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Geschichte einer Einwanderung: "Sag ihm, wir nehmen es für fünfzig"

Was macht ein Junge, wenn die Tante aus Pakistan zu Besuch kommt und im Laden in der deutschen Provinz feilschen will? Ein dummes Gesicht. Hasnain Kazim berichtet in "Grünkohl und Curry" von der Auswanderung seiner Familie nach Deutschland - und einem Spagat, der oft ganz schön schmerzt.

Geübt im Spagat zwischen den Kulturen: Hasnain Kazim bei seiner Einschulung 1981 Zur Großansicht

Geübt im Spagat zwischen den Kulturen: Hasnain Kazim bei seiner Einschulung 1981

Wie viel Integration ist eigentlich nötig? In welchem Gesetz steht, was man tun muss, um in Deutschland leben zu dürfen? Und wie wird man Deutscher? Wenn man auf deutschem Boden geboren wird? Oder nur, wenn man von einem Deutschen abstammt? Auf Antrag?

Und kann man zwei Welten miteinander vereinen? Kann man Christ und Muslim zugleich sein? Kann man es seinen deutschen Freunden und seiner islamischen Verwandtschaft zugleich recht machen? Den Sohn beschneiden lassen, weil die islamische Tante das erwartet, und wenig später taufen lassen, um eine größtmögliche Integration zu vollziehen?

Sicher doch: Wer in einem anderen Land leben will, sollte mit den Einheimischen feiern und trauern und die dortigen Gepflogenheiten respektieren - aber inwieweit muss er sein eigenes Leben danach ausrichten? Was ist mit der alten Heimat, den zurückgebliebenen Verwandten, den Wurzeln?

Meine Eltern haben versucht, uns Kindern die Antworten zu geben. Wir feiern christliche Feste in Deutschland und islamische, wenn wir in Pakistan sind. Wir essen an einem Tag Grünkohl mit Pinkel, am anderen Curry. Hören Bach und Bhangra. Wir leben in beiden Welten, mal mehr in dieser, dann wieder mehr in jener. Wir sitzen nicht zwischen den Stühlen, sondern springen von einem Stuhl zum anderen und wieder zurück. Ich fühle mich als Deutscher. Und Europäer. Und Inder. Und Pakistaner. Und Südasiat.

Spagat zwischen zwei Heimaten

Einfach ist das nicht. Wie deutsch kann man als braunes Kind in Hollern-Twielenfleth sein? Wie pakistanisch in Karatschi, wenn man nur als Kleinkind eineinhalb Jahre dort gelebt hat?

Das Dilemma, in das wir Einwandererkinder geraten, ist, dass es so viele Fragen, aber kaum Antworten gibt. Fragen, die sich den anderen Menschen nicht stellen. Die Antworten, die uns unsere Eltern geben, sind nicht unsere Antworten. Wir müssen uns neu definieren. Sicher, jeder Jugendliche muss das, aber für uns ist es viel schwieriger. Wohin gehören wir?

"Klar, du bist Deutscher, was für eine blöde Frage", sagen meine Freunde.

Wenn es nur so einfach wäre.

In der Grundschule fragte mich mal ein Klassenkamerad: "Wenn Deutschland Fußball gegen Pakistan spielt, für wen bist du dann?" Gott sei Dank spielen Pakistaner miserabel Fußball.

Ein Cousin zweiten Grades in Indien wollte vor einigen Monaten wissen: "Wenn es zum Krieg zwischen Indien und Pakistan käme, wo liegen da deine Loyalitäten?"

Für uns Einwandererkinder, die wir unsere Wurzeln nicht kappen wollen, gilt: Unsere alte Heimat fordert, auch wenn wir nie dort gelebt haben, genauso unsere Loyalität wie die neue. Das ist das Problem. Wir müssen einen Spagat vollbringen: es beiden Seiten recht machen, uns selbst und anderen beweisen, wohin wir gehören. Ein Spagat, der gelingen muss, auch wenn die Beine alles andere als biegsam sind. Wenn das Kunststück gelingt, ist es eine Bereicherung: ein Leben in zwei Kulturen, mehrsprachig, weltläufig, bewundert. Wenn es scheitert, ist man arm dran: in keiner Welt zu Hause, in keiner Sprache richtig gut.

Wir hatten verdammtes Glück.

(...) Nur selten kam es zum Zusammenprall der Kulturen. Zum Beispiel im Sommer 1988, als uns eine Tante aus Karatschi besuchte. Sie wollte mir einen Wunsch erfüllen. Gleich bei ihrer Ankunft versprach sie mir, sie wolle mir etwas kaufen, was ich schon immer haben wollte. Ich musste lange überlegen, bis mir einfiel, dass ich ein Diktiergerät brauchte. Ich besuchte inzwischen das Vincent-Lübeck-Gymnasium in Stade und schrieb dort für die Schülerzeitung. So ein Aufnahmegerät, wie es die richtigen Reporter hatten, wünschte ich mir.

"Sag ihm, wir nehmen es für fünfzig"

Wir fuhren nach Stade zu einem Elektronikladen. Meine Tante trug einen gelben Sari, darüber einen braunen Strickpullover, weil es für ihre Verhältnisse an diesem sonnigen deutschen Sommertag zu kalt war. Sie sah merkwürdig aus und fiel extrem auf. Mir was das ein bisschen peinlich.

Der Verkäufer zeigte uns ein Gerät, das mir gefiel. Es sollte neunundneunzig Mark kosten.

Meine Tante sagte auf Urdu: "In Ordnung, sag ihm, wir nehmen es für fünfzig."

Ich schaute sie an. "Für fünfzig? Es kostet aber neunundneunzig Mark. In Deutschland kann man nicht handeln."

"Okay, sag ihm, wir zahlen siebzig."

Der Verkäufer warf mir einen fragenden Blick zu.

"Äh, meine Tante möchte nur siebzig Mark dafür zahlen." Ich verschwieg, dass sie bei fünfzig Mark eingestiegen war.

Der Verkäufer lachte.

"Es kostet neunundneunzig, ich kann Ihnen leider keinen Rabatt geben."

"Was sagt er?", fragte meine Tante. Ich übersetzte für sie.

"Sag ihm fünfundsiebzig Mark", war ihre Reaktion.

Mir wurde die Situation immer peinlicher.

"Man kann in Deutschland nicht handeln. Du musst die Summe zahlen, die auf dem Preisschild steht."

"Neunzig Mark?"

"Bitte, kauf es nur, wenn du bereit bist, neunundneunzig Mark zu zahlen. Wir können hier nicht mit dem Händler über den Preis streiten."

Der Verkäufer stand sichtlich genervt mit dem Aufnahmegerät in der Hand da.

"Also, wollen Sie es haben oder nicht?"

Meine Tante überlegte eine Minute lang, dann entschied sie sich.

"Gut, wir nehmen es. Aber kann er uns nicht wenigstens die Batterien dazugeben und vielleicht eine Packung mit Kassetten?"

Marktkunde mit der kleinen Frau im Sari

Meine Mutter stand die ganze Zeit gelassen daneben. Sie mischte sich in das Gespräch nicht ein, sondern lächelte nur - als wollte sie sagen: Na sieh mal an, jetzt stoßen also westliche und östliche Welt in diesem kleinen Elektroladen aufeinander.

Der Verkäufer hatte die Begriffe "Batterie" und "Kassette" verstanden und sagte, bevor ich ihm die Frage meiner Tante übersetzen konnte: "Ja, ja, Sie bekommen Batterien und Kassetten dazu."

Sich in eine neue Kultur einzufinden, ist mehr, als eine neue Sprache zu lernen, sich an anderes Essen zu gewöhnen, sich mit einer fremden Religion, ungewöhnlichen Bräuchen und Traditionen vertraut zu machen. Es gehören viel alltäglichere Dinge dazu wie: Heißt ja wirklich ja und nein nein? Wie verbindlich sind Einladungen? Wie pünktlich muss man zu Terminen erscheinen? Gibt man sich zur Begrüßung die Hand? Muss man die Schuhe ausziehen, wenn man ein Haus betritt? Darf man sich in der Öffentlichkeit die Nase putzen, soll man nach dem Essen rülpsen, kann man Hand in Hand mit dem Partner durch die Stadt bummeln, muss man auf bestimmte Kleidung achten? Und, in diesem Fall: Ist Feilschen in Geschäften erlaubt? Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, Fehler zu machen.

Das Aufnahmegerät benutze ich immer noch, und bei jedem Einsatz muss ich daran denken, wie meine Tante es mir gekauft hat: diese kleine Frau im Sari in dem Stader Elektronikladen. Heute freue ich mich über diese Szene. Es war eine Lehrstunde in marktwirtschaftlicher Preisbildung und in Kulturwissenschaften. Es war ein Stück Globalisierung.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 162 Beiträge
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1. .
Poisen82, 21.09.2009
Man muss wissen wo seine Loyalität liegt. Entweder man lebt hier oder ist auf der Durchreise. Der Versuch auf zwei Stühlen zu sitzen ist meist zum scheitern verurteilt. Gut zu sehen an den Deutschen die ja eigentlich keine Deutschen sein wollen, sondern Türken die durch zufall einen deutschen Pass haben und hier von der Wiege bis zur Bahre leben. In dem Geschäft hat der Author des Buches Farbe bekannt und in Deutschland nach deutschen Sitten leben möchte.
2. No, No
bürger mr 21.09.2009
Zitat von Poisen82Man muss wissen wo seine Loyalität liegt. Entweder man lebt hier oder ist auf der Durchreise. Der Versuch auf zwei Stühlen zu sitzen ist meist zum scheitern verurteilt. Gut zu sehen an den Deutschen die ja eigentlich keine Deutschen sein wollen, sondern Türken die durch zufall einen deutschen Pass haben und hier von der Wiege bis zur Bahre leben. In dem Geschäft hat der Author des Buches Farbe bekannt und in Deutschland nach deutschen Sitten leben möchte.
Sooooo einfach ist das beileibe nicht,auch als andersstaatlicher nichttürkischer Herkunft bleibt es schwer mit den deutschen Befindlichkeiten.
3. Kommt drauf an ...
Zuul, 21.09.2009
Ich frage mich oft, ob sich die westlichen Gesellschaften nicht immer mehr dahin entwickeln, dass frühere "kulturelle" oder einfach regionale Gepflogenheiten zur Privatsache werden. - Ziehe ich die Schuhe im Haus aus? Manchmal, kommt drauf an, wo ich bin. - Gebe ich die Hand oder umarme ich? Kommt drauf an ... - Trinke ich Alkohol in gegenwart der Anderen? Kommt drauf an .. - Achte ich auf koschere Lebensmittel oder kaufe ich halal? kommt drauf an ... - Stelle ich Fragen nach politischer oder religiöser Meinung/Ausrichtung? Kommt drauf an ... - Mache ich Witze über dies und jenes? Kommt drauf an ... - Schläft meine Tochter mit dem Kerl aus der Disco? Kommt drauf an ... - Muss mein Sohn tun, was ich will? Kommt drauf an ... Ich bin der Überzeugung, dass man diese Lektion lernen muss. Wir nehmen uns im Westen die Freiheit, unsere Sitten und Bräuche von Nachbar zu Nachbar anders sein zu lassen. Das mag verwirren, wenn Einwanderer aus einer enger und fester geregelten Alltagswelt zu uns kommen. Und es ist auch der Grund, warum sich viele nicht zurechtfinden - es gibt einfach keinen deutschen Sittenkanon, der den Alltag so tiefgehend regelt.
4. Integration
Sheherazade, 21.09.2009
Zitat von ZuulIch frage mich oft, ob sich die westlichen Gesellschaften nicht immer mehr dahin entwickeln, dass frühere "kulturelle" oder einfach regionale Gepflogenheiten zur Privatsache werden. - Ziehe ich die Schuhe im Haus aus? Manchmal, kommt drauf an, wo ich bin. - Gebe ich die Hand oder umarme ich? Kommt drauf an ... - Trinke ich Alkohol in gegenwart der Anderen? Kommt drauf an .. - Achte ich auf koschere Lebensmittel oder kaufe ich halal? kommt drauf an ... - Stelle ich Fragen nach politischer oder religiöser Meinung/Ausrichtung? Kommt drauf an ... - Mache ich Witze über dies und jenes? Kommt drauf an ... - Schläft meine Tochter mit dem Kerl aus der Disco? Kommt drauf an ... - Muss mein Sohn tun, was ich will? Kommt drauf an ... Ich bin der Überzeugung, dass man diese Lektion lernen muss. Wir nehmen uns im Westen die Freiheit, unsere Sitten und Bräuche von Nachbar zu Nachbar anders sein zu lassen. Das mag verwirren, wenn Einwanderer aus einer enger und fester geregelten Alltagswelt zu uns kommen. Und es ist auch der Grund, warum sich viele nicht zurechtfinden - es gibt einfach keinen deutschen Sittenkanon, der den Alltag so tiefgehend regelt.
Ich denke, das Schwierige sind gar nicht mal die feststehenden Bräuche (dass man in Deutschland zur Begrüssung die Hand gibt, beispielsweise), denn das kann man lernen. Schwieriger sind all die Dinge, die mehr unterbewusst ablaufen. Deutschland erlebe ich als Land, wo die Leute in den meisten Fällen ehrlich ihre Meinung sagen, was ich persönlich gut finde, aber überall auf der Welt ist das nicht selbstverständlich und manchmal werden Dinge eher angedeutet und man hofft, das Gegenüber versteht, was man zum Ausdruck bringen möchte. Viele Missverständnisse können aus falsch verstandenen Gesten oder Ausdrucksweisen entstehen. Was ich nicht verstehe ist, dass viele Europäer (nicht nur die Deutschen) Integration da fordern, wo es sie schlicht nichts angeht. Was ich meine ist: natürlich werde ich als Muslimin auch in Europa versuchen, Fleisch zu kaufen, dass halal ist und wenn es das nicht gibt, dann eben vegetarische Gerichte kochen. Auch werde ich meine Kinder ganz bestimmt nicht Sven, Dorothea, Paul etc. nennen oder sie taufen lassen, nur um als "besser integriert" zu gelten, ich denke, diese Dinge tun niemandem weh, oder sehe ich das falsch? Ich habe absolut nichts dagegen, mit christlichen Freunden deren Feste zu feiern, oder sie zu unseren Festen einzuladen und sehe das als kulturelle Bereicherung aber ich finde, man sollte nicht gezwungen sein, sein Privatleben so umzustellen, wie es nicht den eigenen Überzeugungen entspricht.
5. .
Steve Holmes 21.09.2009
Zitat von Poisen82Man muss wissen wo seine Loyalität liegt. Entweder man lebt hier oder ist auf der Durchreise. Der Versuch auf zwei Stühlen zu sitzen ist meist zum scheitern verurteilt. Gut zu sehen an den Deutschen die ja eigentlich keine Deutschen sein wollen, sondern Türken die durch zufall einen deutschen Pass haben und hier von der Wiege bis zur Bahre leben. In dem Geschäft hat der Author des Buches Farbe bekannt und in Deutschland nach deutschen Sitten leben möchte.
Die sind jedoch nicht nationalistisch definiert. Wenn afghanische Aufständische ihre Freiheit verteidigen haben sie meine Sympathie, auch wenn dabei deutsche Soldaten umkommen. Loyalität empfinde ich für meine Familie und für Menschen die in meinen Augen das richtige tun. Ich kann nichts dafür, daß ich deutsch bin. Daher bin ich weder stolz darauf noch schäme ich mich dafür. Deswegen fühle ich mich aber auch nicht verpflichtet religiöse Feste zu feiern nur weil viele Deutsche das tun. Und falls ich jemals in einem moslemischen Land leben sollte würde ich auch deren Feste nicht mitfeiern.
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Grünkohl und Curry.

DTV Deutscher Taschenbuch Verlag; 260 Seiten; gebunden; 14,90 Euro.

Hasnain Kazim wurde 1974 im niedersächsischen Oldenburg geboren und wuchs in dem Dorf Hollern-Twielenfleth im Alten Land, vor den Toren Hamburgs, sowie in Karatschi, Pakistan, auf. Er studierte Politikwissenschaft und schrieb unter anderem für die "Heilbronner Stimme". Ab 2006 war er Redakteur von SPIEGEL ONLINE, seit Juli 2009 ist er Südasienkorrespondent von SPIEGEL ONLINE und SPIEGEL.

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