Guantanamo-Tagebuch Das zensierte Grauen

Aufzeichnungen aus dem Knast, der die USA in Verruf brachte: Mit zehn Jahren Verspätung ist nun das Tagebuch eines Guantanamo-Gefangenen erschienen, der noch immer in Haft sitzt.

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International Comettee of the Red Cross

Wer "Guantanamo" googelt, erzielt über 23 Millionen Ergebnisse. Der Großteil bezieht sich nicht auf die Stadt im Südosten Kubas, sondern auf das gleichnamige Gefangenenlager der USA, das in ebenjener kubanischen Bucht liegt, kurz GTMO. Guantanamo ist nicht bloß im Netz ein Schlagwort, von dem schier unzählige Äste abzweigen, sondern auch in den Köpfen: Schnell kommen einem Begriffe wie "Waterboarding" oder "Zwangsernährung" in den Sinn, Namen wie Osama Bin Laden oder Donald Rumsfeld.

Man kann meinen, über Guantanamo Bescheid zu wissen. Dabei spuken meist nur Worthülsen, Namen, Zahlen, Daten im Kopf herum, die ein unfertiges Puzzle aus 9/11 und Krieg gegen den Terror ergeben, abstrakt wie ein "Guernica" der Nullerjahre.

Mohamedou Ould Slahis "Guantanamo-Tagebuch" entwirft ein Bild, das eindringlicher ist. Aus der Sicht des Häftlings zeigt es Augenblicke aus dem Alltag in Guantanamo, konkret wie Schnappschüsse: Man sieht sie einmal, will sie vergessen, die hässlichen Umrisse kleben aber auch noch bei geschlossenen Augen auf der Netzhaut.

Slahi sitzt noch in der Zelle, in der sein Buch spielt

Slahi, 44, ist seit 2002 Gefangener in Guantanamo. Ein Jahr zuvor wurde der Mauretanier festgenommen, weil er in Verdacht stand, an der Planung des vereitelten "Millennium Plot" beteiligt gewesen zu sein und die Attentäter vom 11. September 2001 unterstützt zu haben - als "Teil der großen Verschwörung gegen die USA", wie Slahi aus seinen Verhören zitiert. Sein Tagebuch reicht von einer der ersten Festnahmen in Mauretanien - nachdem er zwölf Jahre in Deutschland und Kanada gelebt hatte - bis zu den sich häufenden Verhören in Guantanamo.

Slahi, ein gebildeter Mann, der in Duisburg Elektrotechnik studiert hat, Arabisch, Französisch und Deutsch spricht und im Gefängnis, einer der "ältesten und besten Schulen der Welt", seine Englischkenntnisse ausgebaut hat, ist der erste aus Guantanamo, der noch in Haft seine Geschichte aufgeschrieben hat. 2005 hat der Gefangene mit der Nummer 760 eine "Habeas Corpus"-Verfügung beantragt, sein Fall ist noch anhängig. Er sitzt nach wie vor in der Zelle, in der sein Buch hauptsächlich spielt.

122.000 Wörter hat Slahi handschriftlich zu Papier gebracht, lange hat es gedauert bis eine zensierte Fassung für den Druck freigegeben wurde: Die US-Regierung hatte das Material zunächst als geheim eingestuft - und nahm über 2500 Schwärzungen vor. Wie Larry Siems, der Herausgeber des "Guantanamo-Tagebuchs", zu Beginn des Buches schreibt, habe Slahi an den Bearbeitungen weder teilnehmen noch auf sie reagieren können. Nach der Herausgabe durch die US-Regierung hat Siems noch sprachliche Fehler im Text korrigiert und die Dramaturgie angepasst. Jetzt - zehn Jahre, nachdem Slahi alles binnen wenigen Monaten aufgeschrieben hat - ist sein Tagebuch in zensierter und anschließend lektorierter Fassung im Handel erschienen.

"Als würde man Rauschgift nehmen"

"Alles war darauf angelegt, mich zu demütigen", schreibt Slahi in seinem Buch. Geplant oder im Vorbeigehen, die Demütigung taucht im "Guantanamo-Tagebuch" in wechselnder Gestalt auf, immer wieder: Wenn Slahi tagelang und schlaflos verhört wird, nicht duschen darf und von der Wache "Mann, du stinkst wie Scheiße!" zu hören bekommt. Wenn er mit den Worten "Schluck, du Motherfucker" dazu gezwungen wird, Salzwasser zu trinken und das Gefühl hat, zu ersticken. Wenn eine weibliche Wache sich an seinem Unterleib reibt und den Satz "Es wird jeden Tag schlimmer" ausspricht - und ihn später zwei Armeeangehörige sexuell missbrauchen, um Slahi eine Lektion "in tollem amerikanischen Sex" zu geben. Die Demütigung ist das Leitmotiv von Slahis Tagebuch.

Besonders bewegend wird sein Text dann, wenn Slahi versucht, einen Hauch von Normalität und Schönheit ins Gefängnis zu schmuggeln. Zu Beginn singen Slahi und seine "Brüder", die Mithäftlinge, im Geheimen, erzählen sich Witze. "Ich war trotz allem guten Mutes", schreibt er da noch. Später, als Slahi am frühen Morgen zum Verhör geholt wird, genießt er, der im Dunkeln leben muss, den kurzen Gang zwischen Zelle und Vernehmungsraum: "Es war eine wahre Wohltat, wenn die warme Sonne von GTMO mich beschien. Es war, als würde man Rauschgift nehmen."

Schwarze Balken brechen den Text

Slahis Sätze sind durchbrochen von schwarzen Balken; Passagen, die die US-Behörden nicht veröffentlicht wissen wollten: in erster Linie Namen und Personenbeschreibungen oder auch Slahis Ausführungen über Lügendetektor-Tests. Einige Strecken im Buch enthalten keine Wörter, nur Balken.

Die schwarzen Balken im Text stehen zu lassen, war eine kluge Entscheidung des Herausgebers Siems, der zudem in 189 Fußnoten versucht hat, jene Lücken zu füllen. Das Schwarz zerfetzt die Sätze, der Lesefluss wird unterbrochen - gewaltsam, wie viele der Schilderungen Slahis.

Das "Guantanamo-Tagebuch" ist kein Essay über Gewalt, keine Streitschrift gegen die Amerikaner. Es ist kein "Überwachen und Strafen", keine Analyse der Wirkung von Macht, und auch kein "Archipel Gulag", keine nach der Haft verfasste Abrechnung. "Mir ist klar, dass keiner vollkommen ist", schreibt Slahi, "und jeder begeht sowohl gute als auch böse Handlungen". Slahi will nicht abrechnen, er will beschreiben.

Detailreich, aber wortkarg

Slahis Text ist ein Bericht in einfacher Sprache. Ein subjektiver Bericht über die Schatten der Wirklichkeit, detailreich, aber wortkarg - zusammengesetzt aus dem knappen Vokabular eines Sprachschülers, der schnell lernt. Nach Siems Zählung hat Slahi auf nicht mehr als 7000 Wörter zurückgegriffen, einen ähnlichen Umfang wie Homer in seinen Epen. Mehr braucht es nicht, um von Leid und Hoffnung zu berichten.

Was nach der Lektüre unbeantwortet bleiben muss, ist die Frage nach der Schuld. Slahi beteuert nicht nur seine Unschuld, sondern auch die seiner "Brüder". War Slahi ein Anwerber für al-Qaida? Vielleicht. Trägt er eine Mitschuld am 11. September? Möglich. Sicher ist, dass Slahi einen Bericht verfasst hat, den man lesen sollte.

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