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Grass-Rechtfertigung im TV: Hoffentlich die letzte Tinte

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Erst im "heute-journal", dann in den "Tagesthemen": Mit seinem Auftritt im Abendprogramm des deutschen Fernsehens verstrickt sich Günter Grass noch tiefer in seinen selbstverzapften Unsinn. Und das, obwohl er sogar "haufenweise" zustimmende Mails bekommen haben will.

Grass holt gegen Israel aus: "Gealtert und mit letzter Tinte" Fotos
DPA

Von Zeit zu Zeit sehen wir den Alten gern und hüten uns, mit ihm zu brechen. Es ist gar hübsch von einem hohen Herrn, so menschlich mit den Teufeln selbst zu sprechen. Leider waren die Interviews, mit denen Günter Grass am Donnerstagabend auf breiter Front die weltweite Bestürzung über sein Gedicht abfedern wollte, alles andere als eine Meisterleistung. Sondern eine blinde Vorwärtsverteidigung, die ihn nur weiter in die Irre führte. Zu erleben war der Augenblick, in dem die störrische Selbstgerechtigkeit eines wichtigen Schriftstellers vom Schrulligen ins Tragische kippte - weil er selbst dann auf seiner bewährten Rolle als Tabubrecher beharrt, wenn es weit und breit kein Tabu zu brechen gibt.

Das "heute-journal" nutzte Ausschnitte eines Gesprächs, das Grass mit dem ZDF-Kulturmagazin "aspekte" geführt hat und entsprach seinem Wunsch, sich doch bitte mit den "Fakten" auseinanderzusetzen. Da deklinierte dann ein Nahost-Experte die zentralen Thesen des Gedichts, und siehe da: Nein, ein israelischer Erstschlag würde schwerlich die komplette iranische Bevölkerung auslöschen. Und ja, es gibt wirklich idyllischere Weltwinkel als den Nahen Osten. Ansonsten ließ sich Claus Kleber die Gelegenheit nicht entgehen, zusammenhanglos eine wenig sachdienliche Passage aus seinem jüngsten Interview mit dem iranischen Präsidenten zu wiederholen.

Ähnlich aufgekratzt ging Tom Buhrow von den "Tagesthemen" ans Werk, als er Grass in dessen Atelier - imponierende Bücherwand, brave Skulpturen, Pfeife - zur heftigen Kritik an seiner Einlassung befragte, die er "mit letzter Tinte" geschrieben haben will. Grass antwortete mürrisch und besorgt, hatte aber nichts zurückzunehmen oder zu präzisieren - und verstrickte sich deshalb mit jedem Wort tiefer in den selbstverzapften Unsinn. Dass er dabei wie üblich eimerweise Autorität aus dem nie versiegenden Brunnen dunkeldeutscher Geschichte schöpfte, machte seine abenteuerlichen Analogien nur noch unerträglicher. Der Titel seines Gedichts gehe "auf das zurück, was meine Generation erfahren hat", noch einmal solle nachher niemand sagen: "Ja, wenn wir das gewusst hätten." Deshalb schreibe er nun "über Dinge, über die zu wenig gesprochen wird".

Was zu begrüßen wäre, würde er nicht nur raunend auf die allgemein bekannten und allseits diskutierten Tatsachen anspielen, dass Israel eine Atommacht ist und von Deutschland mit U-Booten beliefert wird. Vielleicht wird ja auch zu wenig darüber gesprochen, dass das winzige Israel als "one bomb country" gilt und entsprechende Zweitschlagwaffen braucht, damit sich seine Feinde ihrer Sache nicht allzu sicher sein können. Mit solchen Details freilich hält sich Grass nicht auf. Als Buhrow das mit dem israelischen Erstschlag gegen Iran genauer wissen will, zieht Grass sich auf die Position zurück, dass all diese Waffen viel Unheil anrichten können. Wer wollte da noch widersprechen?

Wirklich informiert wirkte er nur darüber, was in den vergangenen Tagen über ihn geschrieben worden war. Und man darf ihm durchaus glauben, dass ihn der Vorwurf des Antisemitismus verletzt hat. Nur nützt es eben nichts, wenn er im gleichen Atemzug die "Presse" als "gleichgeschaltet" bezeichnet und zu seiner Rechtfertigung auf "haufenweise" zustimmende E-Mails verweist. Beifall von der falschen Seite? Ficht ihn nicht an, weil das ja bedeuten würde, "sich selbst das Maul zu verbieten". Im Übrigen seien die Zuschriften allesamt "kein Stammtischzuspruch, das sind sehr wohl überlegte Worte", fügt Grass hinzu, und man fragt sich beklommen, ob diese zustimmenden Worte womöglich ähnlich überlegt sind wie jene, die Grass in seinem Gedicht für angemessen hielt.

Die eigentliche Tragik dieser Affäre aber liegt wohl weniger in der erodierenden Autorität eines honorigen Nobelpreisträgers. Sondern in der Ahnung, dass der Künstler als kritischer Kommentator der Zeitläufte ausgedient haben könnte. Vielleicht hatte Tom Buhrow das ja im Sinn, als er seine Audienz mit der wohlwollenden Hoffnung schloss, der Dichter werde statt tagespolitischer Gedichte demnächst "mal wieder einen Roman" schreiben.

Um zur Abwechslung mal ein richtiges Tabu zu brechen und echte Fakten zu nennen: Günter Grass wird im Oktober 85 Jahre alt. Womöglich wäre es besser, jemand würde ihm sanft den Griffel entwenden.

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insgesamt 242 Beiträge
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1. warum den Mann so ernst nehmen
el`Ol 06.04.2012
Warum versucht man überhaupt, diesen Mann so ernst zu nehmen? Der ist ein Künstler, der sich phantasievolle Geschichten ausdenken und sie sprachlich gut verpacken kann. Wenn der sich politisch äußert, das ist doch nicht anders, als wenn es der Schreiner Huber am Stammtisch täte. Ich muss an den Saddam-Hitler-Vergleich von Hans Magnus Enzensberger denken. Der hat dann später irgendwann von sich gegeben, wenn irgendwo in der Welt ein Konflikt ausbräche, könne der deutsche Intellektuelle ebenso wenig mitreden wie die deutsche Putzfrau.
2.
alpenkraut 06.04.2012
Nun kam ich nicht umhin, den Text auch zu lesen. Zu sehr wurde in den letzten Tagen mit der Kelle in den Pudding gehauen. Das bestätigte meine schlimmsten Befürchtungen! Ich bin darauf hereingefallen!
3. Armer alter Mann
JHPL 06.04.2012
Zitat von sysopDPAErst im "heute journal", dann in den "Tagesthemen": Mit seinem Auftritt im Abendprogramm des deutschen Fernsehens verstrickt sich Günter Grass noch tiefer in seinen selbstverzapften Unsinn. Und das, obwohl er sogar "haufenweise" zustimmende Mails bekommen haben will. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,826153,00.html
Unsere Aufregung wäre allerdings nicht notwendig, wenn er sich nicht selbst so ernst nehmen würde - in nicht zu überbietender Überheblichkeit als "allerhöchste moralische deutsche Instanz". Mit der Meinung eines vielleicht schon etwas verwirrten, alten Mannes könnte ich leben - solange er nicht versucht, sich mir als mein Gewisen aufzudrängen.
4. - Kopfgeburt -
bomdia 06.04.2012
Da wollte einer Aufsehen erregen und er hat es geschafft.
5. Die breite Zustimmung
kuehtaya 06.04.2012
Zitat von sysopDPAErst im "heute journal", dann in den "Tagesthemen": Mit seinem Auftritt im Abendprogramm des deutschen Fernsehens verstrickt sich Günter Grass noch tiefer in seinen selbstverzapften Unsinn. Und das, obwohl er sogar "haufenweise" zustimmende Mails bekommen haben will. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,826153,00.html
Die breite Zustimmung glaube ich ihm unbesehen. Auch in der Öffentlichkeit. Schliesslich ist Antisemitismus in der Linken und bei den Islamophilen weit verbreitet. Widerspruch zu diesen Gruppen gilt als politisch inkorrekt und hätte es nicht Israel getroffen, aber wäre der Inhalt ähnlich abstruss gewesen, hätte er den immer gleichen Beifall für all die Asbstrusitäten erhalten, die bei diesen Themen als richtig und diskutabel gelten. Denn es bleibt dabei, die gesamte Nachbarschaft legt wert auf die Auslöschung Israels aus religiösen Gründen. Den Anspruch auf das Land kann man den Juden schlecht absprechen, da sie den Tempelberg schon 1600 Jahre vor der Entstehung des Islam bebauten, also heute schon mehr als 3000 Jahre anerkannte Geschichte an dieser Stelle aufzuweisen haben. Es geht um die Beanspruchung der einzigen Wahrheit mittels Gewalt in Israel und anderswo, bei der kleinen jüdischen Enklave inmitten der letztgültigen Wahrheit aber ganz besonders.
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