Grass, Walser, Kaiser Wie Fünfzehnjährige beim Kirschenklauen

Ein Veteranentreffen: In Berlin erinnerten sich Günter Grass, Martin Walser und Joachim Kaiser 90 Minuten lang an die "Gruppe 47" und die Sturm- und Drangzeit der Nachkriegsliteratur. Ein gemütlicher Plausch, bei dem es sogar einiges zu lachen gab.

Von Reinhard Mohr


Das jüngste Liebesgeflüster von Günter Grass und Martin Walser, den beiden berühmtesten lebenden Schriftstellern Deutschlands, hatte durchaus Erwartungen geweckt. Nach dem langen Gespräch in der aktuellen Ausgabe der "Zeit", in dem die beiden Achtzigjährigen nicht nur ihre Freundschaft, sondern, ja, auch ihre gegenseitige Liebe bekundeten, fragten sich viele Zuschauer gestern Abend im fast voll besetzten „Berliner Ensemble“: Geht das nun so weiter?

Altliteraten Walser, Grass: "In Dir steckt ja auch ein Teppichverkäufer"
DPA

Altliteraten Walser, Grass: "In Dir steckt ja auch ein Teppichverkäufer"

Sollte gar noch eine Steigerung möglich sein? Würde Joachim Kaiser, der Dritte im Bunde der Veteranen aus der legendären „Gruppe 47“, den eifersüchtigen Störenfried spielen? Wird sich gar ein Vertreter der so gern beschimpften Kritikerzunft zum Spielverderber aufspielen und bösen Streit vom Zaun brechen?

Doch schon als Martin Walser und nach ihm die anderen gemessenen Schrittes die Bühne betraten und ihre Stühle einnahmen, war klar: Dies würde keine scharfe, gar polemische Debatte über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Schriftstellers und seine Rolle im Universum werden, sondern ein gemütlicher Plausch über die alten Zeiten, bei dem es sogar einiges zu lachen gab.

Leicht erhoben thronte das „Blaue Sofa“ des ZDF, Symbol für gepflegte Gesprächskultur, im Hintergrund, während Moderator Wolfgang Herles, zum besseren Verständnis der Sache, um die es ging, zunächst einen kurzen Einspielfilm präsentierte: das sechzigjährige Jubiläum der „Gruppe 47“ in bewegten Bildern, ein Kaleidoskop jenes lockeren Zusammenschlusses junger Schriftsteller im Nachkriegsdeutschland, die einen literarischen Aufbruch wagen wollten. Schwarzweiß, selbstverständlich, und wie immer, wenn die Zeiten lange zurückliegen, ziemlich ernst, aber nicht ganz unkomisch.

Nur einer nimmt Rotwein zum Wasser

Unter der Regie von Hans Werner Richter traf man sich zum ersten Mal im September 1947 am Bannwaldsee bei Füssen im Allgäu, anschließend halbjährlich, dann jährlich an verschiedenen Orten in ganz Deutschland – jeweils für zwei Tage. Es gab, wie Günter Grass noch einmal betonte, keinen Geschäftsführer und keinen Kassierer, keine Vereinsmeierei also, sondern nur das Vorlesen aus frischen Manuskripten und die Diskussion über sie. Später wurden auch Preise vergeben.

Rasch wurde die Literatengruppe, zu der auch Kritiker wie Marcel Reich-Ranicki eingeladen wurden, zu einem Mythos. Ingeborg Bachmann und Walter Jens, Günter Eich und Wolfgang Hildesheimer, Fritz J. Raddatz und Hans Mayer, Uwe Johnson und Heinrich Böll, Gisela Elsner und Ilse Aichinger, Nicolaus Sombart und Hans Magnus Enzensberger, Peter Weiss und Erich Fried – sie alle sorgten für Aufmerksamkeit weit über die Literaturszene hinaus: Nicht zuletzt deshalb, weil der Einfluss der „Gruppe 47“ eben nicht nur literarisch, sondern auch politisch spürbar wurde. Man war gegen Adenauer und die Wiederbewaffnung, im Zweifel linksliberal und sozialdemokratisch. Nach zwanzig Jahren, 1967, löste sich die Gruppe auf. Die aufkommende Studentenbewegung setzte andere, neue Energien und Fliehkräfte frei.

Noch heute echauffiert sich Günter Grass, der als einziger Rotwein zum Wasser geordert hatte, über das Go-in Erlanger Studenten während der letzten Tagung der „Gruppe 47“: „Reiner Verbalradikalismus“ sei das gewesen. Martin Walser grinste ein wenig unter seinen buschigen Augenbrauen. Er hatte damals die „Anti-Springer“-Erklärung formuliert, eine Solidaritätsadresse an die linke APO, die „Außerparlamentarische Opposition“.

Verkehrte Welt: Während Martin Walser heute kein Problem hat, Zeitungen aus dem Axel-Springer-Verlag Interviews zu geben – „Ich bin doch kein Gelübde für die Ewigkeit eingegangen“ – beharrt Günter Grass auf seinem Ein-Mann-Springer-Boykott. Da bleibt er radikal. Erst müsse sich die Verlagsspitze bei Heinrich Böll und seiner Familie entschuldigen, ganz offiziell.

Diese Meinungsverschiedenheit, eine von vielen im Felde der Politik, ändert aber nichts an der gegenseitigen Zuneigung von „Martin“ und „Günter“, die sich auch gestern Abend zuweilen neckten wie Fünfzehnjährige beim Kirschenklauen. Günter zu Martin, dem Viel- und Gernredner: „In Dir steckt ja auch ein Teppichverkäufer!“

"Mein Gott, eine Dichterin"

Hatte man anfangs noch befürchten müssen, der Abend, zu dem auch die „Süddeutsche Zeitung“, das „Deutschlandradio Kultur“ und der Bertelsmann Club eingeladen hatten, werde zum liebestrunkenen Pas de deux von Grass & Walser, so zerstreute Joachim Kaiser die Bedenken in Windeseile mit Witz und Esprit. Gegen eine allzu innige Romantisierung und Verklärung der guten alten Zeiten setzte er trocken den Zweifel und die konkrete Erinnerung: „War das in Mainz 1953? Nein, das war nicht in Mainz!“ Aber auch er wusste nicht mehr genau, ob es vielleicht in Aschaffenburg gewesen war. Für einen Sekundenbruchteil schwebte der Geist von Loriot über Brechts altem Theater: Oder doch Lüdenscheid?

Ganz sicher war Kaiser sich nur im Fall Ingeborg Bachmann, die eines Tages wie ein Engel aus dem Nichts auftauchte, las und die Herzen im Flug eroberte. „Jeder, der vor ihr stand, dachte: „Mein Gott, eine Dichterin!“ Andererseits habe man auch damals schon Jahr für Jahr den Niedergang des Niveaus beklagt: „Mein Gott, die Lesungen werden auch immer kümmerlicher.“ Natürlich trug die "Gruppe 47" auch Züge eines „Tribunals“ (Walser), gar einer „Sadistenvereinigung“, wie Elfriede Jelinek einmal formulierte. Es wurde teils „schreckliche Prosa“ (Kaiser) vorgetragen, und der damalige Literaturkritiker der „Zeit“, Rudolf Walther Leonhard, wollte gar eine Art „Applausometer“ (wer will: eine frühe Vorahnung von „Germany’s Next Top-Poet“) einführen, was schließlich verhindert wurde.

Es ging durchaus hart zur Sache. Hans Werner Richter, der väterliche Zuchtmeister der bunten Truppe, Ex-Kommunist und Soldat der Wehrmacht wie nicht wenige andere, nannte Walser einmal den „Narren“ vom Bodensee. Den Text eines eingeladenen Autors qualifizierte er als „Emigrantendeutsch“, das man „hier nicht gebrauchen könne“. Ein rüdes Wort, das zu bestätigen schien, dass Emigranten aus Nazideutschland in diesem Kreise nicht unbedingt erwünscht waren. Bis heute kommen immer wieder vage Antisemitismus-Vorwürfe gegen die "Gruppe 47" auf.

Körpersprache einer Alterskohorte

Im sentimentalen Rückblick aber fügt sich das alles zum biografischen Gesamtkunstwerk einer Generation, die die letzte Kriegsgeneration in Deutschland gewesen war: „Beschädigte“ (Grass), zugleich glücklich Entronnene. Auch wenn die Drei vorm blauen Sofa jeweils einen ausformulierten Text zum Thema vortrugen – aussagekräftiger waren Mimik und Gestik, die Körpersprache einer Alterskohorte, die mit sich, alles in allem, im Reinen zu sein scheint.

„Es hat einfach Spaß gemacht“, sagte Joachim Kaiser ganz prosaisch und offenkundig wahrheitsgemäß. Es war die tief prägende Erfahrung, das Gründerzeit-Erlebnis einer Generation, die in der Weimarer Republik geboren wurde, auf dem Höhepunkt des Ruhms etwa von Kurt Tucholsky, und noch heute, achtzig Jahre später, die deutsche Literatur verkörpert wie keine andere Altersgruppe. „Relativ kregel im biblischen Alter“ (Grass) präsentierten sie sich gestern tatsächlich wie die Drei von der Tankstelle. Ein Freund, ein guter Freund ..., und noch bis Mitternacht stand man beim Wein in der Bertelsmann-Residenz Unter den Linden zusammen.

Nur an einem Punkt, der an diesem Abend eine Leerstelle war, hören Gelassenheit und Souveränität auf: Wenn es um „die Kritiker“ geht, um „die Medien“ und ihre angeblichen „Vernichtungskampagnen“.

Da hört der Spaß auf.

Wenn Marcel Reich-Ranicki eingeladen worden wäre, wären Martin Walser und Günter Grass jedenfalls nicht gekommen.



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Walter Manzey 16.06.2007
1. Übliche Spiegel-Kritik
Wenn es um "die Kritiker" geht, um "die Medien" und ihre angeblichen "Vernichtungskampagnen", dann kann man den beiden Alten voll zustimmen. So darf der Hinweis auf den Rotwein-Verzehr von Grass natürlich bei Mohr nicht fehlen. Aha, der Grass, womöglich ein Trinker? Mal sind es die teuren Schuhe, jetzt ist es der Wein. Hauptsache: diffamieren.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.