Emanzipations-Kinderbuch Gute Nacht, Geschlechterklischees!

Gleichberechtigung im Kinderzimmer: Zwei italienische Autorinnen haben Gute-Nacht-Geschichten ganz ohne schwache Mädchen und starke Jungen geschrieben: "Good Night Stories for Rebel Girls".

Helene Morais Soares/ Timbuktu Labs

Von Yalda Franzen


Jakob und Wilhelm Grimm sammelten im 19. Jahrhundert Geschichten von Rittern, Prinzen und Bauernsöhnen, die unerschrocken gegen Mächte ankämpfen. So kanonisch diese Märchen heute sind: Sie spiegeln antiquierte Geschlechterverhältnisse: Männer sind die Macher, während Frauen warten. Darauf, aus dem Turm befreit zu werden, darauf, gerettet zu werden - oder gleich auf die langersehnte Hochzeit. Und häufig auf alles zusammen.

Bestürzend ist, dass nicht nur traditionelle Märchen, sondern auch deutlich modernere Kinder- und Erwachsenenbücher derart einengende Geschlechterbilder reproduzieren. Hier kommen Elena Favilli, Journalistin und Medienberaterin, sowie Francesca Cavallo, Schriftstellerin und Theaterregisseurin, ins Spiel. Die beiden gründeten 2010 ein Unternehmen für Kindermedien, um Märchen und Kinderbücher von ihrem patriarchalen Gewand zu befreien.

Hierfür starteten sie eine Crowdfunding-Kampagne - und bewarben ihre Idee eines feministischen Gute-Nacht-Buchs mit einem aufrüttelnden Video: Mutter und Tochter stehen vor dem Bücherregal, sie sortieren Bücher aus: Bücher, in denen keine Frauen vorkommen; Bücher, in denen Frauen auf schweigende Wesen beschränkt sind; am Ende noch alle Prinzessinnengeschichten. Das ehemals volle Bücherregal ist fast leer. Daraufhin fragt das Mädchen den Bibliothekar: "Excuse me Sir, I want to go to Mars - do you have a book for that?" Das Video ging viral, innerhalb kürzester Zeit sammelten Favilli und Cavallo über eine Million Dollar. Damit wurde "Good Night Stories for Rebel Girls" zum erfolgreichsten Kinderbuch in der Geschichte des Crowdfunding.

In "Good Night Stories for Rebel Girls", das jetzt auch auf deutsch erscheint, wenden sich die Machtverhältnisse zugunsten der Frauen. Die Protagonistinnen der Geschichten befreien sich aus der historischen Hilflosigkeit, räumen beiseite, was ihnen den Weg versperrt.

Auf 240 Seiten werden historische Vorreiterinnen - von Frida Kahlo bis Simone Biles - porträtiert, ergänzt mit Illustrationen. Herausgekommen sind Geschichten mit Biss. Mit dem Genre Märchen hat das zwar nicht mehr viel zu tun - aber gerade weil hier keine Fantasiefiguren porträtiert werden, wirken die Geschichten umso eindrücklicher: etwa die von Manal al-Sharif, die sich 2011 in Saudi-Arabien hinters Steuer setzte und ein Video der gewagten Aktion postete. 2018 soll ein Gesetz, welches beiden Geschlechtern das Autofahren erlaubt, in Kraft treten. Nicht alle porträtierten Frauen konnten die Früchte ihres Aufbegehrens ernten. So wurde die russische Journalistin Anna Politkowskaja, die über Tschetschenien berichtete, beinahe vergiftet und starb 2006 eines gewaltsamen Todes.

Aber nicht alle dargestellten Rebellinnen sind unumstrittene Vorbilder. So wird zum Beispiel Margaret Thatcher als eine Frau mit starkem Willen und eigenem Kopf angeführt. Fast schon grotesk verniedlichend klingt hier die Beschreibung der Eisernen Lady: "Sie hat immer getan, was sie für richtig hielt. Manche Menschen mochten sie wegen ihrer direkten Art, andere fanden sie unhöflich." Als Premierministerin verschrieb sie sich eben gerade nicht der Gleichstellung der Frau. Durch ihre rigorose Sparpolitik wurden vielmehr Mittel für Ausbildungsprogramme und soziale Dienste gekürzt.

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Elena Favilli, Francesca Cavallo:
Good Night Stories for Rebel Girl

Hanser Literaturverlage; 224 Seiten; 24,00 Euro

Wahrscheinlich geht es den Autorinnen darum, nicht nur eine Art des Gegenentwurfs zur passiven Frau zu schaffen, sondern die real existierende, breite Palette weiblichen Tatendrangs sichtbar zu machen. In dieser Hinsicht kann man sich auch mit dem Porträt Thatchers versöhnen.

Die einzige unauflösbare Problematik betrifft die Zielgruppe des Buches, denn die Texte sind zwar sehr verständlich geschrieben, jedoch angereichert mit Bezügen zu Holocaust, Apartheid und Rassismus. Dadurch sind die Geschichten für Kinder unter 10 Jahren ohne Kontextualisierung nur schwer zu erschließen. Für Kinder über 12 Jahren sind sie wiederum zu wenig fordernd.

Im traditionellen Märchen heißt der Erziehungsauftrag vordergründig: "Die Guten werden am Ende gewinnen." Tatsächlich verbirgt sich dahinter zumeist: "Die Männer werden es schon richten." Bei "Good Night Stories for Rebel Girls" ließe sich die Botschaft so zusammenfassen: Wie ein Leben sich gestaltet, kann man nicht wissen; aber wer für seine Träume und Ideen einsteht, integer lebt und aufbegehrt, der trägt zu seinem eigenen Glück und meistens auch zum Wohlergehen anderer bei.

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insgesamt 38 Beiträge
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geando 29.10.2017
1. Hänsel und Gretel
Ich meine mich zu erinnern, dass im Märchen "Hänsel und Gretel" der Gebrüder Grimm es die kleine Gretel war, die die böse Hexe mutig in den Ofen stiess und damit ihrem älteren Bruder Hänsel das Leben rettete. Dies mag in den alten Volksmärchen vielleicht eher eine Ausnahme sein, aber diese sind eben Zeugen ihrer Zeit und deren Verhältnisse. Eine böse Verschwörung gegen die Belange der Mädchen und des weiblichen Geschlechts generell kann ich irgendwie nicht erkennen.
paulpuma 29.10.2017
2.
Starke Mädchen sind nichts neues: Pipi Langstrumpf hatte schon ein Vorbild: Tamara Ramseys "Wunderbare Fahrten der kleinen Dott" aus den 30er Jahren. Und sind in den überwiegenden Grimmschen Märchen nicht auch die Mädchen die Hauptakteure?
Schnase 29.10.2017
3.
Komisch, mein Bücheregal sah anders aus: Ronja Räubertochter Die rote Zora Momo Pippi Langstrumpf Lotta Molly Moon Annie Puckie Die dumme Augustine u.v.m.
bcpmoon1 29.10.2017
4. Finde ich nicht
Ich habe drei Kinder und eher das „Problem“, zeitgenössische Kinderbücher zu finden, die starke Jungs zeigen. Dafür muss ich also zu den Klassikern greifen. Für die Tochter ist das einfacher. Irgendwie ähnlich wie bei der Werbung, da sind Männer auch immer die Dödel. Was solls.
ans-peter-paul 29.10.2017
5. "i want to go to mars"
Ich möchte auch vieles, davor steht leider der Aufwand. Aufwand bedeutet hier ein technisches Studium erfolgreich zu beenden und nicht irgendwas "mit Medien" und dann noch per crowd die Kohle reinholen zu lassen. Thema verfehlt und Nichts gelernt hätte meine Lehrerin damals attestiert ;)
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