Graphic Novel "Geisel" Handgelenk, Handschelle, Heizungsrohr

Eine Entführung, ein Raum, ein Gefangener: Das Comic "Geisel" macht aus Isolation und Monotonie eine lohnende Leseerfahrung. Dabei begnügte sich der Autor bisher mit netten Comic-Reiseführern.

Reprodukt/ Guy Delisle

Von Timur Vermes


Zum Autor
    Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines 1956 geflohenen Ungarn geboren. Er studierte Geschichte und Politik und wurde dann Journalist. 2012 veröffentlichte er den satirischen Roman "Er ist wieder da", von dem mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden.
  • Für SPIEGEL ONLINE schreibt er über Comics und Graphic Novels.

"Nichts passiert. Keiner kommt, keiner geht. Es ist schrecklich." Samuel Beckett hat aus dieser Prämisse ein absurdes Theaterstück gemacht. Jetzt nimmt sich der Kanadier Guy Delisle etwas Ähnliches vor, allerdings mit deutlich ernsterem Hintergrund. "Geisel" heißt sein neuer telefonbuchdicker Band - und man kann jetzt schon sagen: Das Experiment gelingt, aber der Leser muss schon auch wollen.

Das ist neu für Delisle. Der 51-Jährige ist Bestsellerautor, zuverlässig, seit Jahren, und nicht nur in Comic-Maßstäben. Er verkauft sogar in Deutschland fünfstellige Auflagen, soviel also, dass man Bände wie "Jerusalem" oder "Pjöngjang" häufig auch in comicfernen Buchläden auf attraktiven Verkaufsplätzen findet. Sein Erfolgsrezept ist eine leichte Herangehensweise an eher schwere Stoffe. Delisles Frau arbeitet für Ärzte ohne Grenzen, in ihrem Schlepptau kommt er in ungewöhnliche Regionen, und dort hat er - als freiberuflicher Comiczeichner und Vater - viel frei verfügbare Zeit, mit der er sich das jeweilige Land ansieht.

Seine skurrilen, meist sehr treffenden Beobachtungen verwertet er zu angenehmen Häppchen, selten länger als zehn Seiten, erzählt in einem lakonischen Stil, in dem er selbst - optisch stark an ein dickliches HB-Männchen erinnernd - scheinbar naiv durch die Welt tappt. Das Ergebnis ist erhellender als mancher Reiseführer, weitaus lustiger sowieso, und wenn man ihm dabei einen Vorwurf machen will, dann den, dass er gerade auch in Jerusalem oder Pjöngjang selten dorthin geht, wo es richtig weh tut. Aber das ist, zugegeben, auch nie sein Ansatz: Delisle sieht sich weniger als zeichnender Journalist denn als normalreisender Comiczeichner.

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"Geisel" von Guy Delisle: Monotonie in vielen Bildern

Zuletzt hat Delisle dann allerdings nachhaltig enttäuscht, mich wenigstens: Er hat drei "Ratgeber für schlechte Väter" gezeichnet, und das Unschöne daran war nicht, dass er reichlich abgenudelte Elterngags geliefert hätte oder praktisch gar keinen Nutzwert, sondern beides. Dazu gab es noch heiter Gemeintes über seinen Sohn ("Louis am Strand", "Louis fährt Ski", Louis gähn!). Um so überraschender ist jetzt "Geisel", weil: ganz anders, und das fängt schon beim Stil an.

Die Geschichte selbst ist schnell erzählt: Ein Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen wird 1997 in Tschetschenien entführt. Delisle schildert die Geschichte dieser Gefangenschaft, so wie sie der Mitarbeiter wiederum ihm berichtet hat. Das Frustrierende ist: Es gibt nicht viel und wenig Besonderes zu erzählen. Die Entführer sind weder grausam noch freundlich, sie betrachten ihn als Geldquelle. Er bekommt zu essen (immer dasselbe), er darf aufs Klo, manchmal darf er sich waschen, und die Zeit dazwischen verbringt er in verschlossenen Räumen, meist mit einer Handschelle an den Boden gefesselt oder an ein Heizungsrohr. Das ist es schon. Und obwohl man denken könnte, dass alle Beteiligten an einer raschen Abwicklung interessiert wären, sitzt die Geisel nach zwei Monaten immer noch in einem Raum mit einer schmuddeligen Matratze.

Comiczeichner Guy Delisle begibt sich mit seinem neuen Band auf ungewohntes Terrain: Er rekapituliert eine Entführung
Olivier Roller/ Fedephoto

Comiczeichner Guy Delisle begibt sich mit seinem neuen Band auf ungewohntes Terrain: Er rekapituliert eine Entführung

Delisle reagiert auf das für ihn ungewohnte Thema, indem er seine Zeichnungen ernster werden lässt. Letztlich reduziert er all seine (ohnehin kaum vorhandenen) cartoonhaften Übertreibungen Richtung Null. Dann schildert er jedes Detail. Und dessen Wiederholungen.

Stunden im leeren Raum lesen sich tatsächlich wie Stunden. Der Blick zur Decke, der Blick an die Wand, der Blick auf den Heizkörper. Die immer wiederkehrenden Tagträume von der Flucht, die immer wieder gleichen erträumten Begrüßungen zuhause, die Mühe, überhaupt die Tage und das Datum nicht aus den Augen zu verlieren, all das in schwarz-weiß mit Grautönen. Zu Lachen gibt es diesmal nichts. Außer ganz, ganz wenig bitterem Galgenhumor.

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Guy Delisle:
Geisel

Aus dem Französischen von Heike Drescher

Reprodukt; 432 Seiten; 29,00 Euro.

Erschwerend hinzu kommt zweierlei: Erstens ist der Entführte kein Held, der Tag und Nacht über Fluchtmöglichkeiten nachdenkt und sich mit etwas Zwirn und Wandputz aus seiner Notlage herausmacgyvern könnte. Es gibt keine Bewegungsfreiheit, Handgelenk-Handschelle-Heizungsrohr, das ist es eigentlich schon. Und zweitens scheint der Entführte auch weder sonderlich aufgeweckt noch sonderlich kontaktfreudig oder gar diplomatisch.

Es gibt kein Stockholm-Syndrom, es gibt keine Form der Annäherung an die (auch das noch: schlichten bis stoffeligen) Bewacher. Angesichts der Sprachschwierigkeiten verständlich, aber er unternimmt nicht einmal Versuche mit Handzeichen, nichts. Die Stunden im Keller vertreibt sich der immer robinsonartiger aussehende Entführte mit seinem Hobby: der Rekapitulation von napoleonischen Schlachten.

Es ist kaum zu glauben, wie gut Delisles Arbeitsweise trotzdem funktioniert, und wie allmählich auch der Leser jede Abwechslung dankbar als Sensation wahrnimmt. Wenn das Versteck gewechselt wird, wenn der Entführte einmal die Wohnung seiner Bewacher sieht, wenn einmal ein Kind in das Zimmer blickt oder die Frau eines Entführers. Der einzige, der diese Erfahrung zerstören kann, ist der Leser selbst - indem er enttäuscht von der Handlungsarmut weiterblättert.

Denn weiterblättern wird er, man will ja wissen wie die Entführung endet, obwohl das Finale nie so stark sein kann wie die gedehnte Zeit dazwischen. Immerhin ist ja klar, dass die Geisel überlebt. Wer also für Ungeduld anfällig ist, sollte sich den Band lieber aus der Stadtbibliothek leihen, er wird wenig Freude haben. Wer sich allerdings dem Comic vertrauensvoll in die Hände gibt, bekommt die vermutlich authentischste Entführungserfahrung, die man bekommen kann, ohne tatsächlich Opfer zu werden.

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