Comic über Nazi-Mitläufer Alternative zu Deutschland

Nazi-Mitläufer? Die haben doch auch gelitten, und am Ende starben viele den Märtyrertod: So erzählt es das deutsche Fernsehen gern. Barbara Yelins ausgezeichnete Graphic Novel "Irmina" macht das ganz anders.

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REPRODUKT /Barbara Yelin

Das deutsche Fernsehen hat es sich pünktlich vor dem 70. Jahrestag des Weltkriegendes in einem ganz gemütlichen Revisionismus behaglich gemacht, der sich auch in der medialen Berichterstattung wiederfindet.

Unterpolstert sind diese neuen Weltkriegsfilme gern mit einem Geschichtspathos, das schon den ZDF'schen Knoppismus so schwer erträglich gemacht hat. Aber gut, Filmemacher wollen ja Geschichten erzählen, nicht unbedingt Geschichte. Doch wie man das Narrativ der Mitläufer und -täter auch ohne entschuldigenden Tonfall und ohne diese "Man wird doch wohl noch mal sagen dürfen"-Attitüde erzählen kann, das macht den Regisseuren ausgerechnet Barbara Yelins herausragende Graphic Novel "Irmina" vor.

Bemerkenswert kommentarlos und urteilsfrei

Was durften wir Zuschauer bangen um die arme Henny im "Zeugenhaus", fast hätten wir uns gewünscht, dass sie ihren lieben Ehemann Baldur von Schirach noch einmal in die Arme schließen kann. Und noch viel mehr haben wir gezittert um den armen Wehrmachtsrekruten Friedhelm in "Unsere Mütter, unsere Väter". Zumal er noch vom niedlichen "Oh Boy" Tom Schilling verkörpert wurde. Ein Intellektueller, der eigentlich vom Krieg nichts wissen will.

Beide Werke bleiben bemerkenswert kommentarlos und urteilsfrei in der Darstellung ihrer Nazimitläufer. Deren menschliches Leid wurde uns vor den Bildschirmen dann doch irgendwie nähergebracht als das der anonymen Opfer, was gefährlich nah dran ist an einer Schlussstrichhaltung. Und gefeiert wurde diese Haltung auch noch als gänzlich neuer Erzählansatz, obwohl die Perspektive der deutschen Opfer nun wirklich zur Genüge seit den Fünfzigerjahren vertreten ist.

Barbara Yelin erzählt in ihrer Graphic Novel ebenfalls eine ganz gewöhnliche Mitläufergeschichte. Aber sie benutzt den Kniff, diese mit einer außergewöhnlichen Protagonistin zu versehen. Das allein verkürzt die Distanz des Lesers schon erheblich, denn diese Irmina, die Yelin in aufwendiger Recherche an Briefe und Aufzeichnungen ihrer Großmutter angelehnt hat, ist eine moderne mutige Frau. Eine, die ausbrechen will aus dem miefigen vorgezeichneten Leben, die 1934 alleine nach England geht, sich gegen die Konventionen in einen dunkelhäutigen Oxfordstudenten aus Barbados verliebt und letztlich doch mittendrin im Nazideutschland landet.

Fließender Übergang zur Mitläuferin

Die, obwohl sie die Außensicht kennt, obwohl ihr bewusst ist, was da vor ihren Augen geschieht, einen SS-Offizier heiratet. Zum eigenen Vorankommen, zum Anpassen an die Gegebenheiten. Das Buch zeigt: Das nationalsozialistische System bietet den Mitläufern sozialen Aufstieg, und wer die Möglichkeit bekommt, ergreift sie. Aber nicht, ohne dabei an den zerschmissenen Fenstern der jüdischen Geschäfte vorbeigehen zu müssen oder die Antwortlosigkeit des nächtens von Razzien heimkehrenden SS-Gatten hinzunehmen. Dieses willige Einengen des eigenen Kosmos setzt Yelin auch zeichnerisch um, die in der Londoner Freiheit noch großen, offenen Bilder werden nach und nach zu kleinen, engen Panels im Nazideutschland.

Ja, auch für Irmina geht der Übergang zur Mitläuferin schnell und fließend, aber eben nicht unschuldig, wie es uns die erfolgreichen Fernsehproduktionen weismachen wollen. Auch das Reinrutschen in die Mittäterschaft geschieht sehenden Auges und hat seinen Preis. Nicht den des großen Märtyrertodes, mit dem sich die Protagonisten in "Unsere Mütter Unsere Väter" noch moralisch freischaufeln konnten. In Irminas Fall ist der Preis, ein verbittertes kleines Nachkriegsleben zu leben, immer in dem quälenden Bewusstsein, die rechtzeitige Entscheidung gegen die Alternative getroffen zu haben. Das ist es, was aus Yelins Comicerzählung ein kleines Meisterwerk macht, von dem sich so mancher Historienfilmer drei bis vier Scheiben abschneiden könnte.

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