Grass-Geständnis Zentralrat vermutet PR-Maßnahme

Nach dem späten Geständnis von Günter Grass zu seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS reißt die Kritik an dem Schriftsteller nicht ab. Dieser wehrt sich zwar gegen die Vorwürfe. Der Zentralrat der Juden vermutet aber, es handele sich bei der Offenbarung um eine gezielte PR-Aktion.


Berlin - "Die Tatsache, dass dieses späte Geständnis so kurz vor der Veröffentlichung seines neuen Buches kommt, legt die Vermutung nahe, dass es sich dabei um eine PR-Maßnahme zur Vermarktung des Werkes handelt", sagte die Präsidentin des Zentralrats, Charlotte Knobloch. Der Schriftsteller sei stets als "strenger moralischer Mahner aufgetreten", fügte sie hinzu.

Politik und Gesellschaft, insbesondere deren Umgang mit dem Nationalsozialismus, habe er scharf kritisiert. "Sein langjähriges Schweigen über die eigene SS-Vergangenheit führt nun seine früheren Reden ad absurdum", sagte die Zentralrats-Präsidentin, die ihre Kritik in Interviews mit der "Bild"-Zeitung und der "Netzeitung" äußerte. Grass neuestes Buch "Beim Häuten der Zwiebel", in dem das Thema ausführlich behandelt wird, erscheint im September.

Die Kritik an Grass wird unterdessen auch vor dem Hintergrund seiner Auszeichnung mit dem Literaturnobelpreis immer schärfer. Der Literaturkritiker Hellmuth Karasek sagte, Grass habe den Nobelpreis "wie kein anderer deutscher Schriftsteller verdient. Aber ich denke, er hat ihn sich erschlichen. Denn ich glaube nicht, dass er ihn bekommen hätte, wenn das bekannt gewesen wäre", sagte Karasek im Bayrischen Rundfunk.

Der Kritiker betonte, im Prinzip wäre Grass' Zugehörigkeit zur Waffen-SS als 17-Jähriger nichts Besonderes. Es sei aber "ziemlich schlimm", dass sich Grass dann als "einer der rigorosesten und unbarmherzigsten Moralapostel der Bewältigung der Vergangenheit aufgespielt" habe. Karasek verwies dabei auf die Kritik von Grass am Besuch von Ex-Kanzler Helmut Kohl (CDU) auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg, wo auch Angehörige der Waffen-SS liegen.

Ähnlich äußerte sich der Bundesvorsitzende der Jungen Union, Philipp Mißfelder. Er äußerte die Erwartung, dass Grass den Literaturnobelpreis zurückgebe. Er nannte das späte Eingeständnis von Grass "beschämend". Der Schriftsteller habe damit seine Leser wissentlich getäuscht und sich "aus der Reihe ernstzunehmender Literaten verabschiedet".

Der CDU-Politiker Börnsen forderte Grass in der "Bild"-Zeitung mit klaren Worten dazu auf, den Nobelpreis zurückgeben. Der Autor habe sein Leben lang hohe moralische Ansprüche vor allem an Politiker gestellt. "Diese Ansprüche sollte er jetzt auch an sich selbst stellen und alle Ehrungen, die er erhalten hat, in honoriger Weise zurückgeben - auch den Nobelpreis".

Schirrmacher: "Grass hat den Zeitpunkt verpasst"

Deutlich mildere Töne stimmte der Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Frank Schirrmacher, an. Man könne Günter Grass die Mitgliedschaft in der Waffen-SS nicht vorwerfen. Schließlich sei er da "noch ein halbes Kind» gewesen. "Aber dass er nie darüber geredet hat, ein Mann der über alles geredet hat - über jedes politische und moralische Thema der Gegenwart - dazu geschwiegen hat, das ist eine große Überraschung", sagte Schirrmacher in hr-info.

Grass hatte in einem Interview der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" am Wochenende erstmals über seine SS-Mitgliedschaft gesprochen. Dass Grass so lange geschwiegen hat, habe einen banalen Grund: "Der Zeitpunkt war verpasst. Er hätte es irgendwann spätestens zur 'Blechtrommel' sagen müssen." Man könne darüber streiten, ob Grass diese Karriere gemacht hätte, wenn das alles bekannt gewesen wäre.

Warum Grass sein Schweigen gerade jetzt gebrochen hat, dafür hat Schirrmacher eine Erklärung: Das Buch "Beim Häuten der Zwiebel" sei die letzte Chance gewesen. Grass werde nächstes Jahr 80.

Er wolle in gewisser Weise "das Resümee seines Lebens ziehen". " Wenn irgend ein Germanist das eines Tages herausgefunden hätte, bei einem Mann, der so auf den Nachruhm erpicht ist, dann hätte Grass die Debatte nicht mehr selber kontrollieren können", sagte Schirrmacher. Er habe Respekt davor, dass ein 80-jähriger Mann in diesen Kampf geht. "Da bin ich auch fasziniert von Grass", sagte Schirrmacher.

Grass-Debatte ist "fürchterlich hochgespielt"

Bundeskanzlerin Angela Merkel wollte sich nicht in die Debatte um den Schriftsteller einmischen. Der Bundesregierung stehe es nicht an, hier zu urteilen und "den moralischen Stab zu brechen", sagte der stellvertretende Regierungssprecher Thomas Steg. Der Präsident der Schriftstellervereinigung P.E.N. Deutschland, Johano Strasser, bezeichnete die Debatte über die SS-Mitgliedschaft von Grass als "fürchterlich hochgespielt". Viele seiner jetzigen Kritiker wollten ihm offenbar etwas heimzahlen, sagte Strasser im Bayerischen Rundfunk. Schließlich habe Grass auch ausgeteilt.

Ob die Ehrenbürgerschaft dem in Danzig geborenen 78-Jährigen aberkannt wird, wie es der frühere polnische Präsident Lech Walesa am Wochenende gefordert hatte, will der Rat der polnischen Stadt nach den Sommerferien beraten, wie eine Sprecherin sagte. Dass dafür eine Mehrheit zu Stande komme, sei aber unwahrscheinlich.

Grass hatte am Wochenende erklärt, er habe sich im Alter von 15 Jahren als Hitlerjunge freiwillig zur U-Boot-Truppe gemeldet, sei mit 17 einberufen worden und vom Arbeitsdienst zur Division "Frundsberg" gekommen, die zur Waffen-SS gehört. "So ging es vielen meines Jahrgangs: Wir waren im Arbeitsdienst, und auf einmal, ein Jahr später, lag der Einberufungsbefehl auf dem Tisch.

fok/Reuters/ddp/AP/dpa



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