Graphic Novel "Vaterland" Mein Papa, der Terrorist

In der Graphic Novel "Vaterland" erzählt Nina Bunjevac ihre Familiengeschichte. Schonungslos zeichnet sie nach, wie ihr Vater sich radikalisierte - und schließlich als Folge dessen starb.

Von

Nina Bunievac/ avant-verlag

Der serbische Nationalist Peter Bunjevac starb 1977 in Kanada, als er einen Bombenanschlag vorbereitete. Wie konnte es so weit kommen - und wer war dieser Mann eigentlich?

Diesen Fragen hat sich Bunjevacs Tochter Nina mit ihrer Graphic Novel "Vaterland" angenommen. Sie sucht darin nicht bloß nach ihrem Vater, sie sucht nach ihrer eigenen Identität. Entstanden ist eine Familiengeschichte, die stellvertretend für eine Region steht.

Der Band beginnt im Toronto der Gegenwart, mit einer scheinbar harmlosen Szenerie: Eine erwachsene Tochter bekommt Besuch von ihrer Mutter. Nina Bunjevac hat diese Szene bewusst an den Anfang gestellt, um dem Leser zu verdeutlichen, wie schwierig es ist, sich in aller Konsequenz seiner eigenen familiären Vergangenheit zu stellen. Die Mutter hat offensichtlich den Weg der selektiven Erinnerung gewählt, ihre Tochter schlägt mit der Arbeit an "Vaterland" die entgegengesetzte Richtung ein. Sie mutet sich und ihrer Familie das Aufbrechen alter Wunden bewusst zu.

Erklären ohne zu entschuldigen

Die Zeichnerin rekonstruiert die Lebensgeschichte ihres Vaters aus Fragmenten ihrer Kindheitserinnerungen und akribisch recherchierten Fakten. Ihr Stil ist eigen, feingestrichelt und wirkt fast fotorealistisch. Dabei gelingt es der 1973 in Kanada geborenen Bunjevac, den Bogen von ihrer eigenen Familie zur jugoslawischen Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts zu schlagen: Von der Partisanengroßmutter, über Titos Ära, hin zu den radikalen Serben, denen sich ihr Vater im kanadischen Exil anschloss. Bunjevac unternimmt damit den Versuch, den Konflikt zwischen Serben und Kroaten zu erkunden, der sich zuletzt im Jugoslawienkrieg auf brutale Weise zeigte.

Der Zweite Weltkrieg - die Zeit, in der Bunjevacs Vater aufwuchs - zeigt sich auf persönlicher und zeitgeschichtlicher Ebene als Schlüsselerlebnis. Eine grausame Kindheit, zwischen Kriegsgeschehen und persönlichen Tragödien: Der Vater wächst zu einem sadistischen Teenager heran. Vielleicht ist das der Versuch der Tochter, die spätere Radikalität ihres Vaters zu erklären. Entschuldigen will sie die Taten der nationalistischen Terrororganisation, der er sich anschloss, freilich nicht.

"Papa" durchzieht die Erzählung

Schonungslos zeichnet Bunjevac die Lebensgeschichte ihres Vaters nach. Dabei durchzieht das kindliche "Papa" die gesamte Erzählung. Distanz baut sie eher als Zeichnerin auf: Schwarz-weiße Schraffuren, die wenig Emotionalität transportieren. Nur kurze Ausschnitte des Alltags in Titos Jugoslawien lassen erahnen, dass nicht das ganze Leben vom Grauen überschattet war. Und trotz der Dramatik ist "Vaterland" stellenweise auch humorvoll: Ziemlich witzig beschreibt Bunjevac die stockende Bürokratie und ihre ersten Begegnungen mit der westlichen Kultur.

Die künstlerische Verarbeitung von Bunjevacs Geschichte begann bereits 2012 mit ihrem Comic "Heartless", in dem der Vater einen kurzen Gastauftritt hat. "Heartless" erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die sich wiederholt in destruktive Männergeschichten stürzt. Ein düsterer Comic - mit autobiografischen Wurzeln. Vielleicht ist "Vaterland" jetzt so etwas wie ein persönlicher Schlussstrich für die Autorin.

Anzeige

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.