Grass' Schweigen "Dazu muss ich stehen"

Durch sein Geständnis zur Nazi-Vergangenheit wird Günter Grass derzeit mächtig ins Rampenlicht gerückt. Die öffentlichen Reaktionen auf seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS bewertete er im Interview mit ARD-Moderator Ulrich Wickert allerdings als überzogen.


Berlin – "Wer richten will, mag richten", sagte der 78-Jährige heute bei der Aufzeichnung eines Interviews für die ARD-Sendung "Wickerts Bücher". Was er jetzt von einigen Leuten erlebe, solle ihn zur Unperson machen und all das in Frage stellen, was sein späteres Leben ausgemacht habe. Mit Blick auf seine lange verschwiegene Mitgliedschaft in der Waffen-SS sagte Grass: "Dieses spätere Leben war unter anderem von dieser Scham gekennzeichnet."

Auf die Frage, warum Grass nicht schon früher seine Mitgliedschaft öffentlich gemacht hat, antwortete der Literatur-Nobelpreisträger: "Ich habe es nicht getan, und dazu muss ich stehen." Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE hatte Grass kurz nach Kriegsende schon einmal seine SS-Mitgliedschaft zugegeben.

Er werde sich sicher noch lange die Vorwürfe anhören können, sagte Grass dem Ex-"Tagesthemen"-Moderator Wickert. "Das einzige, was ich sagen kann zu der Sache: In diesem Buch da ist es Thema. Ich habe drei Jahre daran gearbeitet. Da steht alles, was ich zu diesem Thema zu sagen habe." Grass' neues Buch "Beim Häuten der Zwiebel" erscheint im September. Die Sendung "Wickerts Bücher" soll am Donnerstag um 22.45 Uhr im Ersten ausgestrahlt werden.

Dass Grass ausgerechnet jetzt seine Vergangenheit offenbart, kommt nach Informationen des "Kölner Stadt-Anzeigers" nicht von ungefähr: Grass habe die Flucht nach vorn angetreten, weil er eine baldige Veröffentlichung durch Historiker entgegenwirken wollte. Die Wissenschaftler hätten im "NS-Archiv" des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit der DDR recherchiert, wo die Mitgliedschaft von Grass in der Waffen-SS dokumentiert sei. Eine Quelle nannte die Zeitung nicht.

Unter anderem der Zentralrat der Juden in Deutschland hatte das späte Bekenntnis von Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass zu seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS scharf kritisiert. Zugleich sah die Präsidentin Charlotte Knobloch darin aber eine gezielte PR-Strategie. "Die Tatsache, dass dieses späte Geständnis so kurz vor der Veröffentlichung seines neuen Buches kommt, legt die Vermutung nahe, dass es sich dabei um eine PR-Maßnahme zur Vermarktung des Werkes handelt", sagte die Präsidentin des Zentralrats, Charlotte Knobloch. Der Schriftsteller sei stets als "strenger moralischer Mahner aufgetreten", fügte sie hinzu.

Ein Vertreter der in Polen regierenden nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) kündigte eine Initiative zur Aberkennung der Ehrenbürgerschaft des deutschen Autors in seiner Heimatstadt Danzig an. Ähnlich hatte sich Ex-Präsident und Friedensnobelpreisträger Lech Walesa geäußert.

Grass hatte am Wochenende erklärt, er habe sich im Alter von 15 Jahren als Hitlerjunge freiwillig zur U-Boot-Truppe gemeldet, sei mit 17 einberufen worden und vom Arbeitsdienst zur Division "Frundsberg" gekommen, die zur Waffen-SS gehört. "So ging es vielen meines Jahrgangs: Wir waren im Arbeitsdienst, und auf einmal, ein Jahr später, lag der Einberufungsbefehl auf dem Tisch.

reh/AP/Reuters

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.