Google Doodle zum Geburtstag Mark Twain und der Schrecken der deutschen Sprache

Mark Twain (1835 - 1910): "Überraschende Merkwürdigkeit"
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Mark Twain (1835 - 1910): "Überraschende Merkwürdigkeit"

3. Teil: Wo ist die Rübe?


Jedes Hauptwort hat einen ARtikel; aber da ist kein System und Sinn in der Anwendung desselben, so daß nichts übrig bleibt, als jeden Artikel zu jedem Wort besonders auswendig zu lernen. So hat z. B. in der deutschen Sprache ein junges Mädchen kein Geschlecht, während eine Steckrübe ein solches hat. Welche maßlose Hochachtung zeigt das einer Rübe gegenüber, welche Geringschätzung vor einem Mädchen! Man sehe sich einmal an, wie sich dies gedruckt ausnimmt. Ich übersetze aus meinem Lesebuch:

Gretchen. Wilhelm, wo ist die gelbe Rübe?

Wilhelm. Sie ist in der Küche.

Gretchen. Wo ist das hübsche und wohlerzogene Mädchen?

Wilhelm. Es ist in die Oper gegangen.

Aber weiter mit diesen Artikeln. Ein Baum ist männlich, seine Knospen sind weiblich, seine Blätter sind sächlich. Pferde sind geschlechtslos, Hunde sind männlich, Katzen sind weiblich; des Menschen Mund, Nacken, Busen, Ellbogen, Finger, Nägel, Füße und Leib sind männlichen Geschlechts; Kopf oder Haupt ist männlich oder sächlich, je nachdem man eines dieser Wörter gebraucht, nicht also je nachdem ein Mann oder eine Frau das Ding trägt; eines Menschen Nase, Lippe, Schulter, Brust, Hüfte und Zehe sind weiblich; seine Ohren, Augen, Kinn, Beine, Knie, Herz und Gewissen haben gar kein Geschlecht. (Der Erfinder dieser Sprache kannte vermutlich das Gewissen nur vom Hörensagen.) Aus dieser Zergliederung geht deutlich hervor, daß ein deutscher Mann sich zwar einbilden mag, er sei ein Mann, wenn er aber näher zusieht, muß er wohl daran zweifeln; er muß entdecken, daß er eine ganz lächerliche Zusammensetzung aller möglichen Geschlechter bildet.

Es giebt in dieser Sprache einige ungemein nützliche Wörter; z. B. Schlag und Zug. Im Wörterbuch nehmen diese Schlagwörter mehrere Spalten und die Zugwörter noch einmal so viel ein. Das Wort Schlag bedeutet so ziemlich alles; es bedeutet unser blow, stroke, dash, hit, shock clip, clap, time, bar, coin, stamp, kind, sort, manner, way, apoplexy, woodcutting, enclosure, field, forest-clearing. Das alles bedeutet Schlag im engern beschränkten Sinn; wenn aber das Wort einmal losgelassen wird, dann nimmt es Flügel der Morgenröte und fliegt, wohin es mag. An seinen Schwanz kann sich jedes beliebige Wort anhängen, wodurch der Sinn ins Unglaubliche vervielfältigt wird. Man kann anfangen mit Schlag-Ader, auf englisch artery, und so fort das ganze Wörterbuch daranhängen, Wort für Wort, ganz durch bis Schlag-Wasser, auf englisch Bilge-water und Schlag-Mutter, mother-in-law. Ebenso ist es mit dem Wort ›Zug‹. Nimmt man zu den Wörtern Schlag und Zug noch das Wörtchen ›Also!‹ hinzu, so verfügt man über einen hübschen Sprachschatz, mit dem man schon ziemlich gut durchkommt. ›Also‹ ist gleichbedeutend mit der englischen Redensart you know und besagt eigentlich gar nichts - wenigstens in der Unterhaltungssprache. So oft ein Deutscher seinen Mund aufthut, fällt ein ›Also‹ heraus, und so oft er ihn wieder zumacht, beißt er sicher ein ›Also‹, das gerade zwischen seinen Zähnen herauskommen wollte, entzwei. Diese häufige zwecklose Anwendung des Wortes ›Also‹ ist eine spezifisch süddeutsche, besonders weibliche schwäbische Untugend. Nichts verleiht einer deutschen oder englischen Unterhaltung so viel Anmut und Zwanglosigkeit, als wenn man sie voll mit Alsos und you knows spickt.

In meinem Tagebuch finde ich folgenden Eintrag: "Juli 1. Gestern wurde ein Kranker mit Erfolg von einem Wort mit 13 Silben Länge befreit; der Kranke war ein Norddeutscher von Hamburg. Da aber die Chirurgen den Kranken unglücklicherweise an der falschen Stelle aufschnitten, in der Meinung, er habe ein Panorama verschluckt, so starb er. Das Ergebnis hat die Stadt in Trauer versetzt."

An diese Notiz möchte ich einige Bemerkungen über eine der sonderbarsten Erscheinungen unseres Gegenstandes knüpfen; nämlich über die Länge deutscher Wörter. Einige davon sind so lang, daß sie einen Schatten werfen und perspektivisch wirken, z. B.:

Freundschaftsbezeugungen, Dilettantenaufdringlichkeiten, Stadtverordnetenversammlungen.

Das sind keine Wörter mehr; das sind alphabetische Prozessionen. Man sieht sie in jeder Nummer einer Zeitung majestätisch einherschreiten und mit einiger Einbildungskraft kann man die zur Prozession gehörigen Banner fliegen sehen und die Musik hören. Sie verleihen dem schmächtigsten Begriff etwas ungemein Großartiges. So oft ich ein gelungenes Exemplar von einem solchen Worte finde, verleibe ich es meinem Museum ein. Ich habe bereits eine Sammlung beieinander. Meine Duplikate tausche ich mit andern Sammlern aus. Anbei einige Prachtexemplare, welche ich neulich auf der Auktion erstand:

Generalstaatenverordnetenversammlung, Altertumsforschungswissenschaften, Kleinkinderbewahrungsanstalten, Wiederherstellungsbestrebungen, Waffenstillstandsverhandlungen.

Wenn solch eine Alpenkette sich stolz hinzieht über eine Druckseite, so muß dadurch die literarische Landschaft bedeutend verschönert werden; aber für den Anfänger in der Sprache sind diese Gebirge ein großes Hindernis; sie versperren ihm den Weg, er kann weder unten durch, noch darüber weg, höchstens per Tunnel, wo einer ist. Nimmt er seine Zuflucht zum Wörterbuch, so läßt ihn das im Stich. Mit solchen zusammengesetzten Wörtern befaßt es sich nicht. Man muß zuvor das Wort durch den Chemiker in seine Bestandteile auflösen lassen und dann die einzelnen Brocken im Wörterbuch aufsuchen.

Also jetzt habe ich gezeigt, wie schwierig die deutsche Sprache ist, oder zum wenigsten habe ich mich bemüht, es zu zeigen.

Ein Student aus Amerika soll auf die Frage, wie er mit seinem Deutsch zurechtkomme, ohne Zögern erwidert haben: "Ich komme gar nicht damit zurecht. Drei volle Monate habe ich es mir sauer werden lassen und kann nur den einen Satz aufweisen: ›Zwei Glas‹! ( two glasses of beer)." Nach einem Augenblick stummen Nachsinnens setzte er mit Emphase hinzu: "Aber das habe ich auch fest im Kopf!"

Die englische Sprache, will mir scheinen, verfügt in der Beschreibung lärmender erhaben-schrecklicher Dinge über kräftigere, klangvollere, bezeichnendere Worte als die deutsche Klänge wie: boom, burst, crash, roar, bellow, blow, thunder, explosion, howl, cry, shout, yell, battle, hell, sind von prächtiger Wirkung, voll Kraft und Großartigkeit. Die entsprechenden deutschen Worte kommen mir viel schwächer vor; einzelne klingen so sanft, daß man Kinder damit in Schlaf bringen könnte: wie zahm klingt z. B. Schlacht, Gewitter! Als stärksten Ausdruck für unser explosion hat man im Deutschen - Ausbruch! Da liegt in unserm toothbrush (Zahnbürste) etwas Fürchterliches im Vergleich.

Nach dieser Erörterung der Gebrechen der deutschen Sprache gehe ich jetzt an die kurze angenehme Aufgabe, deren Vorzüge hervorzuheben. Das Großschreiben der Hauptwörter habe ich bereits erwähnt. Aber noch weit über diesem steht ein anderer, - nämlich der, die Wörter zu schreiben, wie man sie ausspricht. Nach kurzer Unterweisung weiß der Anfänger von jedem deutschen Wort, wie es ausgesprochen wird, während in unserer Sprache der Schüler damit die größten Schwierigkeiten hat. Ferner ist die deutsche Sprache ungemein reich an Ausdrücken für das friedliche, heimelige, trauliche, häusliche Dasein; für alles, was mit Liebe, kindlichem Gefühl und Freundlichkeit gegen Fremde zusammenhängt; endlich für das mannigfaltige Leben und Weben in der Natur. Es giebt deutsche Lieder, welche selbst den der Sprache Fremden zu Thränen rühren; das beweist, wie treffend der Klang der Worte ist. Er bringt deren Bedeutung so treu und wahr zum Ausdruck, daß sie, auch unverstanden, dem Fremden durchs Ohr zu Herzen dringen.

Deutsche Frauen rufen häufig aus: Ach Gott, mein Gott, Gott im Himmel, Herr Gott. Sie scheinen zu glauben, die Amerikanerinnen haben dieselbe Gewohnheit; denn ich hörte einmal ein ältliches deutsches Fräulein zu einer jungen Landsmännin von mir sagen: "Die beiden Sprachen sind sich so ähnlich - wie hübsch das ist. Wir sagen ›ach Gott‹ und ihr sagt " Goddam!"

Aus Obigem geht hervor, daß die deutsche Sprache einer Reform bedarf. Ich erlaube mir einige Vorschläge zu diesem Zwecke zu machen.

1) Man gebe dem Zeitwort einen Platz weiter oben, so daß man es mit dem bloßen Auge deutlich erkennen kann.

2) Man organisiere den Artikel und verteile ihn nach den Geschlechtsverhältnissen, wie es Gottes Wille ist.

3) Man schaffe die endlos langen zusammengesetzten Wörter ab oder man schreibe vor, daß sie stückweise geschrieben werden, mit Erholungspausen dazwischen. Geistige Speise ist wie andere auch; man genießt sie angenehmer mit dem Löffel als mit der Schaufel.

4) Es soll darauf gehalten werden, daß der Schreiber aufhört, wenn er mit seinem Satz und Vortrag zu Ende ist und daß er nicht noch ein unnötiges ›gewesen zu sein haben würden‹ und dergleichen anhängt.

5) Auf die Anwendung von Parenthesen ist die Todesstrafe zu setzen.

6) Für die Beschreibung aller Arten von geräuschvollen Dingen müssen einige kraftvolle englische Wörter eingeführt werden.

Am besten wäre es vielleicht, von der ganzen Sprache nur die Wörter Schlag, Zug und Also, nebst den an die ersten beiden anzuhängenden Wörtern beizubehalten; das würde die Sprache wesentlich vereinfachen.

Nach meiner Erfahrung braucht man zum Erlernen des Englischen 30 Stunden, des Französischen 30 Tage, des Deutschen 30 Jahre. Entweder reformiere man also diese Sprache, oder man lege sie zu den toten Sprachen, denn nur die Toten haben heutzutage noch Zeit genug, sie zu erlernen.



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