Geschichten aus der Gruft: Rätsel um Schillers Schädel-Double

Wer trieb Schabernack mit Schillers Überresten? Der in der Weimarer Fürstengruft eingelagerte Schädel gehörte gar nicht dem berühmten deutschen Dichter. Experten und Forensiker versuchen nun zu klären, wer den Kopf vertauscht hat. Einen Verdacht haben sie schon.

"Wir haben die Wahrheit herausgefunden", sagte Hellmut Seemann, Präsident der Klassik Stiftung Weimar, dem SPIEGEL. DNA-Analysen an Friedrich Schillers Gebeinen in der Weimarer Fürstengruft und an denen seiner engsten Verwandten haben ergeben, dass der Schädel in Schillers Sarg nicht dem Dichter gehört.

Zweifel an der Echtheit des Dichter-Hauptes zu Weimar gibt es bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts, als der Hallenser Anatom Hermann Welcker 1883 behauptete, der 1826 vom Weimarer Bürgermeister Carl Leberecht Schwabe höchstpersönlich geborgene Schädel passe nicht zu den Totenmasken Schillers. 1911 wurde der Streit erneut befeuert, als der Tübinger Forscher August von Froriep erneut in die Armengruft des Kassengewölbes auf dem Jakobsfriedhof hinabstieg, alle 63 dort befindlichen Schädel barg und kurzerhand eines seiner Fundstücke zum echten Schiller-Schädel erklärte. Als Kompromiss wurde der Froriep-Schädel bald darauf in einem Extra-Sarg zum Schwabe-Schädel in die Fürstengruft gelegt - und in Weimar lagerten fortan gleich zwei Skelette, die Schiller zugeschrieben werden konnten.

Verwirrende Familienverhältnisse

Zeit verstrich, Klassikfans und Touristenmassen strömten, um Goethes und Schillers Gebeine zu sichten, doch die Skepsis über die Echtheit der Knochen blieb bestehen. Im Auftrag des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) und der Klassik Stiftung Weimar machte sich Ende 2006 ein internationales Team aus Forensikern, DNA-Experten und Anthropologen auf, mittels moderner Technik endlich die Wahrheit herauszufinden. Die Forschungsergebnisse flossen in die MDR-Dokumentation "Der Friedrich-Schiller-Code".

Tatsächlich erinnern die Erkenntnisse der Forscher an einen Thriller im Stile Dan Browns. Denn zunächst wurde mittels Computertomographie und neuester Gesichtsweichteilrekonstruktion erneut der Schwabe-Schädel vermessen - mit dem Ergebnis, das das Relikt in Form und Größe nahezu perfekt mit bekannten Schiller-Porträts übereinstimmt. Auch ein erneutes, diesmal virtuelles Anpassen der alten Totenmasken am Computer deutet daraufhin: Der erste Schädel ist Schillers Schädel. Der Froriep-Schädel hingegen entpuppt sich als Mogelpackung: Laut SPIEGEL-Informationen ergaben die CT-Aufnahmen des später entdeckten Kopfes starke Ähnlichkeit mit der Totenmaske Louise von Göchhausens auf, einer buckligen Kammerfrau der Herzogin Anna Amalia.

So weit, so gut, doch die DNA-Analyse lässt die vermeintliche Gewissheit wieder in sich zusammenfallen: Nach diversen Exhumierungen naher wie entfernter Verwandter des Dichterfürsten stellt sich den Forschern ein verwirrendes Bild dar: "Wenn der Fürstengruft-Schädel doch von Schiller sein sollte, kann Schiller nicht der Sohn seiner Mutter gewesen sein", sagte der Genealoge Ralf G. Jahn dem SPIEGEL. "Zudem wären seine Söhne Carl und Ernst Kuckuckskinder von demselben Liebhaber ihrer Mutter." Dieser aber, so Jahn, müsse dann der Sohn eines Verwandten ersten Grades von Schillers Schwester Christophine gewesen sein.

Sehr unwahrscheinlich. Wie also kommt ein Schädel in die Fürstengruft, der Schillers Kopf zum Verwechseln ähnelt, genetisch aber überhaupt nicht passt? Kurz vor Abschluss des aufwändigen Forschungsprojekts kommt unter den Experten ein schlimmer Verdacht auf: Wurde Schillers Schädel von Grabräubern gestohlen und das echte Relikt durch ein Double ersetzt? Auf diese Ungeheuerlichkeit deutet auch die Analyse des Gebisses des Schwabe-Schädels hin. Offenbar wurden Zähne im Kiefer des Schädels sehr fachmännisch ausgetauscht, damit das Zahnbild dem des Dichters ähnelt.

Schädeljäger unter Verdacht

Der Verdacht fällt auf den Anatom Franz Joseph Gall, einem fanatischen Schädel-Sammler, der glaubte, anhand der Schädelform die Eigenschaften des menschlichen Charakters bestimmen zu können. Schon kurz nach Schillers Tod 1805 reiste Gall nach Weimar, um dort vor Gelehrten Vorträge über seine Schädellehre zu halten. Er fand zu jener Zeit viele Anhänger und Jünger, die allesamt als Schädeljäger berüchtigt waren.

Zu ihnen gehörte auch Ludwig Friedrich von Froriep, der Großvater des Anatomen August von Froriep, der 1911 die Echtheit des Fürstengruft-Schädels in Zweifel gezogen hatte. Froriep senior, so glaubt der Genealoge Jahn, habe "für einen Austausch des Schiller-Schädels durch einen Doppelgänger Zeit, Motiv und Gelegenheit gehabt." Irgendwann zwischen 1805 und 1826, vermutet Jahn im SPIEGEL, könnte Froriep den Kopf aus dem Kassengewölbe, wo Schiller ursprünglich begraben lag, entwendet und durch einen täuschend ähnlichen ersetzt haben. Auswahl müsste der Schädel-Fan genug gehabt haben: Seine Sammlung soll 1811 bereits 1500 Exponate umfasst haben.

Ist nun, nach solch ernüchternder - wiewohl spannender - Forschungsarbeit, Weimar als Hort der Dichter-Gebeine nicht mehr attraktiv als Pilgerstätte? "Es ist eine Wunderlichkeit mehr, die dieses Weimar einzigartig macht: Dass hier nicht nur Dichter bei Fürsten liegen, sondern ein Dichter - gemeint ist Goethe - ein vollständiges Skelett hat und der andere gar keins", sagt Hellmut Seemann. Er glaubt nicht, dass jetzt die Besucher ausbleiben werden, "im Gegenteil".

bor

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