"Sein blutiges Projekt" über Dreifachmord Alternative Wahrheiten aus dem 19. Jahrhundert

Wer der Mörder ist, ist klar: Ein 17-jähriger schottischer Bauernsohn hat drei Menschen getötet. Aber warum? Dazu legt der Kriminalroman von Graeme Macrae Burnet mehrere mögliche Sichtweisen vor.

Schottisches Gemälde aus dem 19. Jahrhundert (von Horatio McCulloch)
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Schottisches Gemälde aus dem 19. Jahrhundert (von Horatio McCulloch)


Als Graeme Macrae Burnets "Sein blutiges Projekt" 2016 zunächst auf der Longlist, später sogar auf der Shortlist zum Man Booker Prize auftauchte, äußerten viele Kritiker ihre Überraschung. Auch wenn im Vorjahr der Jamaikaner Marlon James mit "Eine kurze Geschichte von sieben Morden" gewonnen hatte, einer an James Ellroy und David Peace geschulten Aufarbeitung des Attentats auf Bob Marley 1976 - Kriminalromane schaffen es eher selten in die Auswahl für den renommierten britischen Buchpreis.

Wie James hat auch Burnet zwar über ein Verbrechen geschrieben - einen Dreifachmord in einem schottischen Bauerndorf im 19. Jahrhundert -, aber keinesfalls einen konventionellen Krimi, sondern ein raffiniertes literarisches Puzzle und eine Reflexion über die Konstruktion von Realität. Kann es eine einzige Ursache, ein einfaches Motiv für einen Mord geben, fragt Burnet, und existiert überhaupt so etwas wie die eine Wahrheit, die sich hinter den vielen Versionen einer Geschichte verbirgt?

Mit diesen Fragen spielt Burnet von Anfang an. Er schreibt sich selbst als Figur in den Roman ein, in einem Vorwort, in dem er als fiktiver Doppelgänger seiner selbst behauptet, der Mörder sei einer seiner Vorfahren und er wäre zufälligerweise während der Recherchen in einer anderen Sache auf die Dokumente gestoßen, die er im Folgenden gesammelt habe.

Autor Graeme Macrae Burnet

Autor Graeme Macrae Burnet

Darauf folgen einige Aussagen von Zeugen, die gegenüber der Polizei gemacht wurden und die ein höchst widersprüchliches Bild des Mörders, des 17-jährigen Bauernsohns Roderick Macrae, ergeben. Als "höflich und hilfsbereit", als "eigenartig", als "boshaft" und "sanft" beschreiben ihn seine Nachbarn, der Schulmeister und der Pfarrer.

Auch die folgenden Aufzeichnungen, die Roderick Macrae angeblich selbst in seiner Zelle geschrieben hat, während er seinen Prozess erwartete, können keinen endgültigen Aufschluss über die wahre Natur des Jungen und seines Motivs bringen. Zum einen werden bereits im Vorwort Zweifel an der Echtheit des Geständnisses geschürt: "Was die Authentizität des Dokuments angeht, so lässt sich diese anderthalb Jahrhunderte später wohl kaum mehr verifizieren. Es ist in der Tat erstaunlich, dass ein so junger Mann ein so sprachgewandtes Zeugnis ablegte." Zum anderen ist nicht auszuschließen, sollte Roderick tatsächlich so intelligent sein, wie sein Lehrer vermutet, dass er mit seinen Aufzeichnungen das Gerichtsurteil - ihm droht die Todesstrafe - zu seinen Gunsten manipulieren möchte.

Eindeutig ist in "Sein blutiges Projekt" nur die - fiktive - Ausgangslage: Am 10. August 1869 hat Roderick Macrae in seinem Heimatdorf Culduie drei Menschen ermordet, darunter den Constable des Dorfes, Lachlan Mackenzie. Der hatte seine Macht als Vertreter des Gutsverwalters missbraucht, um die Familie Macrae zu demütigen. Ein mögliches Mordmotiv, das Roderick dem Leser gleich am Anfang seiner Aufzeichnungen präsentiert. Er habe nur seinem Vater helfen wollen: "Der Auslöser dieser Widrigkeiten war unser Nachbar Lachlan Mackenzie, und ich habe ihn aus dieser Welt entfernt, um das Schicksal meiner Familie zum Besseren zu wenden."

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Graeme McRae Burnet:
Sein blutiges Projekt

Der Fall Roderick Macrae

Aus dem Englischen von Claudia Feldmann

Europa Verlag; 344 Seiten; 17,99 Euro

Die Identität der beiden anderen Ermordeten verrät Roderick erst am Ende seiner Aufzeichnungen, als er die Tat selbst schildert. In seiner Erzählung sind die beiden anderen Toten nur Kollateralschäden, zufällige Opfer, die sterben mussten, einfach weil sie im Weg waren. Erst im letzten Abschnitt des Romans, einer Collage aus Zeitungsartikeln und einem Buch, der von der Gerichtsverhandlung erzählt, kommt eine mögliche alternative Wahrheit ans Licht: Vielleicht war gar nicht Mackenzie das eigentliche Ziel Rodericks, sondern eines der beiden anderen Opfer? Am Ende werden die Geschworenen zwar ein Urteil fällen - eine eindeutige, endgültige Wahrheit aber wird nicht gefunden sein.

Blick von der Halbinsel Applecross auf den Loch Torridon
Getty Images/Caiaimage

Blick von der Halbinsel Applecross auf den Loch Torridon

Die Geschichte von Roderick Macrae hat ein reales Vorbild: Im Frankreich der Dreißigerjahre des 19. Jahrhunderts ermordete ein junger Bauer seine Mutter und zwei seiner Geschwister, stellte sich und schrieb im Gefängnis ein Memoire. Diesen Fall dokumentierte Michel Foucault ein Jahrhundert später in dem kommentierten Sammelband "Der Fall Rivière", der wiederum zur Blaupause für Burnets Roman wurde. Wie Foucault zeigt auch Burnet die Mechanismen auf, mit denen ein Mordfall instrumentalisiert wird. Ankläger, Strafverteidiger, Polizisten und Psychologen kommen zu Wort - und jeder von ihnen hat seine ganz eigene Agenda. Der Prozess verkommt zum reinen Spektakel, Rodericks Aufzeichnungen werden währenddessen zur Vorlage für blutrünstige Schauergeschichten.

"Sein blutiges Projekt" lässt sich als Meta-Kommentar zu Foucaults "Fall Rivière" lesen, als postpostmoderne Parodie auf das populäre "True Crime"-Genre - oder einfach als spannender historischer Thriller, der statt auf Täter- auf Motivsuche geht. Preiswürdig ist das auf jeden Fall (auch wenn Burnet den Man Booker Prize nicht gewonnen hat), aber, und die Frage wird gestellt werden: Ist "Sein blutiges Projekt" überhaupt ein Kriminalroman? Mit allem Nachdruck: ja! Burnet zeigt, was im Genre jenseits öder Serienkillermetzelei, Provinzkrimibräsigkeit und Schwedenallerlei möglich ist.

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