Geschichte der Imbissbude Die späte Entdeckung der Currywurst

Mehr als 100 Currywürstchen hat Elisabeth Naumann in den vergangenen Jahren gegessen - alles im Dienste der Wissenschaft. Vor vier Jahren promovierte die heute 80-Jährige über die Imbissbude. Pünktlich zur Frankfurter Buchmesse ist ihre Arbeit jetzt auch als Buch erschienen.

Von Martin Reischke


Neuling: Pünktlich zur Buchmesse erscheint Naumanns Erstlingswerk

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Die "Hinwendung zur Würstchenkultur" kam für Naumann erst spät. Nach ihrer Pensionierung als Gesamtschuldirektorin begann sie im Wendeherbst 1989 ein Soziologiestudium an der Freien Universität in Berlin. "Vorher hatte ich eben keine Zeit zum Studieren", sagt Naumann. Nach dem Krieg war an die Universität nicht zu denken, damals musste sie schnell Geld verdienen. Also wurde Naumann Volksschullehrerin, unterrichtete in ihrem hessischen Heimatort Bad Wildungen und später in Marburg, bevor sie 1977 nach Berlin kam und dort Leiterin einer Gesamtschule wurde.

Dabei war sie keineswegs die Einzige, die als Rentnerin noch einmal Vorlesungen besuchte und Seminare anhörte. Allerdings nicht als Gasthörerin, sondern als reguläre Studentin: "Mein Ziel war der Abschluss." Kaum hatte sie das Diplom in der Tasche, begann sie mit der Doktorarbeit im Fach Kultursoziologie. In einem Seminar zum Thema "Rausch und Drogen - die Versorgung mit Alkohol nach Ladenschluss" war ihr die Idee zum Promotionsthema gekommen.

Distanz zur Currywurst

Von Haus aus ist Naumann eigentlich keine große Wurstesserin. "Aber wenn man dem Forschungsobjekt zu nahe ist, wird die Arbeit zu stark davon beeinflusst", sagt die 80-Jährige. Nur wer die Currywurst distanziert betrachtet, kann auch dem wissenschaftlichen Anspruch der Objektivität gerecht werden. Nur so ist es ihr gelungen, die Imbissbude in all ihren Facetten zu beleuchten: Der Kiosk in der Werbung, in den Medien, als Tatort oder als Metapher für Minderwertiges.

Rund 300 Berliner Kioske hat sie während ihrer Recherche fotografiert und anschließend typologisiert. Da findet sich der moderne genauso wie der historische Kiosk, das "Rundtempelchen" oder der Mehrzweckbau. "Von besonderem architektonischen Reiz sind die alten Verkaufskioske", sagt Naumann. "Heute sind es ja überwiegend Container, nach dem Motto: 'quadratisch, praktisch, pflegeleicht.'" Nur die mobilen Verkäufer, die mit einem Würstchengrill vor dem Bauch ihre heiße Ware an den Mann bringen, bleiben außen vor - schließlich geht es Naumann um den Kiosk als solchen, und nicht um Currywurst oder Pommes rot-weiß.

"Das Wort 'Kiosk' stammt aus dem Persischen, wurde später ins Türkische übernommen und bezeichnet eigentlich ein Gartenhäuschen", erklärt Naumann. Als Pavillon kam der Kiosk dann zunächst über die englischen Gärten nach Europa, im 19. Jahrhundert entwickelte sich das Gartenhäuschen dann zum kleinen Verkaufsstand.

"Ort der Unauffälligkeit"

Die Würstchenbude, wie wir sie heute kennen, gibt es in Deutschland indes erst seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Berliner Wurstverkäuferin Hertha Heuwer soll damals die Currywurst erfunden haben - und ließ sich die Soßenmischung wohl sogar patentieren. "Der Kiosk hat aber nicht nur eine Versorgungs- sondern auch eine soziale Funktion", sagt Naumann. Während sich einige nur schnell eine Wurst in der Mittagspause kaufen wollen, sei die Imbissbude nebenan für viele auch ein Treffpunkt. "Das gilt für das Frankfurter Wasserhäuschen oder die Trinkhalle im Ruhrgebiet genauso wie für die Würstchenbude in Berlin."

Naumann muss es schließlich wissen. Unzählige Male hat sie sich ihre eigene Wurst gekauft und ist mit den Kunden oder Budenbesitzern ins Gespräch gekommen. Sogar im Ausland ist sie auf Entdeckungsreise gegangen. "Der Kiosk ist ein Ort der Unauffälligkeit", sagt sie. Deshalb sind es auch die kleinen, unauffälligen Geschichten, die sie in ihrem Buch erzählt. Zum Beispiel von der "Mutti vom Bahnhof Zoo", einer Berliner Imbissbudenbesitzerin, die immer ein offenes Ohr für die leidvollen Geschichten der Obdachlosen hatte. "Zum Geburtstag hat sie dann von denen einen riesigen Blumenstrauß bekommen", sagt Naumann.

Oder die Geschichte von der Wurstbude in Ost-Berlin, die zum Politikum wurde. Weil der DDR-Staatschef seinen ausländischen Staatsgästen den Anblick langer Warteschlangen an der Imbissbude im real existierenden Sozialismus nicht zumuten wollte, musste der Besitzer seinen Standort an Honeckers Protokollstrecke aufgeben. "Der Budenbetreiber durfte sich dann in einer Nebenstraße einen festen Kiosk bauen", erzählt Naumann.

Schlürfen, Schmatzen, Schlecken

Elisabeth Naumann: "Den Kiosk schätzen gelernt"

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Nach vier Jahren Feldforschung sei es außerdem an der Zeit, einige Vorurteile auszuräumen. "Viele Feuilletonisten schreiben immer wieder über die Verrohung der Essgewohnheiten am Imbisskiosk", sagt Naumann. "Aber auch an der Würstchenbude isst jeder seinem Milieu entsprechend", hat sie beobachtet. "Es wird nicht nur geschlürft, geschmatzt und geschleckt."

Die obligatorische Frage nach der besten Currywurst in der Hauptstadt will sie nicht beantworten. "Es gibt nicht die beste, sondern immer nur die Lieblingswurst", meint Naumann. Zwar sei sie noch immer keine passionierte Würstchenbudengängerin. "Aber ich habe den Kiosk zu schätzen gelernt", sagt die Rentnerin. "Man sollte nicht darauf verzichten."

Deshalb ist es wohl auch ein großer Schritt, wenn sie jetzt mit den beiden Mitbewohnerinnen ihrer Berliner WG ins Allgäu nach Bayern zieht. Ein Neuanfang mit 80 Jahren, noch dazu im Niemandsland der Kioskkultur. Denn: "Die Weißwurst kann man schließlich nur beim Fleischer kaufen."


Elisabeth Naumann: "Kiosk. Entdeckungen an einem alltäglichen Ort. Vom Lustpavillon zum kleinen Konsumtempel" Jonas Verlag, Marburg 2003; 240 Seiten, 20 Euro



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