitutionsgemälde "Im Stein" zum Vergleich heran.

Und was passiert bei Winslow? Während sein Held zwischen Eroscenter und Edel-Escortagenturen nach der vermissten Ehefrau der Freundes sucht, wird immer wieder ohne dramaturgische Notwendigkeit die Erniedrigungsform für das Wort Prostituierte benutzt: "Nutte". Immer wieder dieses kalte "Nutte".

"Germany" ist kein schlechtes Buch. Es ist ein scheußliches Buch.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 41 Beiträge
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1. Eben...
BettyB. 29.02.2016
Ein als Roman getarnter Reiseführer für englischsprachige Sexsuchende, der die Frage nicht beantwortet, weshalb er eigentlich übersetzt wurde...
2.
Siggi_Paschulke 29.02.2016
Ist denn die Wortwahl im Original ebenso drastisch? Oder hat Conny einfach etwas 'harsch' uebersetzt?
3.
weem 29.02.2016
Ach Bitte, wenn ein Ami einen fiktiven Krimi schreibt, der hauptsächlich im deutschen Rotlichtviertel spielt, dann sollte man nicht unbedingt mehr politische Korrektheit bei der Wortwahl erwarten als sie selbst im Rotlichtviertel bei den Protagonisten üblich ist..
4.
kumi-ori 29.02.2016
Habe dieses Buch selbst natürlich nicht gelesen, aber es scheint sich einzureihen in die Flut der Ethno-Krimis, in denen amerikanische Autoren wie einst die unsägliche Donna Leon dem heimischen Publikum die Atmo aus den Kolonien (Europa, Japan) ins Wohnzimmer bringen. Vielleicht vergleichbar mit den Heimatkrimis in Deutschland, mit denen unterbeschäftigte Hausfrauen in jedem Kaff Karriere machen, weil allen anderen Einwohnern von der Bäckerin bis zum Pfarrgemeinderat nichts anderes übrig bleibt, als das Werk zu erstehen. Ob gerade in Deutschland die Puff-Szene so monströs ist, wie hier beschrieben, bezweifle ich stark. Sicher wird es immer Menschen geben, die gern mitverdienen möchten, und solange Prostitution nicht als ein normaler Beruf angesehen wird, genauso wie Schuhverkäufer, Neurochirurg oder Straßenbahnfahrer, wird so manches Ekelpaket im Sumpf der Geheimniskrämerei gedeihen, und sicher wird der eine oder andere gestrandete Flüchtling, ob freiwillig oder nicht, mit ihrem Unterleib Mann, Kinder und die Familie in der Heimat ernähren müssen. Aber es würde mich sehr wundern, wenn das in Deutschland mehr wäre als woanders. Ich bin schon unerwartet auf Kilometerlange Straßenstriche in Frankreich, Italien oder Tschechien gestoßen, die ich in D so noch nicht gesehen habe, und offen gesagt, wäre ich sehr überrascht, wenn das in Amerika anders wäre. Aber schön, der Autor ist (hinter den Damen und deren "Beschützern") sozusagen der Drittverwerter der Prostituionsmisere und kommt damit noch eine Stufe vor den Lesern, die wenn auch kein Geld, hier immer noch ein wenig wohlig gruseligen Voyeurismus mitnehmen können.
5. Lange genug im Prüden USA gelebt
Saturn48 29.02.2016
somit kann ich das gut verstehen.
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