Graphic Novel über "Charlie Hebdo"-Trauma "Eine Zeichnung kann verletzen, wird aber niemals jemanden töten"

Die Zeichnerin Catherine Meurisse entkam dem "Charlie Hebdo"-Attentat nur durch Zufall. Nun erscheint die Graphic Novel "Die Leichtigkeit", in der sie von ihrer langsamen Rückkehr in ein Leben nach dem Anschlag erzählt.

Catherine Meurisse/ Carlsen

Ein Interview von


Zur Person
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    Catherine Meurisse, 36, wurde 2001 in einem Wettbewerb von "Charlie Hebdo" als Zeichnerin entdeckt. Nach ihrem Studienabschluss trat sie 2005 der Redaktion des Satireblattes bei. Daneben illustrierte sie Kinderbücher und veröffentlichte mehrere Comicbände. Am 7. Januar 2015 verspätet sie sich auf dem Weg zur Redaktionskonferenz von "Charlie Hebdo" und entkommt so dem Attentat. Die Zeit danach verarbeitet Meurisse in der Graphic Novel "Die Leichtigkeit", die Ende 2016 im Carlsen-Verlag auf Deutsch erscheinen ist.

SPIEGEL ONLINE: Frau Meurisse, was ist für Sie heute zwei Jahre nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo", dem sie nur zufällig entgangen sind, Leichtigkeit?

Meurisse: Leichtigkeit deckt für mich mehrere Ebenen ab. Sie bedeutet Sorglosigkeit, die "Leichtigkeit des Seins", das Lachen, und auch das Zeichnen. Mein Zeichnen ist von rascher Hand wie hingeworfen, wenig überladen und mit leichtem Werkzeug ausgeführt: ein Bleistift oder eine Feder, einige Tupfer Aquarell. All das wurde am 7. Januar 2015 zugrunde gerichtet, und seither bemühe ich mich, es wiederzuerlangen. Und von diesem Bemühen erzähle ich in meinem Buch, das keinen anderen Titel haben konnte. Heute hat die Leichtigkeit sich wiedereingestellt, jedoch nur zu Teilen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie diesen Weg zurück geschafft, um wieder Zugang zum kreativen Arbeiten zu erlangen?

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Catherine Meurisse:
Die Leichtigkeit

Carlsen; 144 Seiten; 19,99 Euro.

Meurisse: Es war nicht einfach, das Zeichnen wiederzuerlangen, die Gewissheit, wieder imstande zu sein zeichnen zu können. Bei "Charlie" haben wir herausgebracht, was die Medien die "Zeitung der Überlebenden" genannt haben, dafür haben wir quasi blind gezeichnet, angetrieben nur vom Willen (oder dem Reflex), unsere ermordeten Freunde weiterleben zu lassen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben, anders als vor dem Anschlag, in der Folge zunächst keine politischen Themen mehr bearbeitet?

Meurisse: Nein, ich habe mich auf einen kleinen wöchentlichen Comic konzentriert, in Schwarz-Weiß, mit dem Titel "Szenen aus dem hormonalen Leben". Darin geht es um Paare in ihren Dreißigern. Die lieben sich, zanken sich, sprechen über Libido, über Mutterschaft. Nur solche Themen, so nahe wie möglich am Körperlichen, am Leben selbst, haben mich noch interessiert.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Erklärung dafür?

Meurisse: Heute stelle ich fest, dass sich die Comics mit der Frage nach dem Verlangen, nach der Lust nach dem 7. Januar beschäftigen. Was wird aus der Lust, nachdem solch eine Gewalt über einen gekommen ist? In was für einem Körper lebt man nach so etwas? Kehrt die Libido zurück? Wird man noch ebenso über Liebe sprechen können wie zuvor? All das wird mit sehr viel Humor verhandelt, was sehr verwunderlich ist, wenn man den Zustand bedenkt, in dem ich war, als ich diese Strips machte. Vermutlich war es ein reflexhaftes Zeichnen, ein Zeichnen zum Überleben.

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Graphic Novel "Die Leichtigkeit": Die Kunst nach dem Schrecken

SPIEGEL ONLINE: Dennoch entschieden Sie sich, "Charlie Hebdo" zu verlassen.

Meurisse: Zur selben Zeit, als ich an diesen Strips arbeitete, in den Monaten nach dem Anschlag, war ich in großer Sorge, weil meine innerste Vorstellungswelt, auf die ich zurückgreife, aus der ich schöpfe, wenn ich meine Comics mache, die über die Pressezeichnung hinausgehen, leer war, wie blockiert. Ich konnte mich an nichts mehr erinnern, nicht einmal mehr an den Anfang meiner Sätze. Alles war mir gleichgültig, ich war unfähig zu denken, jeglicher Kultur beraubt, wie auf einen fernen Planeten geschleudert. Der Zeichner Luz hat mich wachgerüttelt.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat er das geschafft?

Meurisse: Die Veröffentlichung seines Albums "Katharsis" hat mir klar gemacht, dass ich, wie er, das "Charlie"-Kollektiv verlassen musste, das ich das "Wir", das uns damals ausmachte, aufbrechen musste, um "Ich" sagen zu können. Plötzlich schien es mir offensichtlich, dass ich meine persönliche Rekonstruktion erzählen musste, dass dieser Bericht mich retten könnte.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Graphic Novel hat trotz allem, trotz tiefer Traurigkeit, immer auch sehr viele komische Momente. Welche Rolle kann Humor beim Überwinden einer Tragödie spielen?

Meurisse: Ich kann nicht leben ohne Humor, ohne Lachen und ohne zum Lachen bringen zu wollen. Humor ist der Filter, der es möglich macht, die Gewalt und die Grausamkeit der Welt zu ermessen, ohne zu sehr darunter zu leiden. Er erlaubt es uns, der Verzweiflung eins auszuwischen - soweit möglich. Das Lachen ist nach dem Anschlag auf "Charlie" nicht verschwunden, es hat einen harten Schwinger abgekriegt, mitten ins Gesicht, aber es hat sich wieder aufgerappelt. Wie tief wir auch in Kummer versunken waren, wir konnten doch lachen, wenn wir an unsere ermordeten Freunde dachten, an ihre witzigen Zeichnungen.

SPIEGEL ONLINE: Der Humor ist also eine Hommage an die Kollegen?

Meurisse: Einerseits erweise ich damit den Toten von "Charlie" meine Reverenz, ja. Andererseits begründe ich damit aufs Neue meine Identität als Frau und Zeichnerin. Und ich vermeide damit auch, meine Erzählung in Pathos versinken zu lassen. Es wird oft gesagt, Humor sei die Höflichkeit der Verzweiflung, für mich aber ist es Höflichkeit an und für sich. Eine Weise, in Kommunikation mit anderen zu treten, sofort zu erkennen, ob man sich wohl verstehen wird. Der Humor, vor allem in der Zeichnung, erfordert schärfste Aufmerksamkeit: es muss ein Stück Wirklichkeit erfasst, blitzartig verwandelt, anderen vorgesetzt werden; dann wartet man die Wirkung auf den Leser ab. Wenn sich ein Lachen einstellt, wissen wir, dass alle noch lebendig sind!

SPIEGEL ONLINE: "Charlie Hebdo" wird oft kritisiert für einen satirischen Ansatz, der vielen zu weit geht. Was denken Sie, darf Satire?

Meurisse: Wenn ein Zeichner "zu weit" geht, das heißt auf törichte Weise zu Hass oder Mord anstachelt, dann gibt es das Gesetz, um ihn zur Besinnung zu bringen. Das Gesetz, und nicht die Kalaschnikows. Eine Zeichnung kann verletzen, wird aber niemals jemanden töten.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie sich Frankreich in diesem Wahljahr anschauen, machen Sie sich Sorgen um Ihr Land?

Meurisse: Ja, die Gesellschaft hat sich verändert, und diese Veränderungen machen mir Sorge, natürlich. Ich bin, wie viele Menschen, desorientiert, und blicke wenig zuversichtlich in die Zukunft. Aber ich habe ein Refugium gefunden, wohin es mich sofort zieht, sobald man mir von einer neuen Gewalttat berichtet: die Kunst. Von den Werken anderer zu zehren, und selbst zu schaffen, das ist der Garten, den zu pflegen ich beschlossen habe. Aus Verunsicherung entsteht etwas Neues, Verunsicherung ist dem Schöpferischen nicht fremd.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle kann denn Satire und Ironie angesichts der aufkommenden populistischen Bewegungen in ganz Europa einnehmen?

Meurisse: Das Problem ist, dass Populisten oft Humor haben, beziehungsweise die Menschen mit Bonmots überschütten und sie glauben machen, das sei Humor. Trump oder Le Pen sind schon Karikaturen an sich, es geht ihnen gut dabei, ja, sie pflegen geradezu diese ungehemmte Verkörperung sexistischer oder rassistischer Stereotypen. Was bleibt da noch dem satirischen Zeichner, dessen Job es ist, den Wahnwitz von Politikern bloßzustellen? Die Aufgabe wird immer schwieriger, ist aber immer noch notwendig. Ein Zeichner ist kein Soldat, er wird weder Krieg noch Populismus mit drei Strichen beenden. Aber wenn seine Betrachtungsweise zu anderem Denken führt, und sei es nur für zwei Sekunden, dann ist das ein weiterer Schritt im Kampf gegen die Dummheit.

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Ein_denkender_Querulant 07.01.2017
1. Die Macht des Wortes
Wort und Zeichnung sind unsere mächtigsten Waffen. Durch sie starben mehr Menschen, als durch das Schwert. Genau wie beim Schwert, dass ganz harmlos und passiv ist, wird auch das Wort oder die Zeichnung erst denn gefährlich, wenn Menschen es anwenden und interpretieren. So einfach sollte man sich nicht aus der Verantwortung ziehen. Physiker haben nach dem Bau der Kernwaffen lange darüber diskutiert, was man darf und welche Grenzen nicht überschritten werden dürfen. Auf das Wort und die Zeichnung bezogen fehlt diese Diskussion um Verantwortunmg völlig.
wuffeman 07.01.2017
2. Recht andere zu verletzen?
Wir haben doch nur ein bißchen verletzt, ein wenig gefoltert, nur mit Bildern nur mit Worten. Die Sprachlosen, Bildungsfernen kulturell anders Aufgewachsen verstehen uns Akademiker Bildungs und Wohlstansbürger nicht! Es ist an uns jene zu verstehen lernen und uns auf Ihre Welt einzulassen. Respekt zu zeigen. Wertschätzung. Sonst werden wir alles verlieren.
redlich243 07.01.2017
3.
"Eine Zeichnung kann verletzen, wird aber niemals jemanden töten." Aber auch verletzende Handlungen können zu Recht eine Straftat darstellen. Ich habe die erste Deutschland Ausgabe von Charlie Hebdo gelesen und stellte fest: unterirdischer Humor, grottige Zeichnungen, mit 4€ völlig überteuert...ein Schmierblatt. Ich würde es definitiv nicht vermissen und künftig auch keine 40Cent dafür ausgeben. Wird sicher kein französischer Exportschlager. Ich hoffe mein Fazit verletzt die Redaktion von CH nicht, aber wenn doch, dann nehmen diese es sicher mit Humor.
taddeusz 07.01.2017
4. Töten
Worte töten auch nicht. Finde Dieudonné viel anspruchsvoller, witziger und intelligenter als der Schrott von CH. Valls und Co haben alles versucht, um ihm das Leben schwer zu machen. Jetzt sogar Gefängnisstrafe. Und die Hetzer von CH zeichnen bei jeder Katastrophe (Flugzeugabstürze, Vökermord in Rwanda oder Kambodscha... die Liste könnte man ewig fortsetzen) irgendeine unwitzige, pietätlose, postpubertierende Scheisse und gelten als Helden der Meinungsfreiheit. Lächerlich.
kyon 07.01.2017
5. Statt Dankbarkeit Vorwürfe
" Eine Zeichnung kann verletzen, wird aber niemals jemanden töten." Was bedeutet es eigentlich, wenn sich jemand über bedrucktes Papier aufregt und sich verletzt fühlt, aber keine Probleme damit hat, einen Religionsbegründer als Vorbild zu verehren, der zur Durchsetzung seiner religiös-politischen Ziele Gewalt angewendet hat, auf die mit dem bedruckten Papier hingewiesen wird? Ganz schräg wird es, wenn sogar religionsbezogen nicht direkt Angesprochene den Zeichnern eine Grenzüberschreitung vorwerfen. Statt sich für eine Schärfung des Bewusstseins dankbar zu sein, ordnen sie sich lieber einer unberechtigten und masslos übersteigerten Verletzlichkeit einer ganz bestimmten Religionsgemeinschaft unter.
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