Graphic Novel "In the Pines" Von Mördern, Liedern und Mädchenleichen

Düstere Wälder und Dörfer, in denen es nur die Bibel zu lesen gibt - das ist der Schauplatz für die Balladen, denen Erik Kriek ein angemessen schauriges Denkmal setzt. Dabei sagt der Zeichner von sich, er habe gar keine dunkle Seite.

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Erik Kriek/ Avant-Verlag

Man muss sich beim Lesen die dunkelgrünen Hügel der Appalachen vorstellen mit ihren tiefen Tälern und verschrobenen Typen. So jedenfalls hat es Erik Kriek während der Entstehungsphase seiner Graphic Novel "In the Pines" gemacht.

Kriek versetzte sich in die Haut dieser Rednecks und verlorenen Seelen, die seit jeher die sogenannten Murder Ballads, die Moritaten der USA, bevölkern. Er stellte sich die Trostlosigkeit und Einsamkeit vor, auf denen die Schauermärchen gedeihen: "Oft gibt es in diesen entlegenen Dörfern nur ein Buch und das ist die Bibel", erzählt der niederländische Zeichner am Rande einer Buchvorstellung in Hamburg.

Es sind die schaurigen Abgründe des Wilden Westens, in die sich Kriek hineinwagt. Schon der Titel "In the Pines" weckt eine Ahnungen von dunklen Wäldern, unter deren moosigen Böden blasse Leichname mit ihren Geheimnissen begraben liegen. Es ist auch, wie alle anderen Kurzgeschichten des Bandes, der Titel eines Liedes. Kriek benutzte die Folk- und Bluegrasssongs als Ausgangspunkt für seine Geschichten, erlaubte sich dann aber die Freiheit, erzählerisch abzuschweifen, dazu zu erfinden und neu zu interpretieren.

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Frauen aus ihrer Rolle als reine Opfer befreien

Sechs dieser Klassiker hat sich Kriek für sein Buch ausgewählt und sie zu illustrierten Kurzgeschichten ausgebaut, über denen die düstere Atmosphäre von unglücklicher Liebe und tragischem Ende schwebt. Es hätten auch noch mehr sein können, denn das Repertoire an amerikanischen Murder Ballads ist nahezu unerschöpflich.

Die prominenteste im Buch haben Nick Cave und Kylie Minogue in den Neunzigern zu neuem Leben erweckt. Es ist die Geschichte von einem Mädchen namens "Wild Rose". Kriek allerdings ließ sie - anders als im Lied - nicht nur mit dem Leben davonkommen, er ließ die wilde Rose über den Mordgesellen triumphieren. "Das Grundmotiv ist immer recht ähnlich, Mädchen wird ermordet, Mörder erhält seine grausige Strafe", erzählt der bärtige Zeichner. Das habe er ein bisschen auflösen wollen, die Frauen aus ihrer Rolle als reine Opfer befreien. So gibt er den altbekannten Geschichten oft einen unerwarteten Dreh.

Moritaten, die einem einen wohligen Schauer über den Rücken jagen, haben Künstler schon immer fasziniert. Kriek kennt sich aus mit düsteren Geschichten, seine letzte Comicadaption widmete sich dem Meister des abgründigen Erzählens, H.P. Lovecraft.

Dabei ist Kriek selbst ein eher fröhlicher Mensch. "Ich habe überhaupt keine dunkle Seite", sagt er über sich selbst. "Vielleicht mache ich gerade deshalb diese Art von Geschichten, um das auszugleichen." Schon als Kind begeisterten ihn Schauermärchen, selbst wenn er danach tagelang nicht einschlafen konnte.

Den ursprünglichen Ansatz von staatstragender Moral, der Moritaten einst eigen war, wollte Kriek vermeiden, er lässt dafür Spielraum für Eigeninterpretationen von Schuld und Sühne seiner Figuren. Auch der Gruselfaktor ergibt sich viel mehr aus der szenischen Dichte, die seine Zeichnungen ausmacht, als aus der plastischen Darstellung der Gewalttaten.

Bluegrass und Folkmusik faszinierten den 49-jährigen Künstler schon immer, früher konnte er seiner Lieblingsmusik allerdings nur auf einer einzigen christlichen Radiostation in Amsterdam folgen. Vor allem diese Musikrichtung hat sich abgearbeitet an den ur-amerikanischen Geschichten von tragischer Liebe und gruseligen Verbrechen. Was eignet sich schon besser, als eine raue Stimme und eine schrabbelige Gitarre, um vom Leid dieser Erde zu erzählen?

Damit sich die Leser die Musik zu den Bildern nicht vorstellen müssen, hat der passionierte Hobbymusiker mit der befreundeten Band Bluegrass Boogiemen die sechs Balladen neu aufgenommen, die als Basis der Geschichten dienen, und die CD dem Buch beigefügt. So kann man sich neben den zweifarbigen Tuschezeichnungen auch noch von den dazugehörigen Banjoklängen auf diesem düsteren Spaziergang durch die kränkelnde amerikanische Seele begleiten lassen.

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Taiga_Wutz 26.03.2016
1. Danke!
Danke spon für die Besprechung einer Graphic Novel. Comics sollten viel mehr rezensiert werden. Zu Bluegrass - Murderballads noch ein Zitat des einzigen Deutschland-Konzertes der "The Mountain"-Tour von Steve Earle & The Del McCoury-Band 1999 in Hamburg, den Song "Carrie Brown" ankündigend: "I had to had ONE bad-tooth hillbilly Murderballad on this album. That's the whole problem with Nashville today: you can't kill nobody in a song anymore. But in Bluegrass-music you always could, which is one of the reasons I love it."
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