Graphic Novel "Patchwork" So kuschelig wie eine Flickendecke

Keinen Mann? Keine Tochter? Keinen Sohn? Die Hauptfigur in Katharina Greves neuem Buch schneidert sich ihre Familie kurzentschlossen selbst - aus Überresten tierischer Körper. Monströs sind die Kreaturen dennoch nicht. Sondern überraschend sympathisch.

Comic-Zeichnerin Katharina Greve (Selbstporträt): Schnörkelloser Blick auf die Welt

Comic-Zeichnerin Katharina Greve (Selbstporträt): Schnörkelloser Blick auf die Welt

Von Isabelle Erler


Talkrunden, Zeitungen, Fach- und Sachbuch: kein Medium, das sich nicht an der Entmystifizierung der Patchworkfamilie versucht. Dass es in dieser Form der menschlichen Kleingruppe keineswegs so harmonisch zugeht, wie ihr Namensgeber suggeriert, die aus bunten Stoffresten zusammengesteppte Tagesdecke, weiß jeder. Trotzdem: Das unkonventionell-positive Image, das dem Begriff anhaftet, hält sich penetrant.

Der folkloristischen Restedecke genau aufs Wort geschaut hat die in Berlin lebende Comic-Zeichnerin Katharina Greve in ihrer gerade erschienenen zweiten Graphic Novel "Patchwork". Ihr Ausgangspunkt ist zunächst das Handwerk, das Decke und später dann Familie hervorbringt. Greves Untertitel macht es deutlich: "Frau Doktor Waldbeck näht sich eine Familie."

Linda Waldbeck ist Transplantationsspezialistin. In ihrem Labor lässt sie aus Überresten tierischer Körper neues und äußerst schräges Leben entstehen. Eine Schlange mit Hasenhaupt zum Beispiel oder ein putziges Häschen mit Schweinerüssel und Oktopus-Tentakel an der Stelle, an der das Schicksal ihm das Puschelschwänzchen abgeschlagen hat. Tagein, tagsaus widmet sich Linda Waldbeck ihrer Arbeit und ihren Kreaturen und wird dafür jedes Jahr aufs Neue mit höchsten Auszeichnungen belohnt. Als ihre Tätigkeit jedoch für ultrageheim erklärt und die alljährliche Anerkennung damit unmöglich wird, gerät die Wissenschaftlerin in eine Sinnkrise: keine Familie, kein Partner und "nah am Verfallsdatum", wie sie ihrem Spiegelbild gegenüber feststellt. Kurzentschlossen schneidert sie sich ihre Familie am nächsten Tag selbst.

Anders als Viktor Frankensteins Kreatur erscheinen die vier Kinder, denen Linda das Leben schenkt, keineswegs monströs, sondern sympathisch und lebhaft, wie Kinder eben sind. Dabei gäbe es zum Gruseln allen Grund: Zwei bestehen jeweils aus einem Bein mit zwei Fangarmen, eines aus einem Kopf, mobil dank eines Paars darunter genähter Hände, und für das vierte hat Linda einem Torso ein Gesicht auf die Brust gesteppt. Der Ekel bleibt aus, weil die Künstlerin die absurde Situation einfach für normal erklärt.

Schnörkellos wie gute Architektur

Seit 20 Jahren lebt die gebürtige Hamburgerin Katharina Greve in Berlin. Dort studierte sie zunächst Architektur - hängte diese nach dem Diplom aber gleich an den Nagel. Als Ex-Architektin bezeichnet sie sich heute, was so klingt wie Ex-Raucher: wie etwas, von dem man sich befreit hat. Und doch hat das Studium Greves Blick auf die Welt und ihre Bilderwelten geprägt. Geradlinig und schnörkellos sind sie, wie ein architektonischer Grundriss, auf das Wesentliche reduziert.

In ihrer ersten Graphic Novel "Ein Mann geht an die Decke", für deren Artwork Greve vergangenes Jahr beim Comic-Salon in Erlangen den Independent Comic-Preis erhalten hat, spielt auch der architektonische Raum eine wichtige Rolle: Greve lässt ihren Protagonisten, den Kreuzworträtselliebhaber und Fahrstuhlführer Frank Fink, in eine Welt fallen, in der das Horizontale und das Vertikale sich vertauscht haben, in der die Perspektive verschoben ist. Das Kippen der räumlichen Ordnung verändert den Blick des Mannes und lässt ihn zum Schluss zufrieden und entspannt an die Decke gehen. Im wahren Sinn des Wortes.

Greve schaut dem Wort immer genau auf den Sinn. Ihr Humor ist fein und spitz wie Linda Waldbecks Nähnadel und macht Spaß, weil ihre Wortbetrachtungen den Leser in naheliegende und doch überraschende Gefilde führen. So lässt die Comic-Künstlerin, die bereits für "Titanic" gearbeitet hat, ihre kuschelige Patchworkfamilie gegen die fehlende Integrationsbereitschaft der Gesellschaft, Sensationsgeilheit und die skrupellosen Machenschaften von Boulevardpresse und Wirtschaft bestehen. Schöne, heile Monsterwelt.

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