Geschichte als Comic Deutschland, die gezeichnete Nation

Ob Fußball-WM, Wiedervereinigung oder Wirtschaftskrise: Die Comic-Zeichnerin Isabel Kreitz widmet ihren Band "Deutschland. Ein Bilderbuch" den wichtigsten Momenten seit 1949 - und erzählt dabei die kleinen Geschichten neben der großen Geschichte. Ein kluges Porträt deutscher Identität.

Isabel Kreitz

Deutschland ist schmutzig und aschfahl. Seine Bewohner wirken anämisch und selbst in Momenten größter Freude irgendwie sediert.

Das ist zumindest der Eindruck, den Isabel Kreitz' in feinen Strichen gezeichnete Landesgeschichte "Deutschland. Ein Bilderbuch" hinterlässt. Die Illustratorin und Comic-Zeichnerin hat sich aus fast jedem Jahr seit Gründung der Bundesrepublik ein Ereignis herausgepickt und die Geschichten neben der Geschichte erzählt. Sie zoomt in Momentaufnahmen, die als pars pro toto dienen, um die Verfasstheit unseres Landes zu erklären. Von Thomas Manns Rückkehr nach Deutschland 1949 bis zur Finanzkrise nach dem Crash von Lehman Brothers 2008. Glorifizierung? Fehlanzeige.

Die ganz großen Ereignisse schnurren dann schon einmal zusammen wie einst Joschka Fischers Bauchumfang. Einfach nur, weil Kreitz sie mit Petitessen konterkariert, Alltagsmomenten, die die Zeitläufe erden. Das Buch wirkt wie ein Kommentar auf die Sehnsucht vieler Deutschen, ab und an einfach mal eine normale Nation zu sein, ohne den ganzen Ballast von Kriegslast und Teilung.

Die Gründung der DDR als Kampf der Zeitungsjungen

Etwa bei der Seite, die sie dem Oktober im Jahr 1949 widmet, dem Gründungsdatum der DDR: ein fürwahr einschneidender Moment - dramatisch! Doch was macht Kreitz? Sie füllt zwei Drittel der Seite mit sich balgenden, prügelnden Zeitungsjungs, gezeigt in Vogelperspektive. Die einen verkaufen das "Neue Deutschland", die anderen den "Tagesspiegel", in der einen Zeitung steht, es gebe nun einen zweiten deutschen Staat, die anderen Jungs halten das gemäß ihres Blatts für miese Propaganda. Am Rand des Spektakels stapeln sich die Zeitungspacken des Tages, auf einmal hat einer ein Exemplar von "Der Abend" in der Hand: "Kuckt mal alle her, was HIER drin steht!", ruft er, "Sepp Herberger wird Trainer der Nationalelf!".

Gefahr, ein in Denkmalstaub vergammelndes Album zu werden, läuft Kreitz' "Deutschland"-Buch also garantiert nicht. Der Sepia-Effekt, der sich über die Seiten zieht, ist ein Täuschungsmanöver. Als die deutsche Mannschaft ein paar Seiten weiter in Bern die Weltmeisterschaft gewinnt, unterlegt sie dieses oft als "Zweite Gründung der Bundesrepublik" überhöhte Erlebnis mit der ersten Strophe der Nationalhymne, die die Fußballanhänger im Siegestaumel sangen. Die Spruchbanderole, die sich über die Seite schlängelt, kräuselt sich derart niedlich, dass diese Harmlosigkeit fast auf den Liedtext abfärbt. Aber eben nur fast. Immer wieder baut Kreitz subtil und wirkungsvoll derartige visuelle Fallen ein.

Großes und Profanes gleichberechtigt

Die Spannung der kleinen deutschen Szenen entsteht vor allem durch die narrative Beschränkung: Kreitz nimmt sich immer nur eine Seite Platz. Und somit herrscht auch absolute Gleichberechtigung zwischen Großem und eher Profanem, zwischen dem Mauerfall, dem Fall Rosemarie Nitribitt und dem Fall des harten "ß" im Zuge der letzten Rechtschreibreform: Innerhalb der Galerie (vor allem west-)deutscher Dreh- und Angelpunkte wird nicht hierarchisiert. Auch das rückt auf angenehme Weise die Verhältnisse zurecht, auch so kann man die weit verbreitete Kultur karikieren, alles sofort für "die Geschichtsbücher" zu reklamieren.

Die Wende, die Wiedervereinigung, sie werden nur impliziert: All das geht auf in einem Chor aus "Gorbi, Gorbi"-Rufen anlässlich des Staatsbesuchs von Michail Gorbatschow in Bonn, vier Monate vor dem 9. November 1989; und den zwei Fahrern der Staatskarossen, die sich, deutsch-russisch radebrechend - über ihre Jobs unterhalten.

Laut und schenkelklopfend ist das alles nicht. Isabel Kreitz braucht oft nicht viele Worte, um eines der Ereignisse auf ihren Ein-Seiten-Bildern zu kommentieren. Etwa wenn sie die "Heimkehr der Zehntausend" zeigt, als 1955 die letzten Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion zurückkamen. Es sind nur fünf Bildkästen, ein Picknick im Wald, eine Straßencafé-Szene, bis zum Bersten gefüllte Lebensmittelregale, die bunte Normalität im Wirtschaftswunderdeutschland. Und in jeder der fünf Szenen gibt es eine dunkle, stummtraurige Präsenz - Männer mit Drillich und Rucksack. Hier krachen zwei deutsche Realitäten in einer Ungleichzeitigkeit ineinander, dass es einem die Sprache verschlägt.

Nur ein Wort, und alles wirkt noch schlimmer

Ebenso stark ihre Darstellung des ICE-Unglücks von Eschede 1998, bei dem über 100 Menschen ums Leben kamen. Die Bilder des rot-weißen Durcheinanders fügen sich wortlos zum Panoptikum einer Katastrophe zusammen. Fast wortlos - die Ein-Wort-Bitte eines Feuerwehrmanns in sein Funkgerät ist so nüchtern, dass auf einmal alles noch viel schlimmer wirkt: "Seelsorge!".

Die Mittvierzigerin hat ein Händchen für Beklemmendes. Das hat sie zuletzt in ihren Illustrationen für John von Düffels Novelle "Hotel Angst" bewiesen, als sie in Schwarz-Weiß dem ehemalige Luxushotel aus Düffels Erinnerungen eine düster schimmernde Szenerie verpasste. Und oft sind es historische Stoffe, denen sie sich in ihren Graphic Novels - die Bezeichnung "Comics" trifft auf ihr Werk längst nicht mehr zu - widmet.

Sei es, dass sie mit dem Spion Richard Sorge Anfang der 1940er durch die mysteriösen Nächte Tokios zieht oder der Geschichte des Massenmörders Fritz Haarmann eine bleistiftharte Realität verleiht, jenes Mannes, der als "Bestie von Hannover" seit seinen Menschen-Schlachtungen in den 1920ern als Urbild des Serienkillers in Deutschland gilt.

Kein Dosenpfand, kein "Sommermärchen"

Nur dass aus den Nuller-Jahren lediglich drei Daten ins Buch fanden, überrascht dann doch: die Währungsumstellung auf den Euro, der Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche und die Konsequenzen des US-Bankencrashs für die deutsche Wirtschaft.

Dabei ist so viel passiert. Die erste Frau an der Spitze der Bundesregierung, das "Sommermärchen" der Fußball-WM 2006, die Einführung von Homo-Ehe und Dosenpfand, der Krieg in Afghanistan, die Amokläufe an deutschen Schulen - nichts davon. Klar, es wird über die sechs Jahrzehnte verteilt vieles geben, das ebenso auf die "Fehlt"-Liste gehörte.

Doch um genau jene thematischen Linien weiterzuführen, die sie im Rest ihres Bandes aufmacht, hätten sich ein, zwei Momente der jüngeren Vergangenheit geradezu aufgedrängt: Schließlich geht es Isabel Kreitz ganz offensichtlich um das Verhältnis der deutschen Bevölkerung zu Krieg, um den Wandel unseres nationalen Selbstverständnisses, kurz: um das Leiden der Deutschen an sich selbst. Und gerade die jüngst vergangene Gegenwart bedarf ab und an eines Korrektivs wie der knallharten Alltagsbeobachtungsgabe, die die Deutschland-Bilderserie insgesamt auszeichnet.

Nimmt man das Buch als ein Porträt deutscher Identität, ist es nicht allzu schlecht um uns bestellt. Denn die süffisante Selbstironie, mit der Isabel Kreitz uns unser Land zeigt, hat eine Leichtigkeit, die uns eigentlich ganz gut zu Gesicht steht. Von wegen blutleer.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Umbriel 04.05.2011
1. Vermutlich
So wie das aussieht verrät das Buch weit mehr über die Autorin als über das Land.
joe_blow 04.05.2011
2. ..
Das Bahnunglück fand bei Eschede statt. Enschede deutet auch mehr auf niederländische Geschichte hin.
frank314 04.05.2011
3. Das wichtigste Ereignis fehlt!
Zitat von sysopOb Fußball-WM,*Wiedervereinigung oder Wirtschaftskrise: Die Comiczeichnerin Isabel Kreitz widmet ihren Band "Deutschland. Ein Bilderbuch"*den wichtigsten*Momenten seit 1949*- und erzählt dabei die kleinen Geschichten neben der großen*Geschichte. Ein kluges Porträt deutscher Identität. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,758993,00.html
Wie die Politische Korrektnis über den Atlantik per Wirbelwind in vermiefte, mittelständische Wohnküchen fegte und dabei ("oh je!") die erste, selbst mitgebrachte Prosecco-Flasche zerdepperte. Der Fernseher lief, Gorbi verkündete das Vodka-Verbot in Russland...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.