Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Graphic Novel "Der Bildhauer": Du hast noch 200 Tage zu leben

Von

Comic-Liebhaber kommen an Scott McCloud nicht vorbei. Jetzt hat der US-Autor erstmals einen opulenten Comic-Roman geschaffen: "Der Bildhauer" - eine packende Story über Liebe und einen Pakt mit dem Tod.

Graphic Novel "Der Bildhauer": Was ist Leben ohne Liebe? Fotos
Scott McCloud/ Carlsen

Glück gehabt. Als Scott McCloud Anfang März in Berlin zu Gast war, um seine Graphic Novel "Der Bildhauer" vorzustellen, bildete sich eine lange Schlange vor dem Nebensaal im Haus der Berliner Festspiele. Genauso lang war die Reihe der Wartenden, die sich nach der Veranstaltung eines der dicken Bücher signieren lassen wollten.

Ein seltener Andrang für einen Comic-Künstler, selbst wenn es sich mit McCloud um einen der bekanntesten handelt, der noch dazu seine Lesungen extrem unterhaltsam zu gestalten weiß. Nicht nur das Publikum jubelt, auch die Kritiker sind sich größtenteils einig: Dem 54-jährigen US-Autor ist mit seinem ersten Comic-Roman ein großer Wurf gelungen. Alles andere wäre aber auch peinlich gewesen.

Denn Scott McCloud ist so etwas wie ein Lehrmeister für den Comiczeichner-Nachwuchs. Schon mit seiner ersten Serie, der auf 36 Hefte angelegten Superhelden-Parodie "Zot!" hielt er Mitte der Achtzigerjahre der von Marvel und DC dominierten Branche den Spiegel vor, 1993 veröffentlichte er mit "Comics richtig lesen" ein Theorie- und Anleitungsbuch, das als Standardwerk gilt. "Comics neu erfinden" und "Comics machen" folgten und festigten McClouds Ruf als "Marshall McLuhan" der Szene, wie die "New York Times" einst schrieb. Oder, wie Frank Miller ("Sin City") es einfacher formulierte, "just about the smartest man in Comics".

Pakt mit dem Tod

Wie hätte es ausgesehen, wenn ausgerechnet der Mann, der allen anderen gezeigt hat, was das Medium Comic leisten kann und wie man sein Potenzial ausschöpft, in seiner eigenen Kunst versagt? Fünf Jahre brauchte McCloud, um seinen "Bildhauer" fertigzustellen. Mehrere Male, erzählt er in Berlin, musste er alle knapp 500 Seiten der in Schwarzweiß und einem blassen Taubenblau kolorierten Story komplett überarbeiten und neu zeichnen. Ein Kraftakt.

"Es nagte an mir, dass ich dieses große, gähnende Loch in meinem Lebenslauf hatte", sagte McCloud der "New York Times" im Februar anlässlich der US-Veröffentlichung von "The Sculptor", wie das Buch im Original heißt, "ein mächtiges, solides Stück eigenständiger Prosa." Sein Sujet fand er in seiner Biografie: Die Geschichte handelt von dem jungen, ehrgeizigen New Yorker Künstler David Smith, der zufällig den Namen eines berühmten Bildhauers trägt, aber weit davon entfernt ist, selbst ein Werk für die Ewigkeit geschaffen zu haben. Unfähig, sich mit dem Geklüngel und Gekokse der Kunstszene zu arrangieren, lässt er sich, verzweifelt und mittellos, auf einen Deal mit dem Tod ein. Der begegnet ihm in Gestalt seines längst verstorbenen Onkels Harry: In 200 Tagen werde er sterben, so lange könne er jedes Kunstwerk erschaffen, was er sich je erträumt habe.

Doch bald nach dem Sensenmann begegnet ihm buchstäblich ein Engel, die Laienschauspielerin Meg, in deren Straßenperformance als himmlisches Wesen er gerät. Das Mädchen mit dem Helfersyndrom und einem Hang zum Manisch-Depressiven entpuppt sich nicht nur als Muse, sondern zudem als Davids große Liebe. Aber da war ja noch die Kunst, die er schaffen wollte. Und der Tod.

Was ist Kunst?

Familienleben oder Künstlerkarriere? Kreativität oder Kompromiss? Ist es möglich, zugleich ein erfülltes Liebes- und Beziehungsleben zu führen - und sich als Künstler hundertprozentig zu verwirklichen? Um dieses über die vergangenen Jahrzehnte persönlich erforschte Spannungsfeld dreht sich McClouds formal wie emotional mitreißende Geschichte. Vorbild für Meg sei seine Ehefrau Ivy Ratafia gewesen, schreibt McCloud. Die beiden lernten sich bereits als Teenager kennen und haben ihre Ehe seitdem dreimal erneuert.

Bei aller Gefühligkeit der Story offenbart sich in der Schicksalsgeschichte erneut der Genre-Theoretiker McCloud - was eigentlich ist Kunst? David erschafft die wundersamsten Dinge, zuerst in seinem Arbeitsraum, später im großen Maßstab auf den Straßen Manhattans - aber wie der deutschstämmige Kritiker Brecht Becker im Buch bleibt man unsicher, ob Davids Werk wirklich etwas taugt.

"Der Bildhauer" ist ein Triumph, der alle Bedingungen des von McCloud selbst erstellten Regelwerks erfüllt und vorführt, bis hin zum Spiel mit Zeit im Comic, einer Marotte des Autors, der er hier mit Verve frönt. So prall und vielschichtig die Handlung des Wälzers sein mag, so effektvoll zieht McCloud in die existenzielle Dramatik seiner Anti-Superhelden-Saga hinein. Denn nichts anderes als ein Superheld ist David mit seiner plötzlich entdeckten Macht, Gebäude, Brücken oder Straßenbeläge mit bloßen Händen zu Skulpturen zu formen. Und "Onkel Harry", der greise, lakonische Tod, erinnert nicht umsonst an den Marvel-Übervater Stan Lee.

So dreht sich bei Scott McCloud selbst in seiner wohl persönlichsten Geschichte vieles um Meta-Ebenen, das Erzählen im Comic, um Genre-Brüche und formale Kniffe. Aber alles andere wäre ja auch eine Enttäuschung gewesen. Die Filmrechte sind bereits an Sony Pictures vergeben, "Der Bildhauer" soll als Realfilm ins Kino kommen.

LITERATUR SPIEGEL auf Facebook

"Der Bildhauer" ist im Carlsen Verlag erschienen, 496 Seiten, 34,99 Euro

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
rainer_unsinn 06.04.2015
Ich weiß nicht ob der Autor vielleicht Tomaten auf den Augen hat. Ich sehe da nur einen schlecht gezeichneten Comic. Der hätte ruhig nochmal 5 Jahre länger zeichnen sollen. Das soll das neue Wunderkind sein? Ich bleib bei meinem japanischen Anime´s.
2. anime / manga
nestor88 06.04.2015
@rainer_unsinn "Ich bleib bei meinem japanischen Anime´s." "In Japan selbst steht Anime für alle Arten von Animationsfilmen, für die im eigenen Land produzierten ebenso wie für importierte. Er bildet das Pendant zum Manga, dem japanischen Comic." Deswegen gehe ich mal davon aus, dass Sie Manags und nicht Animes meinen, ansonsten macht der Kommentar nicht so richtig Sinn. Einen Comic nur auf seinen Zeichnstil zu reduzieren ist zuwenig. Es geht um das Gesamtpaket. Es mag gefallen oder nicht...das ist erst mal Geschmackssache. Aber wenn man wirklich Interesse an Comics oder Mangas hat könnte man sich zumindets mal darauf einlassen bevor es pauschal abgewertet wird. Ich kann es nachvollziehen wenn man den grafischen Stil nicht mag und den Comic deswegen erst mal nicht anfasst. Aber den Autoren als unfähig hinzustellen, ohne den Comic gelesen zu haben, hat eher Stammtischniveau.
3. Manga
Bernd.Brincken 06.04.2015
Die übergoßen Augen sind jedenfalls Manga-typisch, was schon ein eigenwilliges Merkmal der Japanischen Kultur ist, u.a. wegen seiner Einförmigkeit. Möglicherweise eine besonders schlaue Geste, aber für ein, wie man liest, anspruchsvolles Comic-Werk aus den USA erst einmal irritierend.
4. Comics werden in deutschland...
jupiter_jones 06.04.2015
...leider immer noch bei Kinderliteratur einsortiert. Dabei hat sich das angebot mittlerweile stark differenziert. Der bekanntheitsgrad von berühmten und "anspruchsvollen" werken ist gestiegen. Warum gelingt es dem comic nicht sich in der brd zu etablieren? In anderen europäischen Ländern sieht das schon besser aus.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: