Holocaust-Spurensuche: Es waren die Deutschen, nicht die Nazis

Von Thomas Andre

KZ Auschwitz: "Ein Ort, an dem alle Horizonte verschlossen sind" Zur Großansicht
REUTERS

KZ Auschwitz: "Ein Ort, an dem alle Horizonte verschlossen sind"

Das moralische Versagen Deutschlands: In seiner Holocaust-Spurensuche "Ein kurzer Aufenthalt" zeigt Göran Rosenberg am Beispiel des eigenen Vaters, wie ein KZ-Häftling auch nach 1945 von Höllenqualen heimgesucht - und von zynischen Bürokraten um seine Rechte gebracht wird.

Das Wort taucht immer wieder auf: "Sprachverwirrung". Jemand spricht in Wörtern, die ein anderer nicht versteht. Im Falle von David Rosenberg sind diese Worte Auschwitz, der Unwert des eigenen Lebens, Terror, Qual, Verlust und Schmerz. Wer kann damit etwas anfangen im Schweden der fünfziger Jahre? Wird überhaupt je irgendwann irgendjemand damit etwas anfangen können? Warum dreht sich die Erde einfach weiter, obwohl das Leben von sechs Millionen Menschen ausgelöscht wurde?

David Rosenbergs Trauma ist der Holocaust, dem er entkam. Göran Rosenbergs Trauma ist der Tod seines Vaters.

Ebenjenes David Rosenbergs, der sich 1960 in dem kleinen Ort Södertälje das Leben nahm. Er überlebte Auschwitz doch nicht, und von dieser Tragödie erzählt der schwedische Publizist und Dokumentarfilmer Göran Rosenberg in seinem Buch "Ein kurzer Aufenthalt", das in seiner Heimat mehrfach ausgezeichnet wurde. Es ist ein Mosaik aus Erinnerungssplittern, das Rosenberg mühsam zusammensetzt, eine kühle Spurensuche in der eigenen Kindheit und nach den Geschehnissen vor seiner Geburt. Gezeichnet wird das Bild eines Mannes, der keine Heimat mehr findet und daran scheitert, in einem neuen Leben die Vergangenheit hinter sich zu lassen: "Für dich ein Ort, an dem alle Horizonte verschlossen sind".

Aus dem Überleben wird kein Weiterleben. Nicht so sehr, weil es auch in Schweden Erscheinungsformen von Antisemitismus gibt, sondern weil der Herkunftsort und mit ihm der sichere Halt unter den Füßen vollkommen verschwunden ist. David Rosenberg reist nach Lodz, Polen ist ihm fremd geworden. Einzig Israel ist eine Möglichkeit, anders als sein Bruder wagt Rosenberg den Schritt jedoch nicht.

Recherchen in der Bundesrepublik

Briefe an den Bruder in Israel, Korrespondenzen zwischen den Eltern, Erzählungen der Mutter, die ihrerseits die Shoah überlebte - es ist nicht viel, was Göran Rosenberg zur Verfügung steht, um sich in das Schicksal des Vaters einzufühlen. Indem er, der persönlich Betroffene, dies aber tut, erzählt er gleichzeitig eine Geschichte des barbarischen 20. Jahrhunderts. Der Zivilisationsbruch der Nazis, die Rosenberg stets "die Deutschen" nennt, ist entscheidend für alles, was nach 1939 geschieht. Die Deutschen pferchen die Rosenbergs im Ghetto ihrer Heimatstadt Lodz (Litzmannstadt) ein, von dem zuletzt Rosenbergs Landsmann Steve Sem-Sandberg in "Die Elenden von Lodz" erzählt hat. David und sein Bruder überleben die Liquidierung des Ghettos, und sie überleben auch Auschwitz. Später arbeiten sie als Zwangsarbeiter in Braunschweig. In den Wirren des Kriegsendes verschlägt es sie mit der Hilfe des Roten Kreuzes nach Skandinavien.

Göran Rosenberg besucht im Zuge seiner Recherchen auch Deutschland, um die Wege seines Vaters zu verfolgen. Diese Wege sind es, die David Rosenberg, der nach dem Willen der Herrenmenschen genauso wenig wie die anderen Juden überleben sollte, später in eine tiefe Depression stürzen. Warum ist ausgerechnet er mit dem Leben davon gekommen?

Es ist lange bekannt, dass es unter den Juden, die nicht wie ihre Verwandten und Freunde im Konzentrationslager starben, oftmals eine Art Überlebenssyndrom gab. Autoren wie Jean Améry, der 1978 Selbstmord beging, und Primo Levi ("Ist das ein Mensch?") schrieben darüber. Göran Rosenberg übernimmt dies posthum für seinen Vater. Er schildert auch den Kampf um Wiedergutmachung Ende der fünfziger Jahre. Es überkommt einen brennende Scham, wenn man von der zynischen Bürokratie der Bundesrepublik liest. Mit peinlicher Strenge überprüfte der NS-Nachfolgestaat jeden Anspruch, der im Falle David Rosenbergs völlig falsch bewertet wurde.

Kürzlich veröffentlichte Kabinettprotokolle aus der Ära Adenauer verdeutlichten überdies noch einmal, dass die milliardenschweren Zahlungen an den neu gegründeten Staat Israel in erster Linie nicht der Einsicht der Bundesrepublik, sondern dem Druck der USA geschuldet waren. Das moralische Versagen Deutschlands erscheint erschütternd.

Die Lektüre der Familiengeschichte Rosenberg ist eine traurige Angelegenheit. Literarisch anspruchsvoll, aber ganz im Geiste des Vergeblichen geschrieben. "Ich leide Höllenqualen und kann nicht mehr. Ich kann nicht unter normalen Menschen leben", schrieb David Rosenberg in seinem Abschiedsbrief.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Joachim Bessings "Untitled", Peter Fröberg Idlings "Pol Pots Lächeln", Christos Ikonomous "Warte nur, es passiert schon was" , Jérôme Ferraris "Predigt auf den Untergang Roms", Torsten Schulz' "Nilowsky", Mo Yans "Frösche" und Ernst-Wilhelm Händlers "Der Überlebende".

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Literatur
RSS
alles zum Thema Literatur
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Buchtipp

SPIEGEL ONLINE
Was lesen? Was kaufen? Was verschenken?

Die aktuelle Taschenbuch-Bestsellerliste: Welche Titel sind gerade heiß begehrt.

Jede Woche bei SPIEGEL ONLINE.

Übersicht: Alle Bestseller