Geschichte einer Einwanderung "Die Bratwurst ist die Trennlinie zwischen West und Ost"

Wie kommt man als Muslim dazu, doch mal Schweinefleisch zu kosten? Und wie erhält man als Pakistaner den Vornamen Niels? Hasnain Kazim berichtet von der Einwanderung seiner Familie nach Deutschland. SPIEGEL ONLINE veröffentlicht Auszüge aus seinem Buch "Grünkohl und Curry".

Das Kind beim Namen nennen - und zwar einem deutschen: der Autor mit den Eltern

Das Kind beim Namen nennen - und zwar einem deutschen: der Autor mit den Eltern


Meine Mutter machte kurz nach ihrer Ankunft in Deutschland das erste Mal in ihrem Leben Bekanntschaft mit Schweinen. Die Tiere standen in einiger Entfernung auf einer Wiese im niedersächsischen Rastede, sie entdeckte sie, als sie mit Omi und Opi unterwegs war. Omi und Opi, das waren Mariechen und Erich Koch, Verwandte eines deutschen Kollegen meines zur See fahrenden Vaters, die meine Eltern bei sich aufgenommen hatten. "Ich wunderte mich: Was sind das für riesige Viecher? Schafe? Aber sie hatten kein Fell. Schweine kannte ich nur aus pakistanischen Bilderbüchern: kleine, rosafarbene Tiere. Diese Wesen hier waren schwarzbraun und riesengroß, fast so groß wie Kühe."

Sie starrte die Schweine an, sie begriff, dann entfuhr ihr: "Pigs! There are pigs!" Omi fiel diese Szene regelmäßig ein, wenn sie Geschichten von früher erzählte. "Deine Mutter sagte nur 'Pigs!' Und ich: Ja, das sind 'pigs'. Die hatte sie wohl noch nie zuvor gesehen."

Omis schnatterndes Gelächter.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis das Fleisch dieser Tiere auch auf dem Teller meiner Mutter landete. Ich weiß nicht, inwiefern Omi meine Eltern gefragt hat, ob sie Schweinefleisch essen, oder ob sie es ihnen überhaupt angeboten hat. Meine Mutter hatte es bis dahin trotz des Bratengeruchs auf dem Schiff, auf dem mein Vater arbeitete, und bei Kochs zu Hause nicht probiert, weil sie innerlich nicht dazu bereit war - noch nicht. Jahrelang hatte sie gehört, wie eklig Schweinefleisch ist. Sie sah, dass mein Vater an Bord angefangen hatte, Schweinefleisch zu essen, und fand es nicht weiter schlimm. Sie selbst rührte es nicht an. Aber dann briet Omi eines Abends Schweinekoteletts, kochte Kartoffeln und Rotkohl dazu und dünstete im Bratfett Ananasstücke an. Meine Mutter, hochschwanger, hatte großen Appetit.

"Was gibt es zum Abendessen?"

"Koteletts mit Ananas."

"Ah, Koteletts mit Ananas!"

Kotelett hatte sie gelernt und Ananas heißt auch auf Urdu Ananas.

Es schmeckte ihr so gut, dass sie noch heute davon schwärmt. "Aus Pakistan kannte ich Lammkoteletts vom Grill, die sehen fast genauso aus." Allerdings sind die viel schärfer, aber das war wohl zweitrangig. Fortan war Schweinefleisch für meine Mutter kein Problem mehr.

Kein Schwein gehabt

Dass Muslime kein Schweinefleisch essen, ist häufiger mal Gesprächsthema in meinem Bekanntenkreis. Gelegentlich höre ich Bewunderung heraus für die Entbehrung, die Muslime aus religiösen Gründen freiwillig auf sich nehmen durch den Verzicht auf ein schönes Stück Schweinebraten - was ihnen da Leckeres entgeht! Mein Hinweis, dass auch Juden kein Fleisch dieses Tieres und Hindus so gut wie gar kein Fleisch verzehren, zieht meist Erörterungen über die Verderblichkeit von Schweinefleisch, über Trichinen, winzige Fadenwürmer, und über die womöglich als unrein empfundene Lebensweise von Schweinen nach sich - schließlich fräßen sie jeden Dreck und man könne daher schon nachvollziehen, dass manche Menschen das unappetitlich finden.

"Das Schweinefleischverbot hat historisch gesehen sicherlich praktische Gründe", lautet die Schlussfolgerung.

Ich kenne die persönlichen Gründe nicht, weshalb die halbe Menschheit kein Schwein isst. Meine Verwandten in aller Welt verzichten jedoch nicht auf Schweinefleisch, weil sie sich strikt an das Verbot in der zweiten Sure im Koran halten wollen oder weil sie an eine gesundheitsschädliche Wirkung glauben - sie finden es schlicht aus der Tiefe ihrer Seele heraus ekelhaft. Alkoholgenuss ist aus ihrer Sicht noch halbwegs verzeihlich, manche meiner Onkel und Cousins würden zu einem Whisky oder einem Bier nicht Nein sagen. Aber Schweinefleisch? Niemals!

Warum bloß?, wundern sich manche meiner deutschen Freunde, wenn ich ihnen das erzähle.

Die Antwort ist einfach: aus dem gleichen Grund, weshalb einige Leute Hundefleisch nicht unbedingt als Delikatesse betrachten, das manche Chinesen und Koreaner aber als kulinarische Köstlichkeit feiern. Religion, Erziehung, Gewöhnung - Appetit setzt sich aus vielen Faktoren zusammen.

Meine Eltern mochten Kotelett mit Ananas auf Anhieb, aber nicht immer gestaltete sich die Übernahme von Essgewohnheiten so einfach: So manches war äußerst gewöhnungsbedürftig. "Von zu Hause kannte ich, dass Essen gewürzt wird. Hier war das nicht der Fall." Salz und Pfeffer zählen für meine Eltern bis heute nicht zu den ernst zu nehmenden Gewürzen. Omi verwendete nicht einmal Knoblauch - Knoblauch war ihr geradezu verhasst. Nie gab es Chapatis, Rotis, Puris, Naan oder eines der anderen etwa fünfhundert Fladenbrotsorten, selten Reis, stattdessen Kartoffeln - ein Gemüse als Beilage! Man kann Fladenbrot oder Reis doch auch nicht durch Blumenkohl ersetzen!

Wärmstens zu empfehlen

Und dann der andere Rhythmus: nur ein warmes Essen am Tag, meistens mittags. Zu Hause in Karatschi gab es mindestens zweimal eine warme Mahlzeit, oft hatte der Koch sogar zum Frühstück ein Gemüsecurry und heißes Fladenbrot zubereitet.

Mit der Zeit lernten meine Eltern weitere Gerichte kennen und schätzen. Mein Vater mag Bratwürste besonders gerne, während meine Mutter bis heute eine Abneigung gegen Würste aller Art hegt und sie nur isst, wenn es keine Alternative gibt - wie übrigens die meisten meiner Verwandten Würste nicht mögen, sogar hassen, sie wegen ihrer Form für etwas Obszönes und wegen ihrer Konsistenz für etwas Ekelerregendes halten. "Püriertes Fett im Darm, das ist doch pervers!", lautete das Urteil eines Cousins.

Einmal, als uns eine Cousine aus Karatschi besuchte, musste sie sich nach einem einzigen Biss in eine Bratwurst übergeben, während meine Schwester und ich mit Genuss gleich zwei Stücke in uns hineinstopften. Unsere Hemmungslosigkeit bestürzte sie. Heute weiß ich: Die Bratwurst ist eine Trennlinie zwischen West und Ost.

In jener Zeit, als meine Mutter Kotelett mit Rotkohl und Ananas kennenlernte, wurde ich am 19. Oktober 1974 in Oldenburg geboren. Am Tag zuvor war ihr schlecht geworden. Karin, die Tochter der Kochs, und Omi hatten sich in der Küche gestritten, ob das nun Wehen waren oder nicht. Karin setzte meine Mutter und meinen Vater in ihr Auto und fuhr mit ihnen ins Oldenburger Krankenhaus. Meine Mutter erinnert sich: "Eine Krankenschwester, Schwester Edith nannten sie alle, redete ununterbrochen, aber ich verstand kein Wort und sagte zu allem Ja. Keine Ahnung, was sie mir erzählte oder was sie von mir wollte."

Das Namens-Los

Karin fragte meine Eltern, wie das Kind denn heißen solle, und da es damals noch nicht üblich war, vor der Geburt das Geschlecht des Kindes zu kennen, nannte meine Mutter ihr zwei Namen: Ramona und Hasnain. Beides waren Mitte der siebziger Jahre populäre Namen in Pakistan, Hasnain allerdings nur bei den Schiiten - der Name entlarvt meine schiitischen Wurzeln noch heute unter denen, die sich mit dem Islam auskennen.

"Aber das Kind braucht einen deutschen Namen", versuchte Karin meine Mutter zu überzeugen. "Ihr wollt doch in Deutschland leben!" Meine Mutter, mitten in der Wehenhölle, mochte ihr just in diesem Moment nicht ihre England- und USA-Pläne erläutern. Sollte Karin ruhig glauben, dass sie in Deutschland bleiben wollte. Aber sie dachte sich: Wozu ein deutscher Name?

Karin nannte ihr mehrere zu der Zeit in Deutschland beliebte Vornamen, die meine Mutter größtenteils furchtbar fand. Bei dem Vorschlag "Niels" äußerte sie, das klinge gut. Wahrscheinlich erinnerte es sie an "Neil", nur mit einem S am Ende. Karin fasste das wohl als Zustimmung auf. Mein Vater bekam von diesem Gespräch kurz vor meiner Geburt nichts mit.

Der Arzt gratulierte meinen Eltern und verkniff sich nach einem Blick in die Unterlagen nicht die Bemerkung, der Sohn sei ja auf den Tag genau neun Monate nach der Hochzeit geboren worden. Pünktlichkeit war schon immer meine Stärke.

Als er meinen Eltern die Geburtsurkunde aushändigte, traf sie der Schlag: Da stand tatsächlich "Hasnain Niels Kazim" - und Niels war als Rufname unterstrichen.

Karin hatte mich bei einem Standesbeamten gemeldet.

Als meine Eltern mir das zum ersten Mal erzählten, ich war da vielleicht acht Jahre alt, konnte ich es nicht glauben: Ich heiße Niels wegen eines Missverständnisses. "Gegen diesen Namen hatte ich ja nichts, aber ich dachte in diesem Moment, dass meine Eltern mich für komplett verrückt erklären würden", erinnert sich meine Mutter. "Nicht mal einen Monat ist sie in Deutschland, und schon gibt sie ihrem Sohn so einen Namen."

Später erklärte sie ihrem Vater Manzoor Ali Naqvi, wie es zu "Niels" in der Geburtsurkunde gekommen war. Der beruhigte sie: "Wer weiß, am Ende ist es vielleicht gut für den Jungen. Er wird doch sicher im Westen aufwachsen."

Der Niels-Faktor

Heute bin ich hin- und hergerissen, wie ich die Tatsache finden soll, dass ich nicht nur Hasnain, sondern auch Niels heiße. Einerseits hat so der deutsche Anteil in mir einen - eigentlich skandinavischen - Namen, und allein schon die skurrile Art und Weise, wie ich zu diesem Namen gekommen bin, lässt ihn mich akzeptieren. Andererseits: Hasnain Niels Kazim, das ist wie Dieter Mohammed Müller - es passt einfach nicht zusammen. Und unter Niels stelle ich mir einen hellhäutigen, blonden Hünen vor, was nicht gerade meinem Ebenbild entspricht.

Müsste ich die indischen, pakistanischen und deutschen Anteile in mir abwägen - ich meine nicht die genetischen, sondern die gefühlten -, dann wäre ich allerdings ein kleines bisschen mehr Niels als Hasnain. Es gab Zeiten im Kindergarten und in der Grundschule, da hätte ich den Namen Hasnain am liebsten getilgt und meine braune Haut und die schwarzen Haare gleich dazu und alles durch Niels und nielskonformes Äußeres ersetzt. Ich war froh, dass mich meine Kindergartenfreunde "Hansi" nannten. Sie wussten nichts von meinem richtigen Namen.

Längst habe ich mich mit Hasnain versöhnt. Über viele Jahre stand Niels nicht in meinem Reisepass, in keinem meiner Zeugnisse taucht dieser Name auf, er war irgendwann unter den Tisch gefallen, bis vor wenigen Jahren eine Sachbearbeiterin im Einwohnermeldeamt bei der Ausstellung eines neuen Reisepasses meine Geburtsurkunde sehen wollte. Seither steht Niels wieder drin. Meinen vollen Namen schreibe ich nur in Formularen, der Vollständigkeit halber. Mit Niels habe ich noch nie unterschrieben.



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