"Das falsche Geschlecht" Vom Deserteur zur Königin der Nacht

In schummrigen Klubs treibt sich Suzy im Paris der Goldenen Zwanziger herum. Die französische Zeichnerin Chloé Cruchaudet erzählt in "Das falsche Geschlecht" die Geschichte eines unfassbaren Lebensgeheimnisses.

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Chloé Cruchaudet/ avant-verlag

Paul Grappe will dem Ersten Weltkrieg entfliehen, dem Horror in den Schützengräben, den entstellten Leichen - vermeintlich letzte Ausflucht: Der französische Soldat verstümmelt sich selbst. Doch auch mit abgeschnittenem Finger soll er wieder an die Front zurück. Also versteckt er sich bei seiner Frau, die in Paris wohnt. Als Deserteur muss er unsichtbar werden.

Grappe aber will sich nicht einsperren lassen, er will leben. Er nimmt eine neue Identität an - und tritt fortan mit dem Namen Suzanne als beste Freundin seiner Frau auf. Nach und nach findet der Soldat Gefallen an seiner neuen Identität. Die französische Zeichnerin Chloé Cruchaudet erzählt diese Geschichte einer Transgender-Beziehung in ihrer Graphic Novel "Das falsche Geschlecht".

Einige Graphic Novels haben 2014 den Ersten Weltkrieg zum Thema. Viele wählen einen unmittelbaren Ansatz, indem sie sich auf Originalmaterialien wie etwa Tagebücher beziehen. Alexander Hoch und Jörg Mailliet verwandeln Aufzeichnungen von Franzosen und Deutschen in "Tagebuch 14/18" in ein Kaleidoskop des Weltkrieges. Im Splitter Verlag erschien eine gezeichnete Fassung von Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues". Und Joe Sacco, der in Bosnien und Gaza Kriegsschauplätze zeichnete und den Beruf des zeichnenden Journalisten definierte, schuf mit "Der Erste Weltkrieg: Die Schlacht an der Somme" ein beeindruckendes Leporello.

Ikone des Pariser Nachtlebens

Die interessanteste Neuerscheinung aber stammt von Cruchaudet. Die Geschichte des Paul Grappe hat sich tatsächlich so abgespielt. Über zehn Jahre führte er als Suzanne ein Doppelleben und entwickelte sich zur Ikone des Pariser Nachtlebens. In dieser Zwischenwelt schummeriger Etablissements und dunkler Parks spielt ein Großteil der Geschichte. Nur hin und wieder blitzt die Hölle des Krieges wieder auf - in albtraumhaften Erinnerungen Grappes.

In "Das falsche Geschlecht" geht es weniger um den Krieg. In erster Linie handelt die Graphic Novel von der Beziehung zwischen Paul und seiner Ehefrau Louise, die sich an den Spannungen der geschlechtlichen Identität aufreibt: Halb fasziniert, halb angewidert folgt sie Paul in die Abgründe der Nachtwelt und ist doch auch immer wieder seinen Eifersuchtsanfällen und Kriegstraumata ausgesetzt.

Im Stile einer klassischen Moritat rollt Cruchaudet die düstere Geschichte auf, indem sie die Erzählung mit dem Gerichtsverfahren gegen Pauls Frau Louise beginnt. Erzählt mit einer Liebe zum Burlesken und einer erstaunlich fantastischen Darstellung der Grausamkeit des Weltkrieges, die fast ein wenig an Guillermo de Toros "Pans Labyrinth" erinnert: Sprechende Pferde und kartenspielende tote Kameraden bevölkern die Träume Pauls in seinem Versteck.

Flucht aus dem Trauma nur im Exzess

Mit sehr sparsam eingesetzten roten Farbtupfern betont Cruchaudet in ihren Zeichnungen die Verwandlung des Deserteurs zur Königin der Nacht, die Flucht aus dem Trauma scheint nur im Exzess möglich zu sein, was durchaus die Stimmung des Zwanzigerjahre-Europas widerspiegelt. Cruchaudet erzählt nicht nur dieses ungewöhnliche Schicksal, sie erkundet auch die Grenzen zwischen den Geschlechtern und hinterfragt, wie viel angeboren, selbst bestimmt oder im Laufe des Lebens erworben worden ist.

Indem Cruchaudet die Geschichte von den Schlachtfeldern in das zivile Danach führt, gelingt ihr eine wirklich eindringliche Erzählung von den Schrecken und Folgen eines Krieges. Zurecht wurde der Band beim diesjährigen Comicfestival in Angoulême mit dem Publikumspreis ausgezeichnet.

Nach Jahren des Versteckspielens werden im Jahr 1925 die Deserteure begnadigt, doch das Leben zwischen seinen beiden Identitäten gibt Paul dennoch nicht auf. Er klammert sich an Suzy - obwohl diese Faszination an seiner erfundenen Figur nicht groß genug ist, um die erlebte Gewalt vergessen zu können. Der Schützengraben bleibt in Pauls Leben bestehen. Er ist ein Hindernis, dass niemand überwinden kann.

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