New-York-Krimi "Gravesend" Diese Geschichte wird nicht gut ausgehen

Das Brooklyn dieses Romans ist hipsterfrei. Es geht um Rache - aber das Besondere an "Gravesend" ist nicht seine Härte, sondern das Mitgefühl, das der Autor William Boyle für seine Figuren zeigt.

Aus New Jersey, trotzdem Vorbilder: Szene aus "Die Sopranos"
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Aus New Jersey, trotzdem Vorbilder: Szene aus "Die Sopranos"


Mit 15 hat man noch Träume in Gravesend, einem tristen Teil von Brooklyn, in dem Gentrifizierung und Hipstertum längst nicht angekommen sind. Von dort aus ist Manhattan zwar nur eine Fahrt mit der Subway entfernt, könnte aber ebenso gut auf der dunklen Seite des Mondes liegen.

Hier lebt Eugene, notorischer Schulschwänzer und Ladendieb, und träumt von fetten Knarren und coolen Karren, von willigen Weibern und jeder Menge Kohle. Seine Ideale speisen sich aus Gangsta Rap, den "Sopranos" und Martin Scorseses Mafiadramen.

Sein role model ist Onkel Ray Boy. Den hat er zwar gerade erst kennengelernt, aber Ray Boy war für ein Hassverbrechen 16 Jahre im Knast, gilt als hammerhart und völlig durchgeknallt.

Große Träume hatte auch Alessandra. Ein Filmstar wollte sie werden. Ist nach Hollywood gegangen. Zehn Jahre, eine Handvoll Werbespots und unzählige Enttäuschungen später ist sie zurück in Gravesend. Weil ihre Mutter gestorben ist und weil sie keine Ahnung hat, wo sie sonst hinsoll. Also kümmert sie sich um ihren Vater, der als Witwer nicht klarkommt, trifft sich mit denselben alten Bekannten, die sie damals ohne Reue zurückgelassen hatte, trinkt in den denselben trostlosen Bars. Und fragt sich, "ob sie den Karren nicht gleich an die Wand fahren sollte. Sich im Wrong Number jeden Tag betrinken. Eines von diesen Gespenstern im Viertel werden, Alkis in zerknitterten schwarzen Klamotten, die herumeierten wie Einkaufswagen mit kaputten Rollen."

Und dann ist da noch Conway. Der Bruder des schwulen Jungen, den Ray Boy in den Tod getrieben hat. Der über seine Rachefantasien versäumt hat zu leben. Der für den Mindestlohn arbeitet, mit 29 Jahren noch bei seinem Vater wohnt und sich Abend für Abend zum Soundtrack seiner Jugend volldröhnt: Sonic Youth, die Pixies und immer wieder Nirvanas "Nevermind". Einmal hat er versucht sich umzubringen, sich den Arm aufgeschlitzt, bis runter zum Knochen. Als er im Krankenhaus aufwachte und die Schwester ihn fragte, ob er froh sei, dass er noch lebe, antwortete er nur: "Eigentlich nicht."

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William Boyle:
Gravesend

Kriminalroman

Aus dem Amerikanischen von Andrea Stumpf

Polar, 280 Seiten; gebunden; 18,00 Euro

Diese desparaten Figuren sind das zentrale Personal von William Boyles Debütroman "Gravesend". Und wie er ihre Schicksale miteinander verwebt, das zeugt von einem erzählerischen Können, das in Erstlingswerken nur selten zu finden ist.

Im Zentrum steht eine konsequent auf links gedrehte Rachegeschichte. Als Conway Ray Boy endlich vor sich hat, bringt er es nicht fertig, ihn zu töten. Seine einzige Daseinsberechtigung entpuppt sich als Illusion: "Endlich bekam er die Gelegenheit und dann erwies er sich als Totalversager. All die Jahre hatte er sich etwas vorgemacht."

Dabei wünscht sich Ray Boy - in Wahrheit weder hammerhart noch durchgeknallt, sondern von Schuld zerfressen - nichts mehr, als endlich zu sterben. So würde in einer ironischen Volte aus Rache letztlich ein Akt der Gnade.

Während Conway und Ray Boy ihren bizarren Todestanz immer weiter in die Länge ziehen, ergreift Eugene die Initiative, überfällt die Pokerrunde des lokalen Gangsterbosses. Und auch Alessandra unternimmt einen letzten Versuch, der Trostlosigkeit von Gravesend zu entgehen, engagiert sich für ein dubioses Filmprojekt, sucht in Manhattan nach ein wenig Liebe.

Den Marginalisierten eine Stimme geben

Es wird geschossen und geprügelt, gesoffen und gevögelt wie in unzähligen anderen Kriminalromanen auch - es ist nicht die Härte, die "Gravesend" so besonders macht. Sondern die Empathie, mit der William Boyle von seinen Figuren erzählt, von ihrer Verunsicherung, ihrer Verzweiflung und ihrer Selbstzerstörung.

William Boyle
Katie Farrell

William Boyle

Was viel damit zu tun hat, dass Boyle selbst in Gravesend aufgewachsen ist und, obwohl er seit Jahren in Oxford, Mississippi lebt, immer noch eine tiefe Verbundenheit zu den Menschen dort verspürt. Er wolle über Brooklyn schreiben wie Larry Brown über Oxford, hat Boyle in einem Interview gesagt. Wie Brown, der in Romanen wie "Joe" und "Fay" den Marginalisierten, den working poor, eine Stimme gegeben hat, so schreibt auch Boyle seinen Figuren eine Würde zu, die sie längst verloren haben.

Bei aller Sympathie, die Boyle für seine traurigen Helden hat, Hoffnung und Trost gönnt er ihnen nicht. Von Beginn an ist klar: Diese Geschichte wird nicht gut ausgehen. Nicht für die Jungen. Nicht für die Alten wie Conways Vater: "Pop hatte nichts. Das Haus und seine Medikamente. Die Fenster, aus denen er starrte. Nicht dass er sich umbringen würde. Er würde sich still und heimlich davonmachen. Aufhören zu atmen, während er vor dem Fernseher saß."


William Boyle hat einen Soundtrack zum Roman auf Spotify zusammengestellt . Darauf sind mehr als zwei Stunden Musik von den Cramps, Charles Bradley, Tom Waits, dem Wu-Tang Clan - und natürlich Nirvana.

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