Roman über Greenwashing Ledersitze und blonde Häschen

Ray-Ban und Champagner für ihn selbst, Verachtung für alle anderen: Der Protagonist in Karl Wolfgang Flenders Debütwerk "Greenwash Inc." ist ein abstoßender Werber. Wie viel Zynismus kann man seinem Leser zumuten?

Von


Der große Vorteil von Büchern ist, dass man darin eine gewisse Zeit mit Leuten verbringen kann, deren Anwesenheit man im echten Leben keine Minute aushalten würde.

Thomas Hessel ist so ein Typ, die Hauptfigur aus Karl Wolfgang Flenders Debütroman "Greenwash Inc.". In dem Buch geht es um eine skrupellose PR-Agentur namens Mars & Jung, deren skrupellosester Angestellter Hessel ist.

Wenn es überhaupt etwas gibt, dass ihn mehr interessiert als die eigene Karriere, sind es die Statussymbole, die diese mit sich bringt. In Zeile zwei erwähnt er sein Smartphone, in Zeile sechs die Ray-Ban, dann die Duffle-Bag, die Vogelstimm-Erkennungs-App, Champagner, die geleaste Uhr, das Selfie für die Freundin. Dazu die Verachtung für die billigeren Anzüge der anderen, die Neurodermitis des Kollegen, die Armut auf der Welt.

Thomas Hessel ist ehrgeizig. Sein Push-up-Rekord liegt bei 84 (selbstverständlich von einer App gemessen). Er rechnet fest damit, seinen Vorgesetzten sehr bald im Trainingsstand zu überholen. Und auch sonst.

Denn er hat sich eine neue Art der PR ausgedacht, die nichts mehr gemein hat mit hübschen Werbespots oder hübschen Geschichten. "Das verwackelte Handykamerabild ist die neue Ästhetik der Authentizität. Mit dem Smartphone gefilmt, der Ton schön übersteuert, dann bei YouTube hochgeladen. Quelle: Internet. Je gröber das Bild, desto besser. Deshalb muss die PR von ganz unten kommen, von Menschen wie dir und mir, die zufällig Zeugen großer Ereignisse werden. Die Inszenierung aufmerksamkeitskritischer Events, auf die authentische Menschen authentisch reagieren und dann als Augenzeugen davon berichten, ist die neue Königsdisziplin. Event-based statt evident-based communication. Das ist mein Motto."

Waldbrand als Event

Das Event ist in diesem Fall ein Waldbrand während einer Pressereise in den brasilianischen Regenwald, der alle authentischen Zeugen überrascht: Die Journalisten, die eigentlich nur mit den Dorfbewohnern über Waldrodung sprechen wollten und nicht mit so einer eindringlichen Szene gerechnet hatten. Die Schauspielerin, die von der PR-Agentur als schöne Dorfbewohnerin gecastet worden ist, um den Journalisten die wichtigsten Phrasen in den Block zu diktieren, und die schwer verletzt wird, als sie in letzter Sekunde ein Baby aus einer brennenden Hütte rettet. Hessels Vorgesetzten, der das Baby gegen eine Spende aus einem Waisenheim geliehen hat, weil er schließlich nicht wissen konnte, dass Hessel eine noch radikalere Überraschung geplant hat. Und selbst Hessel ist von der Heftigkeit des von ihm angeordneten Feuers so überrascht, dass seine Finger zittern, als er ein Video der Katastrophe auf YouTube hochladen will.

Flender, 29, der Literarisches Schreiben an der Universität Hildesheim studiert hat, las beim Wettbewerb Open Mike in Berlin aus "Greenwash Inc." Anschließend bemängelte die Literaturkritikerin Dana Buchzik, es handle sich bei seinem Auszug um einen oberflächlichen, an Christian Kracht angelehnten Text ohne Nuancen zwischen Gut und Böse mit einem Protagonisten, der nichts über sich wisse - außer, dass er blonde Häschen mag und cremefarbene Ledersitze. Dem Roman wurde vorgeworfen, dass sein Antiheld keinerlei Entwicklung durchlaufe und er dem komplexen Thema nicht gerecht werde.

Der Text verlässt sich tatsächlich auf die Faszination am ekelhaft Bösen und der Genugtuung, wenn Hessel später genau an seiner eigenen Skrupellosigkeit scheitert. Dass er daraus nichts lernt - es wäre kaum anders zu erwarten gewesen. Dass aber auch der Leser aus dem Roman nichts lernt, stimmt nicht ganz. Er lernt etwas über seine eigene Schmerzgrenze angesichts dieser offen ausgestellten Lust am Materiellen und der zynischen Verachtung alles Menschlichen.

Aber ein weiterer Vorteil von Büchern gegenüber der echten Welt ist eben auch dies: dass nichts leichter ist, als Typen wie diesem Hessel zu entkommen. Weil man jedes Buch glücklicherweise schneller zuschlagen kann, als Hessel ein Glas Champagner runterstürzen kann.

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
gracie 22.07.2015
1. Die Thomas Hessel dieser Welt
Wie viel Zynismus kann man seinen Lesern zumuten ? Für die Anderen weiss ich nicht, aber mir einen ganzen Haufen. Herren Hessel dieser Welt gab es schon immer und ich kenne und kannte so einige. Ein paar sind grade dabei Schwung aufzunehemen um ihre utopische Gipfel zu erreichen und dabei wird gelogen, gemogelt, getreten, gebissen und hinten herumgehoben auf Teufel komm raus. Nebenbei wird die eigene Seele (und die der Anderen gleich mit wenn es sein muss)verpfändet oder auch verkauft. Egal, Hauptsache man bekommt was man will. Andere rutschen nach ihrem Gipfelsturm auf ihren Hintern talwärts und versuchen sich an Grashalmen festzuhalten, nützt aber nichts, unwillkürlich geht es gegen die Wand die unten im Tal wartet. Ich verspühre weder Schadenfreude, noch Mitleid, aber gucke mir das Ganze an als würde es in der Glotze laufen und halte mir solche Geschöpfe, ob Männlein oder Weiblein, vom Leib. Sollte sich einer dieser Menschen zu nahe an mich heranwagen und dabei die Knurrlaute als Vorwarnung überhören, werden sie gebissen. Ich werde das Buch verschlingen !
darque 22.07.2015
2.
Habe das Buch (noch) nicht gelsen, aber scheint ein bisschen von Bret Easton Ellis' "American Psycho" inspiriert zu sein.
mam71 22.07.2015
3.
Ein weiterer zielgruppengerechter, klischeebeladener Betroffenheits- und Empörungsporno über ein x-fach durchgenudeltes Thema. Langweilig.
Sean MC 22.07.2015
4. Passt doch!
"Dass er daraus nichts lernt..." Das passt doch! Schließlich sind zumindest in Deutschland weder die politisch Verantwortlichen, noch deren Wähler fähig, aus irgendetwas irgendetwas zu lernen.
huberwin 22.07.2015
5. Die Hessels sind leider überall
und werden immer mehr. In der realen Welt kann man ihnen leider nicht so leicht entkommen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.