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Graphic Novels 2015: Traut euch was!

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"Sarajevo" von Joe Sacco: Neurose in der Krisengebietsreportage Zur Großansicht
Joe Sacco/ edition moderne

"Sarajevo" von Joe Sacco: Neurose in der Krisengebietsreportage

Amerikaner beschäftigen sich mit Familienwirren, deutschsprachige Zeichner scheuen das Experiment und greifen lieber tief in die Geschichtskiste. Der Rückblick auf das Graphic-Novel-Jahr 2015.

Es mag nun keine ganz neue Beobachtung sein, dass sich deutsche im Vergleich zu amerikanischer Kunst (genau wie im Journalismus übrigens auch) lieber vom Thema distanziert und in die Beobachterrolle begibt. Dieser Jahrgang von Graphic Novels bestätigte dieses Muster ein weiteres Mal.

Während sich die Amerikaner also mit ihren sterbenden oder dementen Eltern, der eigenen Psychoanalyse oder anderem Woody-Allenesken beschäftigen, arbeiten sich die Deutschen weiter an Politik und Geschichte ab. Selbst der amerikanische Genre-Star Joe Sacco schafft es ja in seinen Krisengebietsreportagen (dieses Jahr erschien sein Band "Sarajevo") noch irgendwie, hauptsächlich von sich selbst und seinen Neurosen zu erzählen. Trotzdem sind seine Bände meistens ein ungeschminkter Einblick in schwer zu fassende Themen, gerade weil sie diesen sehr persönlichen Blickwinkel zulassen.

Denn im besten Fall kommt beides zusammen, der persönliche Bezug und die weiter ausholende Geschichte. Im vergangenen Jahr schuf Barbara Yelin mit "Irmina", der an die Biografie ihrer Großmutter angelegten Erzählung einer Nazi-Mitläuferkarriere, ein solches Beispiel.

Toll gezeichnet und mit einer universellen Geschichte, der man trotzdem die emotionale Nähe zu ihren Figuren anmerkte, ebenso wie bei Mawils fantastischer DDR-Kindheitsgeschichte "Kinderland". Diese ganz herausragenden deutschen Bände fehlten im Jahr 2015.

Trotzdem gab es auch gute Beispiele für die gewachsene Qualität des Genres hierzulande. Unter anderem wieder einmal Reinhard Kleist, der die Dramatik der Flüchtlingskrise am persönlichen Schicksal der somalischen Olympionikin Samia Yusuf Omar vorwegnahm und der auf der Flucht ertrunkenen Sportlerin ein berührendes zeichnerisches Denkmal setzte.

Auch Isabella Kreitz' "Rohrkrepierer" über eine Fünfzigerjahrejugend auf St. Pauli atmete Authentizität und deutsche Geschichte, ebenso wie Tobi Dahmens charmante Provinzjugend-Erzählung "Fahrradmod". Die Spielfreude und Innovation fehlte aber auch den Highlights, denn noch halten sich die hiesigen Zeichner zu gerne in gewohnten Themen und Formaten auf.

Wenig erstaunlich also, dass sich die meisten Kritiker auf eine Graphic Novel aus Kanada als ihren Favoriten 2015 einigten. Die Coming-of-Age Geschichte "Sommer am See", die erstaunlich authentisch in die Gefühlswelt ihrer 13-jährigen Protagonistin eintaucht, war der gemeinsame Nenner des Jahres. Keine außergewöhnliche Geschichte, sondern das geniale Gespür für die Ausdrucksmöglichkeiten des Formats Graphic Novel machen den Charme des Buches aus.

Auffallend war, dass es in diesem Jahr gleich mehrere Comiczeichner gab, die sich spielerisch an die Grenzen des Genres wagten. Richard McGuires "Hier" - fairerweise muss gesagt werden, dass es die Vervollständigung einer bestehenden Kurzgeschichte war - zeigte mit seinem alle zeitlichen Dimensionen sprengenden Aufbau die erzählerischen Möglichkeiten des Genres.

Marc-Antoine Mathieu versuchte sich an einer Geschichte völlig ohne Sprache und überzeugte mit dem Kritikerliebling "Richtung". Dieser Mut, die Möglichkeiten der zeichnerischen Darstellung noch mehr auszuloten, fehlt den deutschen Zeichnern leider oft noch.

Immerhin, einige deutsche Künstler trauen sich langsam ein wenig mehr aus den Rahmen der strikt linearen Panels der Asterix-Generation heraus. Der Leipzigerin Anna Haifisch zum Beispiel gelang mit ihrem leider etwas zu wenig beachteten, aberwitzigen Debüt "Von Spatz" ein verrückter Metaebenentrip durch das Künstlerdasein, der sich vor internationaler Konkurrenz nicht verstecken muss. Das Genre hat es auch in Deutschland mittlerweile aus den Kellergeschossen der Comicläden herausgeschafft, jetzt müssen die Comickünstler beweisen, dass sie zu mehr fähig sind, als sich in sicheren Gewässern zu bewegen.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Kleinkariert?
frankfreifrank 22.12.2015
Kann nur ich das nicht lesen? Kann man das nicht auf Click vergrößern? Für die Methusalixchen?
2. Graphic Novels = Comics
ekel 23.12.2015
"Graphic Novel" ist einfach ein anderer Begriff für "Comic". Leute nennen es nur gerne Graphic Novel, um sich und anderen gegenüber nicht eingestehen zu müssen, dass auch sie die als leichte Lektüre verrufenen Bildgeschichten lesen.
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