Gottfried Benn Schlafzimmerblick im Arbeitszimmer

War nun Gottfried Benn oder Ernst Jünger der kälteste deutsche Dichter? Zwischen Selbstinszenierung und Widerborstigkeit blieb der Schriftsteller und Mediziner Benn stets ein Rätsel. 50 Jahre nach seinem Tod werden sein Leben und Werk nun gründlich seziert.

Von Florian Illies


Was wollen Sie von mir, so scheint dieser Blick zu fragen. Merken Sie nicht, daß Sie stören? Zum Glück merkte der Fotograf Franz Hubmann, der Gottfried Benn am Nachmittag des 29. September 1955 in der Bozener Straße 20, Parterre, in Berlin-Schöneberg besuchte, auch noch etwas anderes: Wie Benn es genoß, die Pose des Aufgestörten zu mimen, wie dankbar er war, daß er so abfällig auf die Öffentlichkeit herabblicken konnte, die sich da so unangenehm in seine Dichterstube hineindrängte. Benn sitzt da wie ein knurrender Hund, den man überraschend beim Essen stört. Aber zugleich hängt die Zigarette so perfekt abfällig im Mundwinkel, als hätte Benn diese Geste ein paarmal vor dem Spiegel geübt, bevor er den Fotografen zu sich ins Zimmer bat.

Arzt und Schriftsteller Benn: Blick voll kalter Arroganz
DPA

Arzt und Schriftsteller Benn: Blick voll kalter Arroganz

Das Foto, das Hubmann machte, ist mehr als ein Foto. Es wirkt wie eine Postkarte, abgesandt von Gottfried Benn im Jahre 1955, ein paar Monate vor seinem Tod, und adressiert: an die Nachwelt, an uns. Es schreibt Ihnen der vielleicht größte deutsche Dichter der letzten hundert Jahre. Mein Schreibtisch ist sowenig aufgeräumt wie das ganze Jahrhundert. Gruß, Benn. Mit schnoddriger Geste hat er die Zuneigungen und Abneigungen seiner Zeitgenossen abgewehrt und sich in den elf Lebensjahren, die ihm nach 1945 blieben, statt dessen fast ganz der Nachruhmsteuerung gewidmet.

Der Blick voll kalter Arroganz war es auch, den er 1933 auf die Emigranten richtete, als sie, hellsichtig, Deutschland verließen, während er, geblendet, sich als Profi der geschichtlichen Prozesse begriff. Er nannte die Emigranten "Amateure der Zivilisation" und rief ihnen verächtlich zu: "Leben Sie wohl." So verstörte er erst die Intellektuellen und wenig später, als die Nazis angefangen hatten, seine frühen Gedichte zu lesen, auch sie. Er vergrub sich in seine Höhlen, als Militärarzt in Hannover, dann irgendwo hinter der Front, einsam, durfte nicht mehr publizieren, nur die Frauen blieben ihm. Und seine Verse. Dann war der Krieg aus. Die ganze Welt hatte sich gedreht. Nur Gottfried Benn saß wieder in der Bozener Straße 20, Parterre. Müde, vergessen, verfemt, ein mediokrer Arzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten mit literarischer Vergangenheit und schlechtgehender Praxis.

Das ist die Vorgeschichte. Doch dann erhebt Benn sich aus den Trümmerwüsten Berlins und seiner Seele, reanimiert durch einen einzigen kurzen Brief. Am 22. Juli 1948 bat ihn der kaum dreißigjährige Max Niedermayer aus Wiesbaden, ein ehemaliger Sportlehrer, mit knappen Worten, seine Werke künftig in seinem neugegründeten Limes-Verlag zu drucken. Sofort kehren die Lebensgeister zurück, und bei Benn sind diese Geister immer: Abwehrgeister. Er schreibt: "Sollen Sie nur alle anfangen, mich zu vernichten. Ich bin ein gefährlicher K.O.-Schläger."

Die Jahre 1949 bis 1956 stehen im Zeichen dieses Kampfes: Gottfried Benn vs. Öffentlichkeit. Zwei erstmals komplett veröffentlichte Briefwechsel demonstrieren, wie Benn diesen Kampf führte. Wenn nicht alles täuscht, hat Benn ihn heute, fünfzig Jahre danach, nach Punkten gewonnen. Big Benn. 1886 wurde er in Mansfeld geboren (ein Stier, unverkennbar), 1956 starb er, in Schlangenbad – wir können also in diesem Frühjahr 120. Geburtstag und 50. Todestag feiern. Und weil der Klett-Cotta-Verlag nicht nur den Briefwechsel Benns mit dem Limes-Verleger Niedermayer, sondern auch seinen kuriosen, kurzen mit Ernst Jünger komplett vorlegt, gibt es pünktlich zum Jubiläum neues Exegese-Material. Außerdem versorgt eine Benn-Bibliographie die Süchtigen mit allen verfügbaren Sekundärquellen. Und Helmut Lethen hat mit "Der Sound der Väter" eine Biographie Benns geschrieben, die eine ideale Einstiegsdroge ist.

Wer zunächst zurückschreckt vor Benns griechischen und lateinischen Anleihen, seinen irrlichternden mythologischen Bezügen, den nimmt Lethen fürsorglich an die Hand: "Wer kann das verstehen?" Er versucht sich dann aber doch im Entschlüsseln des Bennschen Soundsystems, konzentriert sich auf Benns Erfahrungen in den Weltkriegen und zeichnet ein eisgekühltes Bild des Dichters als Verhaltenslehrer der Distanz.

Schaut man sich die Fotografie aus dem Jahre 1955 an, hat man das Gefühl, als habe Benn nur auf uns gewartet. Als hätte er gelauert. Mit diesem unheimlichen Blick. Helmut Lethen zieht in seiner Biographie den Vergleich zu Benns Figur "Rönne": "Dünn sah er durch die Lider", heißt es dort, und dieser leicht blasierte, erschöpfte Offizierscasinoblick sei Benns Perspektive auf sein Jahrhundert. Zugleich setzte er ihn, wie wir aus seinen ungezählten Affären wissen, bei Frauen als Lockmittel ein. Wir sehen also: der Schlafzimmerblick im Arbeitszimmer. Nur durch diese dünnen Schlitze drang die Welt zu ihm vor. "Fragen, Fragen! Erinnerungen in einer Sommernacht / hingeblinzelt, hingestrichen, in meinem Elternhaus hingen keine Gainsboroughs, nun alles abgesunken / teils-teils das Ganze / Sela, Psalmenende", so heißt es am Schluß von Benns vielleicht größtem Gedicht, "Teils-Teils", das in denselben Tagen entstand wie das Foto von Franz Hubmann.

Es steht in seinem letzten Gedichtband, den der Limes-Verlag kurz vor seinem Tod veröffentlichte. Ab 1949 erschienen mit ungeheurer Frequenz Prosa, Gedichte und Vorträge in dem kleinen Wiesbadener Verlag. Der neue Briefband erzählt, wie geschmeidig und unermüdlich Niedermayer seinen Autor um die Klippen von Depression und Diventum herumschiffte, wie einfühlsam und kongenial Marguerite Valerie Schlüter als Lektorin arbeitete. Es ist ein wunderbares Monument ihrer jahrzehntelangen Arbeit mit und für Benn, daß Schlüter selbst nun zum 50. Todestag diesen Briefwechsel selbst herausgeben konnte. Dieser Briefwechsel sei allen Verlegern als Einführungskurs zur Behandlung empfindsamer Autoren empfohlen. Benn ist entweder "down", "sehr down", "ungewöhnlich down" beziehungsweise "marode". Er verzweifelt an Rezensenten und Argwohn.

Und doch erscheint Buch um Buch. Niedermayer wird neben dem jahrzehntelangen Briefpartner Oelze zur zweiten zentralen männlichen Bezugsperson für Benn. Zwei Stellen sind besonders interessant. Zum einen Benns Selbstkritik zu seiner Verurteilung der Emigranten 1933, zu der ihn ein Brief Klaus Manns angeregt hatte. Benn schreibt dazu zwanzig Jahre später: "Dieser Brief ist so rührend schön, höflich, demütig, verehrungsvoll, daß meine Antwort dagegen schroff und kalt klingt."

Zum anderen, wie sehr Benn schon damals nicht nur seinen Nachruhm, sondern auch die literarischen Debatten unserer Zeit erahnte. Das zeigt sein vor Lichtjahren geschriebenes, emphatisches Plädoyer gegen alle, die sich als "Gnostiker" der Kultur empfinden: "Hauptsache, es hat Erfolg und nützt dem Buch, was die deutsche Innerlichkeit dazu sagt, ist allmählich völlig gleichgültig, die will ihren Schlafrock und ihre Ruh und will ihre Kinder dusselig halten und verkriecht sich hinter Salbadern u. Gepflegtheit und möchte das Geistige in den Formen eines Bridgeclubs halten – dagegen muß man angehn."

Der zweite Briefwechsel, der nun erstmals komplett vorliegt, ist viel kürzer. Gerade darin liegt seine Brisanz. Es ist auch eigentlich kein rechter Briefwechsel. Eher ein gegenseitiges Abtasten. Man schickt sich Sonderdrucke und Postkarten von Urlaubsreisen. Ernst Jünger und Gottfried Benn werden immer wieder zueinander gedrängt und stoßen sich doch ab, wie zwei negativ geladene Magneten. Immer wieder versucht Jünger zu antichambrieren, schickt Bücher, lädt Benn zu Kokain-Sitzungen ein, doch der blockt ab, höflich zwar, aber eindeutig: "Wir sind von Aussen oft verbunden, wir sind von Innen meist getrennt." Gegenüber seinem Verleger wird Benn deutlicher: "Diese ewige Zusammenstellung mit Jünger hängt mir zum Halse raus." Beide waren in beiden Weltkriegen, beide haben Deutschland nicht verlassen, beide wurden sogar als Kandidaten für den Literaturnobelpreis genannt.

Holger Hof beschreibt in seinem Nachwort zum Briefwechsel mit Jünger, daß Benn ein Jahr nach Jüngers einzigem Besuch in der Bozener Straße in sein Tagebuch einen aktuellen Boxkampf im Halbschwergewicht benennt und daneben "vor 1 Jahr Jünger". Und in der Tat wirkt der ganze Briefwechsel, als umkreisten sich zwei Kämpfer. Keiner wagt den ersten Schlag, aus Angst, sich eine Blöße zu geben. Es geht um die Krone des kältesten deutschen Dichters des zwanzigsten Jahrhunderts. Als Benn stirbt, scheint Jünger Angst vor dem Urteil der Nachwelt zu haben. Er lebt einfach immer weiter. Jetzt, mit der Veröffentlichung des Briefwechsels, geht der Kampf in eine neue Runde.

Sein erstes "Comeback" gestaltete Benn noch aktiv mit. Nicht nur, daß er das Wort selbst in seinen Briefen immer wieder benutzt. Er weiß auch, daß er seine Rolle als einsamer Wolf inszenieren muß. In Briefen nimmt er Bezug auf seine Zurückgezogenheit, seine Spießbürgerlichkeit. War das nur eine subtile Form der Auraproduktion? Oder Offenherzigkeit? Als ihm Richard Alewyn den akademischen Ritterschlag erteilen will und ihn an die Universität Bonn zu einer Creative-Writing-Sitzung zum Thema "Wie entsteht ein Gedicht?" einladen will, lehnt er ab. Höflich, aber bestimmt: "Das Gedicht ist schon fertig, ehe es begonnen hat, der Dichter weiß nur seinen Text noch nicht."

Was Benn schon weiß, das ist sein Text für die Nachwelt. Er wirft sich für uns in diesem Briefwechsel in Positur. Und doch: Es ist unendlich schwer, bei Benn zwischen Selbstverständnis und Selbstinszenierung zu unterscheiden, zwischen bewußt und unbewußt. War er am Ende einfach der, der er zu sein vorgab? Was wird aus Einsamkeit, die Benn so existentiell erlebte und die er vorantrieb in diesem ständigen, brutalen Prozessieren gegen sich selbst, wenn man merkt, daß sie für die Umwelt zu einem Markenzeichen geworden ist? "Organismen, die Perlen hervorbringen, sind verschlossen" – wie kann man, in seiner Verschlossenheit, solche Verse erdenken und dabei vermeiden, an sich selbst zu denken? Aber hätte er deshalb solche Verse nicht schreiben dürfen? Konnte er sie vielleicht nur schreiben, weil er dabei auch an sich dachte, mit halbgesenkten Lidern, müde, down, sehr down?


SPIEGEL ONLINE hat den Text mit freundlicher Genehmigung der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" (FAS) übernommen. Die von der FAS gepflegte alte Rechtschreibung haben wir beibehalten.


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