Grass-Brief an Danzig "Für mich behalten, doch nicht verdrängt"

Der wegen seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS in die Kritik geratene Schriftsteller Günther Grass hat in einem Brief an seine Geburtsstadt Danzig sein Bedauern über das Ausmaß der Kontroverse ausgedrückt. Lech Walesa ließ daraufhin von seiner Forderung nach Rückgabe der Ehrenbürgerschaft ab.


Warschau/Danzig - "Ich bedauere es, Ihnen und den Bürgern der Stadt Gdansk, mit der ich als gebürtiger Danziger zutiefst verbunden bin, eine Entscheidung aufgebürdet zu haben, die gewiss leichter und auch gerechter zu fällen wäre, wenn mein Buch bereits in polnischer Übersetzung vorläge", schrieb Grass an den Danziger Bürgermeister Pawel Adamowicz. Der Brief wurde laut der Nachrichtenagentur dpa am Dienstagabend in Danzig verlesen. Dort beriet der Ältestenrat der Stadt über die eventuelle Aberkennung der Ehrenbürgerwürde für Grass. Er beschloss nun, dass sich der Stadtrat am 31. August mit dem Thema befassen soll.

Autor Grass: Entschuldigung bei seiner Heimatstadt
AP

Autor Grass: Entschuldigung bei seiner Heimatstadt

Eine kleine Entschärfung des Konflikts gab es jedoch schon jetzt: Nachdem der polnische Friedensnobelpreisträger und Ex- Staatspräsident Lech Walesa den Brief gelesen hatte, nahm er seine Forderung zurück, Grass solle die Ehrenbürgerwürde der Stadt Danzig zurückgeben. "Von diesem Augenblick an habe ich keinen Konflikt mehr mit Herrn Grass", sagte Walesa laut dpa.

"So wie ich verstanden habe, war das (Bekenntnis der Mitgliedschaft in der Waffen-SS) keine Reklame für sein Buch, sondern eine Beichte, und damit bin ich vollkommen zufrieden." Grass müsse sich nicht dafür entschuldigen, dass er ein manipulierter Jugendlicher war, sagte Walesa. Vielmehr würde er heute Grass für seinen Mut loben, nach Jahrzehnten diesen Teil seiner Vergangenheit selbst aufgedeckt zu haben. "Besser spät als nie."

Auszüge aus dem Brief an den Bürgermeister von Danzig (in der von Günter Grass gewählten Rechtschreibung):

"Sehr geehrter Herr Adamowicz,

ich danke Ihnen für Ihren Brief und für das Vertrauen, das Sie mir gegenüber auch in der gegenwärtigen Situation beweisen. Bevor mein jüngstes Buch, "Beim Häuten der Zwiebel", öffentlich zur Kenntnis genommen werden konnte, hat die Meldung über eine zwar gewichtige, aber nicht den Inhalt des Buches dominierende Episode im Verlauf meiner jungen Jahre eine Kontroverse ausgelöst, die unter anderem die Bürger der Stadt Gdansk verunsichert und die zugleich für mich existentiell bedrohliche Ausmaße angenommen hat.

(...)

In den Jahren und Jahrzehnten nach dem Krieg habe ich, als mir die Kriegsverbrechen der Waffen-SS in ihrem schrecklichen Ausmaß bekannt wurden, aus Scham diese kurze, aber lastende Episode meiner jungen Jahre für mich behalten, doch nicht verdrängt. Erst jetzt, im Alter, fand ich die Form, davon in größerem Zusammenhang zu berichten. Dieses Schweigen kann als Fehler gewertet und - wie es gegenwärtig geschieht - verurteilt werden. Auch muß ich akzeptieren, daß durch mein Verhalten meine Ehrenbürgerschaft von vielen Bürgern der Stadt Gdansk in Frage gestellt wird. Es steht mir nicht zu, in dieser Situation auf all das hinzuweisen, was während fünf Jahrzehnten mein Lebenswerk als Schriftsteller und gesellschaftlich engagierter Bürger der Bundesrepublik Deutschland ausmacht, doch möchte ich für mich beanspruchen, die harten Lektionen, die mir in meinen jungen Jahren erteilt worden sind, begriffen zu haben: meine Bücher zeugen davon und mein politisches Handeln.

Ich bedaure es, Ihnen und den Bürgern der Stadt Gdansk, mit der ich als gebürtiger Danziger zutiefst verbunden bin, eine Entscheidung aufgebürdet zu haben, die gewiß leichter und auch gerechter zu fällen wäre, wenn mein Buch bereits in polnischer Übersetzung vorläge.

(...)

Ich sah viele Gründe, auf meine ehemalige Heimatstadt stolz zu sein, ging doch von ihr eine geistige Haltung aus, die europaweit wirksam wurde, als es darum ging, diktatorische Herrschaft gewaltfrei zu beenden, so auch zum Fall der Berliner Mauer beizutragen und die Möglichkeiten für wahre Demokratie zu öffnen. Das alles machte mir Mut, das immer wieder stockende Gespräch zwischen Polen und Deutschen, Deutschen und Polen fortzusetzen, auf daß wir alle aus der Geschichte, so schmerzhaft sie war, eine Lehre ziehen, die wechselseitiges Verständnis erlaubt."

bor/dpa



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