Abschiedsbuch von Günter Grass Die letzten Kämpfe sind gekämpft

Bis zu seinem Tod arbeitete Günter Grass an "Vonne Endlichkait" - jetzt wurde das letzte Buch in Göttingen vorgestellt. Erste Eindrücke zeigen: ein Abschied voller Humor - und mit einem Kommentar zur deutschen Gegenwart.

Von Volker Weidermann

Corbis

Klar, das hätte ihn gefreut. Zu sehen, wie sie da alle standen im Günter-Grass-Archiv, in dem uralten Haus in der Düsteren Straße in Göttingen: Kamerateams, Journalisten, Buchhändler, mehr als hundert Leute waren gekommen, um dabei zu sein, wenn sein letztes Buch der Öffentlichkeit übergeben wird.

Es heißt "Vonne Endlichkait", Prosatexte, Gedichte, Bleistiftzeichnungen, bis zum letzten Tag seines Lebens hat er daran gearbeitet. Das Material für den Umschlag ausgewählt (Baumwolle), das Papier, die Farbnuancen der Zeichnungen, das Schwarz der Schrift. Der Verlag hatte keine Texte an Journalisten vorab verschickt. Das Buch als Handwerksstück, das Buch als Buch, der letzte Grass.

Es ist ein Abschiedsbuch, eines, das auch einen Bogen schließt zu den Anfängen seines Schreibens, dem Band mit den Windhühnern, diesen leichten Federvögeln aus Luft. Gleich das erste Gedicht dieses letzten Buches knüpft daran an. "Vogelfrei sein" heißt es und darin: "Mich spüren. Federleicht vogelfrei sein, wenngleich seit Langem frei zum Abschuss."

Ein Gegenwartsgedicht, als wäre er noch da

Es ist viel von Leichtigkeit die Rede in den Texten, der Leichtigkeit des alten Mannes, der seine Kämpfe ausgekämpft hat. Im lustigsten Prosatext des Buches unternimmt Grass zusammen mit seiner Frau schon einmal ein Probeliegen in zwei Särgen. "Aber so weit ist es mit uns noch nicht, trotz zunehmender Hinfälligkeit." Und hoffend schließlich: "So mag noch dieses und jenes Jahr vergehen. Noch immer ist es nicht so, dass wir es eilig hätten."

Er ist ihr vorausgeeilt. Ute Grass, seine Witwe, ist auch gekommen. Groß, blondweißes Haar, buntes Tuch um den Hals steht sie bescheiden am Rand. Die Reden halten der Verleger Gerhard Steidl und Grass' Lektor. Im Raum sind Zeichnungen ausgestellt, Manuskripte, ein Aquarell der zwei Särge.

Im Buch, da gibt es natürlich auch ein Gedicht zur Lage heute, ein Gegenwartsgedicht, als wäre er noch da. "Fremdenfeindlich" heißt es: "Aber sie blieben, und eingeübt / blieb der Ruf: Haut endlich ab!", und schließt aber sogar fast hoffnungsvoll: "Erst als die immer schon Heimischen sich fremd genug waren, begannen auch sie in all den Fremden, die mühsam gelernt hatten, ihr Fremdsein zu ertragen, sich selbst zu erkennen, und mit ihnen zu leben."

Die Kameras filmen, die Journalisten fotografieren sich gegenseitig, fotografieren den noch abgeschirmten Bücherstapel, die Zeichnungen an den Wänden. Ein letztes Mal, um sich ein neues Buch von ihm zu holen, den letzten Grass zu lesen, ein letztes Mal seinen Spuren zu folgen. Wie damals er selbst. "Spurenlesen" hat er es überschrieben: "Seitlich des Wellensaums / komme ich mir - hin und zurück / barfuß im Sand entgegen."

Zum Tode von Günter Grass

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insgesamt 37 Beiträge
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Eduschu 25.08.2015
1. in aeternum
Egozentrisch wie immer klingt das Vorgestellte, kein Grund, die alte Abneigung gegen seine Texte der letzten Jahrzehnte abzulegen.
slartibartfass2 25.08.2015
2. Überbewertet
Man soll ja nicht schlecht über die Toten reden, aber G. Grass empand ich schon immer als völlig überbewertet. Zum Ende wurde sein arrogant-royalistisches Gehabe echt nervtötend.
donadoni 25.08.2015
3. Das faulste Ei.....
....was er hinterlassen hat als Salon-Kommunist, war sein Vorschlag kurz vor seinem Tod, wonach jeder Deutsche zwangsweise eine arabische Großfamilie aufnehmen müsse, bei freier Kost und Logis versteht sich. Kaum war der Gedanke ausgesprochen, ist Grass kurz danach gestorben. Ich befürchte aber, an diesen Vorschlag von Grass werden die Deutschen noch schmerzvoll denken, wenn die Politik ihn umsetzen wird.
dissidenten 25.08.2015
4.
Der große Grass: Streitbar aber unvergesslich. Mal sehen, was die Geschichte aus ihm machen wird, für mich gehört er zu den besten Autoren, die dieses Land hervorgebracht hat.
gaga007 25.08.2015
5.
Zitat von dissidentenDer große Grass: Streitbar aber unvergesslich. Mal sehen, was die Geschichte aus ihm machen wird, für mich gehört er zu den besten Autoren, die dieses Land hervorgebracht hat.
Die Geschichte wird sich erinnern an einen Mann, der anderen Menschen gerne ihre Vergangenheit vorgeworfen hat und selbst die eigene Jahrzehnte verheimlicht hat ! Grass (... mit es-es) war der Inbegriff der Bigotterie !
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