Gottfried Benn und die Frauen "Sex war für ihn ein Lebenselixier"

Anziehender Melancholiker, Womanizer und Berserker des Rauschs: Zwei neue Bücher nähern sich dem Mysterium Gottfried Benn an - und insbesondere seinem Verhältnis zu den Frauen.

Dichter Gottfried Benn
imago/ United Archives

Dichter Gottfried Benn


Wahre Größe wirft ja bekanntermaßen einen breiten Schatten. Manchmal findet man aber gerade dort, im Verborgenen, die eigentliche Geschichte. Beginnen wir daher einmal ausnahmsweise mit der Nebenfigur, bevor wir uns dem Protagonisten zuwenden. Beginnen wir mit Drogen, Kapriolen, vergeblichen Liebesmühen und einer Sehnsucht, die schon tödlich ist. Beginnen wir mit Mopsa Sternheim, einer jungen Frau, geboren 1905 und gottverloren mit ihren Depressionen und unerfüllten Hoffnungen. Wie ein permanenter Hochseilakt mutete ihr Leben an, ständig über dem Abgrund balancierend. Ihr Vater stellte ihr sexuell nach, zu ihrer Mutter Thea hatte die spätere Bühnenbildnerin und Widerstandskämpferin ein schwieriges Verhältnis.

Dass beide wohl Gefühle für denselben Mann hegten, dürfte die Beziehung, wie der formidable Roman "Die Poesie der Hörigkeit" von Lea Singer dokumentiert, keineswegs verbessert haben. Sein Name (und nun gelangen wir zum Helden dieser verfahrenen Story): Gottfried Benn, jener Arzt und Lyriker, dessen Verse über Gehirne, Menschenfleisch wie Lust und Liebesgier gleichermaßen dem beginnenden 20. Jahrhundert einen poetischen Resonanzraum gaben.

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Lea Singer:
Die Poesie der Hörigkeit

Hoffmann & Campe; 224 Seiten; 20,- Euro (gebunden)

Geradezu fiebrig schreibt sich Singer in die spannungsvolle Trias aus Mutter, Tochter und poeta laureatus, wobei der Fokus klar auf den Frauen liegt. Der Dichter offenbart sich eher als stilles Epizentrum der Geschichte: undurchschaubar, faszinierend und gewissermaßen zum lebendigen Mythos geronnen.

Um die ganze Wahrheit zu erfahren, wird daher zur doppelten Lektüre geraten, nämlich neben Singers Roman zu Wolfgang Martynkewicz' Benn-Biografie "Tanz auf dem Pulverfass". Hierin erscheint "der Mann, der die Frauen liebte", als ein so nachdenklicher wie leidenschaftlicher Zeitgenosse.

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Wolfgang Martynkewicz:
Tanz auf dem Pulverfass

Gottfried Benn, die Frauen und die Macht

Aufbau Verlag; 408 Seiten; 24,- Euro (gebunden)

Mit seiner Literatur, die zwischen Zerfall des Kaiserreichs, Kriegen und Klassenkampf den Verlust des Ich propagiert, brachte er treffend das gesellschaftliche und geistige Chaos der Moderne zum Ausdruck. Sie verweigert sich dem bürgerlichen Ideal und feiert die Tabubrüche. Wie seine Werke war Benn als Privatmann von Widersprüchen gezeichnet.

Während er auf der einen Seite einen "Einsamkeitsdrang" verspürte, strebte er auf der anderen nach Ruhm. Und natürlich nach den Frauen für immer neue Abenteuer, welche ihm frei nach der Devise "Regie ist besser als Treue" einiges Organisationstalent abforderten. "Sex war für ihn, im wahrsten Sinne des Wortes, ein Lebenselixier. Nur durch Sex konnte er aus einem Stimmungstief herauskommen, zu neuer Energie und Schöpferkraft zurückfinden", so Martynkewicz in seinem so lesenswerten wie intimen Porträt.

Benn, der Wortverhexer

Singer konzentriert sich auf die Geliebten und Verschmähten - glücklicherweise. Thea und Mopsa Sternheim erweisen sich als Überlebenskünstlerinnen: die eine als Partnerin des selbstsüchtigen Dramatikers Carl Sternheim, die andere als deren Kind, das sich in Liebesfantasien verliert.

Nachdem der Poet eine kurze Affäre mit Mopsa eingegangen ist, spukt er als Geist in ihrem Bewusstsein fort. Bis zuletzt hofft der Leser vergebens auf die noch Glück verheißende Vereinigung. Dass Singers Text sowohl Zitate aus Briefen und Tagebüchern der Sternheim-Damen als auch Gedichte des 1886 in Mansfeld geborenen Autors collagiert, verleiht jener unheilvollen Menage à trois eine ungemeine poetische Qualität:

"Unersetzbar, manchmal spüre ich, dass du mich rufst. Hilf mir, mein Buch beenden, unser Buch. Und ich werde dir mit Freude folgen, schrieb sie ins Tageheft [...…] Mopsa las sie [diese Sätze] noch einmal. Unser Buch? Gemeint war Benn. Mit diesem Buch hoffte sie, sich Dr. Goll alias Benn von der Seele zu schreiben. Den Wortverhexer auszutreiben. Benn loswerden: Welch freier Himmel ging auf, wenn sie das dachte. Oder war der Himmel nur leer?"

Thea hält zeit ihres Lebens freundschaftlichen Kontakt zu dem Womanizer, Mopsa kann sich dessen Zuneigung hingegen nur erträumen. Was die Frauen eint, ist ihr Schreiben im Bemühen, sich von dem Berserker des Rausches freizumachen. Nicht nur weil sich dieser den Avancen entzieht, sondern auch, weil sie dessen Unterstützung des aufkommenden Hitler-Regimes befremdet.

Biograf Wolfgang Martynkewicz
Anny Maurer

Biograf Wolfgang Martynkewicz

Profund arbeitet Martynkewicz Benns Enthusiasmus für die, wie er sie bezeichnete, "echte neue geschichtliche Bewegung" samt ihrem "neue[n] Weltgefühl" heraus. Während sich die Sternheims ins Exil begeben, sinniert der naturwissenschaftlich begeisterte Benn öffentlich über die Züchtung des neuen Menschen und übt sich in sozialdarwinistischer Rhetorik. Erst spät sollte er diese intellektuellen und moralischen Entgleisungen bereuen.

Wer ist nun dieser Poet gewesen? Die Biografie "Der Tanz auf dem Pulverfass" liefert glücklicherweise keine einfache Antwort auf diese Frage. Stattdessen führt sie uns in die vielen Stimmen und Echokammern ein, die in dem Lyriker gewirkt haben.

Wie sehr gerade die Ränder, ja, die Nebendarstellerinnen, das Zentrum um den genialen Helden charakterisieren, beweist das grandiose Beziehungsdrama Singers, die sich schon in ihren letzten Prosawerken historischen Figuren wie Johann Wolfgang von Goethe oder Arnold Schönberg widmete. Mit schmerzvoller Schönheit beschreibt sie eine unvollendete Liaison amoureuse.

Romanautorin Lea Singer
Michael Leis

Romanautorin Lea Singer

Als wäre es nicht schon honorig genug, ein dichtes Zeitdokument - von der noch vom Dunst Nietzsches erfassten Jahrhundertwende über den Nationalsozialismus bis hin zum Wiederaufbau - vorzulegen, glänzt ihr Roman ferner durch seine Wucht an Leidenschaft und Tragik. In jeder Zeile klingt noch das dionysische Pathos einer Epoche an, die sich - unserer Gegenwart nicht unähnlich - vor allem einem verschrieb: der Suche nach einem großen Geist und Gefühl. Lea Singer kommt diesem Mysterium erstaunlich nahe!



insgesamt 8 Beiträge
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AuslaenderDesDaseins 21.05.2017
1. Nicht gerade eine Empfehlung
Ich beschäftige mich seit über 20 Jahren mit Benn, seinem Werk und seinen Kontakten und muss sagen: zwei der zentralen Schlaglichter, die öffentlich immer wieder auf Benn geworfen werden, werden hier schlicht falsch ausgeleuchtet. Erstens liebte Benn Frauen nicht, er war im Gegenteil überhaupt nur sehr begrenzt liebesfähig. Er brauchte amouröse Abenteuer zur Selbstbestätigung und dazu, aus der archaischen Ursuppe Inspiration zu ziehen. Dafür nutzte er Frauen, spielte sie gelegentlich auch gegeneinander aus, aber geliebt hat er sie sicher nicht. Zweitens hat er sich von den Nazis keineswegs erst spät distanziert. Nachdem er, ein völlig unpolitischer Mensch, 1933 den Fehler begangen hatte, die künstlerische und die politische "Neuschaffung" des Menschen gleichzusetzen, hat er sich bereits 1934 von den Nazis deutlich distanziert, was bis hin zum Schreibverbot für ihn führte. Eine wirkliche Empfehlung ist das zumindest für die Biographie nicht gerade.
marcus_tullius 21.05.2017
2. Mag sein,
dass Sie das anders sehen. Eine weitere Benn-Biografie, in der "geworfene Schlaglichter ausgeleuchtet" werden, würde ich mir wegen Stilblütenalarms nicht antun.
klmo 21.05.2017
3.
Zitat von AuslaenderDesDaseinsIch beschäftige mich seit über 20 Jahren mit Benn, seinem Werk und seinen Kontakten und muss sagen: zwei der zentralen Schlaglichter, die öffentlich immer wieder auf Benn geworfen werden, werden hier schlicht falsch ausgeleuchtet. Erstens liebte Benn Frauen nicht, er war im Gegenteil überhaupt nur sehr begrenzt liebesfähig. Er brauchte amouröse Abenteuer zur Selbstbestätigung und dazu, aus der archaischen Ursuppe Inspiration zu ziehen. Dafür nutzte er Frauen, spielte sie gelegentlich auch gegeneinander aus, aber geliebt hat er sie sicher nicht. Zweitens hat er sich von den Nazis keineswegs erst spät distanziert. Nachdem er, ein völlig unpolitischer Mensch, 1933 den Fehler begangen hatte, die künstlerische und die politische "Neuschaffung" des Menschen gleichzusetzen, hat er sich bereits 1934 von den Nazis deutlich distanziert, was bis hin zum Schreibverbot für ihn führte. Eine wirkliche Empfehlung ist das zumindest für die Biographie nicht gerade.
Kurze Anmerkung zur Nazivergangenheit. Wenn sich die Deutschen und besonders die Intelligenz schon 1934 von Hitler distanziert hätten, wäre uns das Fiasko des III. Reiches erspart geblieben. Der Irrtum ist nicht generell zu verurteilen, da menschlich. Wer seinen Irrtum erkennt und auch korrigiert, und dies 1934 und nicht erst nach dem verlorenen Krieg, also 1945, auf den sollte man tunlichst nicht mit dem moralischen Finger zeigen!
Shulma Shmoller-Shmopp 21.05.2017
4. Abstinenz
Zitat von marcus_tulliusdass Sie das anders sehen. Eine weitere Benn-Biografie, in der "geworfene Schlaglichter ausgeleuchtet" werden, würde ich mir wegen Stilblütenalarms nicht antun.
Nicht nur das mangelhaft Formale bietet reichlich Grund für die Abstinenz, sondern auch das mangelhaft Strategische: sex sells. Immer dann sehr gern genommen, wenn inhaltlich so gar nichts geht.
solna 21.05.2017
5. Albern
Noch schlimmere Gemeinplätze finden sich sonst nur in Horoskopen oder den Seminararbeiten meiner Erstsemester. 'Sex war für ihn, im wahrsten Sinne des Wortes, ein Lebenselixier. Nur durch Sex konnte er aus einem Stimmungstief herauskommen, zu neuer Energie und Schöpferkraft zurückfinden'. Herr Martynkewic versteht es, meinen funny bone mal so richtig durchzurütteln. Kein Stimmungstief für mich. Aber wenn ich eins hätte, ich wüsste schon, wie ich da wieder herausfinde. Schatzilein ...
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