Abschied von Günter Grass "Der König der Spielzeughändler"

John Irving hielt die große Rede, Mario Adorf trug ein Gedicht vor, Kulturstaatsministerin Grütters würdigte seinen Mut zur Kritik: In Lübeck nahmen Politik und Kulturbetrieb Abschied von Günter Grass.


Der Tod, das wissen wir von Rilke, ist groß. Fast ebenso groß war nun die Gedenkfeier, die in der Stadt Lübeck für Günter Grass ausgerichtet wurde. Schließlich war auch der ein Großer, eine der übermächtigen Figuren der bundesdeutschen Literatur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

900 Gäste aus Politik und Kulturbetrieb waren ins Lübecker Theater gekommen, um Abschied zu nehmen. Hauptredner war John Irving. Der, selbst Schriftsteller, sagte: "Es gibt keine Schriftsteller mehr - keine wie ihn." Grass habe immer verlangt, man müsse zornig bleiben. Nicht nur in dieser Hinsicht nehme er seinen Freund als Vorbild.

Der US-Amerikaner, weltberühmt durch Romane wie "Das Hotel New Hampshire", erinnerte an den Spielzeughändler aus Grass' berühmtestem Roman "Die Blechtrommel". Er wisse jetzt, wie sich Oskar Matzerath gefühlt habe, als dieser Sigismund Markus, von den Nazis in den Selbstmord getrieben, plötzlich nicht mehr da war. "Günter Grass war der König der Spielzeughändler. Jetzt hat er uns verlassen und alles Spielzeug aus dieser Welt mitgenommen", so Irving.

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Grass-Gedenkfeier: "Es gibt keinen mehr wie ihn"

Er erinnerte an Grass' Erfolgsroman "Der Butt" aus den Siebzigerjahren und auch an eines dessen fast vergessener Bücher, das 1969 erschienene "Örtlich betäubt": Darin setzt ein Schüler einen Hund in Brand, um das Gewissen der Berliner wachzurütteln.

Die besten Roman-Anfänge von Günter Grass

Zugegeben: ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, mein Pfleger beobachtet mich, läßt mich kaum aus dem Auge; denn in der Tür ist ein Guckloch, und meines Pflegers Auge ist von jenem Braun, welches mich, den Blauäugigen, nicht durchschauen kann.

("Die Blechtrommel", 1959)

Die besten Roman-Anfänge von Günter Grass

... und einmal, als Mahlke schon schwimmen konnte, lagen wir neben dem Schlagballfeld im Gras. Ich hätte zum Zahnarzt gehen sollen, aber sie ließen mich nicht, weil ich als Tickspieler schwer zu ersetzen war. Mein Zahn lärmte. Eine Katze strich diagonal durch die Wiese und wurde nicht beworfen.

("Katz und Maus. Eine Novelle", 1961)

Die besten Roman-Anfänge von Günter Grass

Erzähl Du. Nein, erzählen Sie! Oder Du erzählst. Soll etwa der Schauspieler anfangen? Sollen die Scheuchen, alle durcheinander? oder wollen wir abwarten, bis sich die acht Planeten im Zeichen Wassermann geballt haben? Bitte, fangen Sie an! Schließlich hat Ihr Hund damals. Doch bevor mein Hund, hat schon Ihr Hund, und der Hund vom Hund. Einer muß anfangen: Du oder Er oder Sie oder Ich ...

("Hundejahre", 1963)

Die besten Roman-Anfänge von Günter Grass

Ilsebill salzte nach. Bevor gezeugt wurde, gab es Hammelschulter zu Bohnen und Birnen, weil Anfang Oktober. Beim Essen noch, mit vollem Mund sagte sie: "Wolln wir nun gleich ins Bett oder willst du mir vorher erzählen, wie unsre Geschichte wann wo begann?"

("Der Butt", 1977)

Die besten Roman-Anfänge von Günter Grass

Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben. Diese fing vor mehr als dreihundert Jahren an. Andere Geschichten auch. So lang rührt jede Geschichte her, die in Deutschland handelt.

("Das Treffen in Telgte. Eine Erzählung", 1979)

Die besten Roman-Anfänge von Günter Grass

Auf Weihnachten wünschte ich eine Ratte mir, hoffte ich doch auf Reizwörter für ein Gedicht, das von der Erziehung des Menschengeschlechts handelt. Eigentlich wollte ich über die See, meine baltische Pfütze schreiben; aber das Tier gewann. Mein Wunsch wurde erfüllt. Unterm Christbaum überraschte die Ratte mich.

("Die Rättin", 1986)

Die besten Roman-Anfänge von Günter Grass

Wir vom Archiv nannten ihn Fonty; nein, viele, die ihm über den Weg liefen, sagten: "Na, Fonty, wieder mal Post von Friedlaender? Und wie geht's dem Fräulein Tochter? Überall wird von Metes Hochzeit gemunkelt, nicht nur auf dem Prenzlberg. Ist das was dran, Fonty?"

("Ein weites Feld", 1995)

Die besten Roman-Anfänge von Günter Grass

"Warum erst jetzt?" sagte jemand, der nicht ich bin. Weil Mutter mir immer wieder... Weil ich wie damals, als der Schrei überm Wasser lag, schreien wollte, aber nicht konnte... Weil die Wahrheit kaum mehr als drei Zeilen... Weil jetzt erst... Noch haben die Wörter Schwierigkeiten mit mir.

("Im Krebsgang. Eine Novelle", 2002)

"Stinkende Realität"

Kulturstaatsministerin Monika Grütters würdigte den Literaturnobelpreisträger als unerschütterlichen Mahner, der sich nicht zu schade gewesen sei, sich immer wieder mit der "stinkenden Realität" auseinanderzusetzen. "Günter Grass steht wie kaum ein anderer für den Künstler als kritisches Korrektiv demokratischer Politik."

Als Christdemokratin war Grütters in Lübeck fast eine Exotin. Unter den Gästen waren zahlreiche SPD-Politiker. Grass hatte die Partei jahrzehntelang unterstützt, für Willy Brandt zog er in den Sechzigern in den Wahlkampf und ließ sich mit Eiern bewerfen.

Der heutige SPD-Chef Sigmar Gabriel betonte, Grass habe bis zuletzt auch gegenüber der SPD immer sein Prinzip der "kritischen Solidarität" gelebt. "Er hat mir immer wieder Ratschläge gegeben, auch ungebeten. Am meisten wird mir der Schriftsteller Günter Grass fehlen."

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig, auch er SPD, sagte: "Günter Grass war ein kolossal mutiger Mensch", denn er habe sich immer wieder ohne Rücksicht auf sich selbst eingemischt. "Günter Grass wird fehlen. Als Schreiber ebenso wie als Störenfried."

Die Redner sparten das späte Grass-Bekenntnis von 2006 nicht aus, kurz vor Kriegsende zur Waffen-SS eingezogen worden zu sein. "Beinahe tragisch angesichts seiner großen Verdienste um den geistigen und moralischen Wiederaufbau der Bundesrepublik war seine späte Offenbarung", sagte die Kulturstaatsministerin.

Und auch der Streit über das Grass-Gedicht "Was gesagt werden muss", in dem Grass 2012 die Atomwaffen-Politik Israels scharf kritisiert hatte, kam zur Sprache. Dies sei das typische "dennoch" von Grass: "Er hat an Israel geglaubt. Gerade deshalb kritisierte er dessen Regierung. Harsch und konfrontativ", fügte Albig hinzu - ein unnötig vereinfachender Schlenker, mit der SPD-Politiker der prekären Sicherheitslage Israels ebenso wenig gerecht wurde, wie den pauschalen, wenig differenzierten Versen von Grass.

Bilder eines Lebens

Ein Autor von Weltrang ist tot: Günter Grass ist im Alter von 87 Jahren in Lübeck gestorben.

Erste öffentliche Anerkennung bekam der in Danzig geborene Grass von der Gruppe 47 – hier bei einem Treffen der Schriftstellergruppe an der Seite von Dieter Wellershoff.

Die Krönung seiner literarischen Laufbahn: Aus den Händen des schwedischen Königs erhält Günter Grass 1999 den Nobelpreis für Literatur.

Neben seiner literarischen Arbeit war Grass auch als bildender Künstler tätig. Hier seine Plastiken "Tanzende Paare".

Günter Grass mit Gerhard Schröder bei einer Wahlkampfveranstaltung 2005: Grass war SPD-Mitglied und unterstützte die Partei oft öffentlich.

Insbesondere Willy Brandt konnte sich des Engagements des Schriftstellers sicher sein. Das Bild zeigt Brandt und Grass 1985 an der Seite von Gerhard Schröder bei einem Wahlkampffest im niedersächsischen Dannenberg.

Doch er war kein einfacher Parteigänger der SPD: 1992 trat Günter Grass aus Protest gegen die Asylpolitik der Sozialdemokraten aus, trat aber auch später zur Unterstützung von SPD-Kandidaten auf.

Grass mit Ehefrau Ute in seiner Geburtsstadt Danzig: Der Schriftsteller setzte der Stadt in der "Blechtrommel" ein literarisches Denkmal und engagierte sich für die Aussöhnung Deutschlands mit Polen.

"Die Blechtrommel", Grass' größter Roman, wurde 1979 von Volker Schlöndorff verfilmt. Die Geschichte des Trommlers, der nicht mehr wachsen wollte, wurde 1980 mit einem Oscar ausgezeichnet.

Zwei Große der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur debattieren: Siegfried Lenz und Günter Grass 1976 bei einer SPD-Veranstaltung in Recklinghausen.

Grass an der Seite von Marcel Reich-Ranicki: Der Kritiker zerriss 1995 auf der Titelseite des SPIEGEL symbolisch den Roman "Ein weites Feld".

Triumphtanz: Günter Grass beim Ball der Nobelpreisträger in der Stockholmer Stadthalle mit seiner Tochter Helene. Grass hinterlässt insgesamt drei Söhne und drei Töchter.

Bundespräsident Joachim Gauck hat Grass als großen Autor und streitbaren politischen Geist gewürdigt. "Sein Werk ist ein beeindruckender Spiegel unseres Landes und ein bleibender Teil seines literarischen und künstlerischen Erbes", kondolierte Gauck.

Zwei der ganz Großen der deutschen Literatur im Gespräch: Grass mit Heinrich Böll 1973 im Großen Sendesaal des Hessischen Rundfunks in Frankfurt.

Im Mittelpunkt des Literaturbetriebs der Bundesrepublik: Günter Grass beim Kongress des Verbandes Deutscher Schriftsteller 1980 zwischen Siegfried Lenz (links) und Fritz J. Raddatz.

Willy wählen: Günter Grass engagierte sich in einer für deutsche Intellektuellen ungewöhnlich deutlichen Weise politisch - für die SPD. Hier redet er bei einer Wahlkampfkundgebung im Jahre 1972.

Sein Engagement für das Thema Flüchtlings- und Asylpolitik brachte offenbar Rechtsradikale auf, die 1997 die Tür seines Lübecker Hauses beschmierten.

Eine scharf geführte Debatte entsprang, als Grass in seinem 2006 erschienenen autobiografischen Buch "Beim Häuten der Zwiebel" erwähnte, dass er als 17-Jähriger Mitglied der Waffen-SS gewesen sei.

Günter Grass beim Entzünden seiner gern gerauchten Pfeife im 2002 in Lübeck eröffneten Günter-Grass-Haus. Dort wird in einer Ausstellung sein Leben und Werk beleuchtet.

Im Alter von 87 Jahren ist Grass nun einer schweren Infektion erlegen. Er sei kurzfristig in ein Lübecker Krankenhaus gekommen und dort Montagfrüh im Kreis seiner Familie gestorben, teilte sein Sekretariat in Lübeck mit.

Der Autor Adolf Muschg sagte am Rande der Gedenkfeier, Günter Grass sei einer der wenigen Jahrhundertdichter. Der 33-jährige Schriftsteller Benjamin Lebert, von Grass gefördert, bedauerte: "Ich habe einen literarischen Großvater verloren." Der Schauspieler Mario Adorf, der ein Gedicht Grass' vortrug, lobte, Grass habe sich nie einfach zurückgelehnt, sondern seine Stimme erhoben.

Auch andere Sozialdemokraten würdigten Grass. Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder sagte: "Er war für mich ein kluger und sehr kritischer Ratgeber." Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz bekannte, Grass habe "uns alle fasziniert". "Er war ein Demokrat, der sich immer eingemischt hat." Und Nordrhein-Westfalens Regierungschefin Hannelore Kraft bekannte: "Mir fehlt der Mensch Günter Grass."

In der Gedenkfeier las Grass' Tochter Helene das Gedicht "Mir träumte, ich müsste Abschied nehmen" aus dem 1986 erschienenen, damals von der Kritik heftig gezausten Roman "Die Rättin". Darin heißt es: "Ich schreibe zum Schluss meinen Feinden ein Wort: Schwamm drüber - oder: Es lohnte den Streit nicht. Auf einmal habe ich Zeit."

Mehrmals kam die Geburtsstadt von Grass, Danzig, zur Sprache. Das Oberhaupt Danzigs, Pawel Adamowicz, dankte Grass für seinen Einsatz für Danzig und Polen.

Der Literaturnobelpreisträger war am 13. April 2015 im Alter von 87 Jahren in Lübeck gestorben. Er wurde bereits Ende April im engsten Familienkreis in seinem langjährigen Wohnort Behlendorf im Süden Lübecks beigesetzt.

sha/dpa

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