Stimmen zum Tod von Günter Grass "Er wird neben Goethe stehen"

Von Salman Rushdie bis Angela Merkel gedenken Politiker, Künstler und Autoren Günter Grass. Neben seinem literarischen Werk und seinem politischen Engagement würdigen sie ihn vor allem als herzlichen und verlässlichen Freund.


Ein überragendes literarisches Schaffen, ergänzt durch den unbedingten Mut, sich in politische Debatten einzumischen: Weltweit haben Politiker, Künstler und Autoren den verstorbenen Nobelpreisträger Günter Grass gewürdigt.

Als einer der ersten kondolierte Bundespräsident Joachim Gauck der Witwe Ute Grass. Er lobte Grass' Werk als "beeindruckenden Spiegel unseres Landes". Der im Alter von 87 Jahren gestorbene Grass sei "zeitlebens ein streitbarer und eigenwilliger politischer Geist" geblieben, schrieb Gauck nach Angaben des Präsidialamtes in seinem Kondolenzbrief. Der Schriftsteller habe Auseinandersetzungen und Kritik nicht gefürchtet, immer wieder pointiert in politische Debatten eingriffen und diese über Jahrzehnte wesentlich beeinflusst. "In seinen Romanen, Erzählungen und in seiner Lyrik finden sich die großen Hoffnungen und Irrtümer, die Ängste und Sehnsüchte ganzer Generationen."

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die Bedeutung von Grass "mit tiefem Respekt" gewürdigt. Sie habe Grass' Witwe in einem Kondolenzschreiben ihre Anteilnahme bekundet, erklärte Regierungssprecher Steffen Seibert. Grass habe "die Nachkriegsgeschichte Deutschlands mit seinem künstlerischen sowie seinem gesellschaftlichen und politischen Engagement wie nur wenige begleitet und geprägt", schrieb Merkel demnach. "Mit dem Tod von Günter Grass verliert die Bundesrepublik Deutschland einen Künstler, von dem ich mit tiefem Respekt Abschied nehme." Der Schriftsteller hatte Merkel auch zuletzt noch mehrfach kritisiert und der Kanzlerin eine Gefährdung des Projekts Europa vorgeworfen.

Als "Weltliteraten" bezeichnete Kulturstaatsministerin Monika Grütters Grass. "Sein literarisches Vermächtnis wird neben dem von Goethe stehen", erklärte die CDU-Politikerin. "Günter Grass war ein einzigartiger Redner, Essayist und vor allem ein großer Geschichtenerzähler der jüngsten deutschen Geschichte - die mit allen ihren Brüchen auch seine Geschichte war. Und er hat sich an dieser Geschichte gerieben, abgearbeitet und auch manche Interpretation gefunden, die für seine Leser wie für seine Kritiker nur schwer auszuhalten war."

Stellvertretend für die SPD, der Grass leidenschaftlich verbunden war, drückte Sigmar Gabriel Trauer über den Verlust aus. Grass sei ein enger Freund und Ratgeber der deutschen Sozialdemokratie gewesen, der auf ein literarisch und politisch einzigartiges Leben zurückblicken könne. "Ohne seine mahnende Stimme für mehr Toleranz, seinen Willen zur Einmischung und seine regelmäßigen politischen Interventionen wäre unser Land ärmer", sagte der Vizekanzler. "Die SPD verneigt sich vor Günter Grass."

"Nicht nur in seinen Romanen, Gedichten und Theaterstücken hat Günter Grass sich um die Versöhnung des Nachkriegsdeutschlands mit seinen Nachbarn in besonderer Weise verdient gemacht", sagte die Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Grüne). "Insbesondere sein Engagement in der deutschen Asylpolitik, aber auch seine klare Positionierung für die Belange von Minderheiten wie der Sinti und Roma bleibt mir neben seinem literarischen Wirken im Gedächtnis."

Auch Theaterregisseur Luk Perceval, der im März "Die Blechtrommel" für das Hamburger Thalia Theater inszeniert hatte, zeigte sich tief berührt von Grass' Tod. Durch die Gespräche mit Grass über die Inszenierung sei eine sehr große Nähe entstanden, sagte Perceval. Erst vor wenigen Tagen habe er Grass getroffen. "Er war heiter. Er war sehr klar und hat trotz seines hohen Alters für mich überhaupt nicht schwach oder krank gewirkt. Andererseits habe ich öfters bei diesen Gesprächen gefühlt, er ist an einem Punkt, an dem er alles geschafft hat: Alles ist gesagt. Alles ist geschrieben."

Als "der Höhepunkt des 20. Jahrhunderts" galt Grass der Schwedischen Akademie nach Angaben des Nobelpreisjurors Per Wastberg. "Die Entscheidung damals (1999) war eine ganz bewusste. Er war das 20. Jahrhundert, mindestens nach Thomas Mann", sagte Wastberg mit Blick auf die damalige Entscheidung für die Zuerkennung des Literaturnobelpreises.

"Mit Günter Grass verliert die Welt der Literatur einen wortmächtigen Autor und unsere Republik einen ihrer streitbarsten Mitbürger", erklärte Klaus Staeck, Präsident der Berliner Akademie der Künste. "Wenn er die Demokratie in Gefahr sah, ging er keiner notwendigen Auseinandersetzung aus dem Wege", so Staeck. "Ich persönlich verliere in ihm einen Freund mit Haltung, auf den man sich sowohl politisch als auch ganz praktisch stets verlassen konnte."

Für den Schriftsteller und Journalisten Tilman Spengler ("Lenins Hirn") geht mit Grass eine Ära zu Ende: "Dass Literatur dieses eindeutige Antlitz der sozialen Verantwortung trägt, das ist mit Günter Grass da rein gekommen und ist mit ihm geblieben, als viele andere schon wieder das Feld geräumt hatten." Am meisten verbinde er mit Grass "sein Lachen, seine Liebe zum Erzählen. Seinen unermüdlichen Einsatz für soziale Zwecke. Und seine Freundlichkeit, über Kollegen zu reden", so Spengler.

Auch der Verband hebräischsprachiger Schriftsteller in Israel brachte seine Trauer über Grass' Tod zum Ausdruck. "Grass war ein Schriftsteller, der viel zur internationalen Literatur beigetragen hat", hieß es in einer Mitteilung des Vorsitzenden Herzl Chakak. Aus Sicht des israelischen Verbands bleibe Grass jedoch auch nach seinem Tod umstritten. "Bis zu seinem Tod hat Günter Grass keine Reue über seine harten anti-israelischen Äußerungen gezeigt." Mit seinem israel-kritischen Gedicht habe Grass vor drei Jahren einen "modernen Kreuzzug" gegen den jüdischen Staat geführt.

Als frühes Vorbild für ihr eigenes literarisches Schaffen bezeichnete die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek Günter Grass. Der Roman "Die Blechtrommel" sei wegweisend für sie gewesen. "Ich glaube, damals, schon auf den ersten Seiten des Romans, habe ich eine Ahnung davon bekommen, daß ich einmal Schriftstellerin werden könnte." Das Werk sei für sie der Beginn einer neuen Sprache in der Literatur gewesen. "Ich habe damals begriffen, daß Schreiben nicht einfach Erzählen oder Beschreiben ist, sondern seine eigenen Gesetze schaffen kann, aus den Bedürfnissen eines Textes heraus", schrieb die 68-Jährige ("Die Klavierspielerin") in einer Mail an die Nachrichtenagentur APA.

Via Twitter bekundete schließlich der Schriftsteller Salman Rushdie: "Das ist sehr traurig. Ein wahrer Gigant, eine Inspiration, ein Freund", schrieb Rushdie ("Die satanischen Verse"). "Trommele für ihn, kleiner Oskar", schrieb er in Anlehnung an Oskar Matzerath, die Hauptfigur aus Grass' Roman "Die Blechtrommel".

hpi/dpa

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