Posthum veröffentlichtes Interview Grass warnte kurz vor seinem Tod vor Drittem Weltkrieg

Droht ein "dritter großer Krieg"? Wenige Wochen vor seinem Tod hat Günter Grass in einem Zeitungsinterview vor einer Eskalation militärischer Gewalt gewarnt - erst jetzt ist das Gespräch erschienen.

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Es dürfte eines seiner letzten großen Interviews gewesen sein: In einem Gespräch mit der spanischen Tageszeitung "El País", das nach Angaben des Blattes am 21. März in Lübeck geführt und am Dienstag erstmals veröffentlicht wurde, warnte Günter Grass vor einem neuen Weltkrieg: "Wir steuern auf den dritten großen Krieg zu", so der Literaturnobelpreisträger.

Es gebe überall Krieg, sagte Grass und warnte: "Wir laufen Gefahr, dieselben Fehler wie früher zu machen. Ohne es zu merken, als wären wir Schlafwandler, können wir in einen neuen Weltkrieg gehen."

Neben den vielen politischen Konflikten beklagte Grass im Gespräch auch "das soziale Elend überall auf der Welt" sowie die Probleme der Überbevölkerung und des Klimawandels, "deren Folgen gar nicht beachtet werden". "Es gibt ein Treffen nach dem anderen, aber die Problematik bleibt bestehen: Es wird nichts getan", sagte er.

Im November 2014 hatte Grass vor deutschem Publikum vergleichbare Parallelen gezogen:"Wir befinden uns im Dritten Weltkrieg", sagte er bei einer Veranstaltung in Hannover. Seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte Günter Grass, der am Montag in Lübeck gestorben ist, Ende März bei der Premiere der Bühnenfassung seines Romans "Die Blechtrommel" in Hamburg.

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Bilder eines Lebens

Ein Autor von Weltrang ist tot: Günter Grass ist im Alter von 87 Jahren in Lübeck gestorben.

Erste öffentliche Anerkennung bekam der in Danzig geborene Grass von der Gruppe 47 – hier bei einem Treffen der Schriftstellergruppe an der Seite von Dieter Wellershoff.

Die Krönung seiner literarischen Laufbahn: Aus den Händen des schwedischen Königs erhält Günter Grass 1999 den Nobelpreis für Literatur.

Neben seiner literarischen Arbeit war Grass auch als bildender Künstler tätig. Hier seine Plastiken "Tanzende Paare".

Günter Grass mit Gerhard Schröder bei einer Wahlkampfveranstaltung 2005: Grass war SPD-Mitglied und unterstützte die Partei oft öffentlich.

Insbesondere Willy Brandt konnte sich des Engagements des Schriftstellers sicher sein. Das Bild zeigt Brandt und Grass 1985 an der Seite von Gerhard Schröder bei einem Wahlkampffest im niedersächsischen Dannenberg.

Doch er war kein einfacher Parteigänger der SPD: 1992 trat Günter Grass aus Protest gegen die Asylpolitik der Sozialdemokraten aus, trat aber auch später zur Unterstützung von SPD-Kandidaten auf.

Grass mit Ehefrau Ute in seiner Geburtsstadt Danzig: Der Schriftsteller setzte der Stadt in der "Blechtrommel" ein literarisches Denkmal und engagierte sich für die Aussöhnung Deutschlands mit Polen.

"Die Blechtrommel", Grass' größter Roman, wurde 1979 von Volker Schlöndorff verfilmt. Die Geschichte des Trommlers, der nicht mehr wachsen wollte, wurde 1980 mit einem Oscar ausgezeichnet.

Zwei Große der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur debattieren: Siegfried Lenz und Günter Grass 1976 bei einer SPD-Veranstaltung in Recklinghausen.

Grass an der Seite von Marcel Reich-Ranicki: Der Kritiker zerriss 1995 auf der Titelseite des SPIEGEL symbolisch den Roman "Ein weites Feld".

Triumphtanz: Günter Grass beim Ball der Nobelpreisträger in der Stockholmer Stadthalle mit seiner Tochter Helene. Grass hinterlässt insgesamt drei Söhne und drei Töchter.

Bundespräsident Joachim Gauck hat Grass als großen Autor und streitbaren politischen Geist gewürdigt. "Sein Werk ist ein beeindruckender Spiegel unseres Landes und ein bleibender Teil seines literarischen und künstlerischen Erbes", kondolierte Gauck.

Zwei der ganz Großen der deutschen Literatur im Gespräch: Grass mit Heinrich Böll 1973 im Großen Sendesaal des Hessischen Rundfunks in Frankfurt.

Im Mittelpunkt des Literaturbetriebs der Bundesrepublik: Günter Grass beim Kongress des Verbandes Deutscher Schriftsteller 1980 zwischen Siegfried Lenz (links) und Fritz J. Raddatz.

Willy wählen: Günter Grass engagierte sich in einer für deutsche Intellektuellen ungewöhnlich deutlichen Weise politisch - für die SPD. Hier redet er bei einer Wahlkampfkundgebung im Jahre 1972.

Sein Engagement für das Thema Flüchtlings- und Asylpolitik brachte offenbar Rechtsradikale auf, die 1997 die Tür seines Lübecker Hauses beschmierten.

Eine scharf geführte Debatte entsprang, als Grass in seinem 2006 erschienenen autobiografischen Buch "Beim Häuten der Zwiebel" erwähnte, dass er als 17-Jähriger Mitglied der Waffen-SS gewesen sei.

Günter Grass beim Entzünden seiner gern gerauchten Pfeife im 2002 in Lübeck eröffneten Günter-Grass-Haus. Dort wird in einer Ausstellung sein Leben und Werk beleuchtet.

Im Alter von 87 Jahren ist Grass nun einer schweren Infektion erlegen. Er sei kurzfristig in ein Lübecker Krankenhaus gekommen und dort Montagfrüh im Kreis seiner Familie gestorben, teilte sein Sekretariat in Lübeck mit.

Video: Ulrich Wickert erinnert an Günter Grass

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sha/dpa

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insgesamt 57 Beiträge
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Atheist_Crusader 14.04.2015
1.
Naja, in den letzten Jahrzehnten gab es eine Menge Punkte an denen man das behaupten konnte. Auch für die Ukraine-Krise haben das viele getan. Diese Erkenntniss wird nicht weiser oder profunder, nur weil sie von einem toten Schriftsteller stammt.
eisbaerchen 14.04.2015
2. Aus meiner Sicht
ein überschätzter Schriftsteller...
weem 14.04.2015
3. Leider richtig
Man muss nicht Günter Grass heißen, um dieses schreckliche Szenario vorauszuahnen. Gut ist, dass der berühmte Name natürlich mehr Gehör findet. Egal wohin man blickt, die Territorialkriege nehmen zu, der Kampf um überlebenswichtige Ressourcen wird sich steigern, die stumpfsinnige Abneigung gegenüber anders scheinenden wird mächtiger, der Egoismus im kleinen wird gepflegt, was zur Folge hat, dass immer weniger Menschen bereit sind über den eigenen Horizont hinaus nachzudenken..ach es ist halt so bequem geworden..bis zum Knall.
horst1109 14.04.2015
4. Ob ein Kunstwerk schön ist, ...
oder nicht, das liegt im Auge des Betrachters. Bei Grass ist das ähnlich. Es gibt Menschen, die können aus seinen Werken zitieren, anderen ist es ein Graus, etwas von ihm lesen oder hören zu müssen. Gott-sei-Dank kann man außerhalb der Schule selbst entscheiden, was man liest. Damit bleibt einem das Schlechte Gewissen außerhalb der SPD erspart. Und eine Hoffnung bleibt: Mögen nicht viele Manuskripte gefunden werden, die nach und nach zum Ballast für die menschlichen Seelen werden.
nomadas 14.04.2015
5. Option
Einstein meinte: "Ich weiß nicht, womit die Menschen im 3. Weltkrieg kämpfen, aber im 4. Weltkrieg werden es Keulen und Steine sein." Nun, das sagte kein Dubbel. Die fünf realen Risiken sind bekannt: Synthetische Biologie, Künstliche Intelligenz, 3. Weltkrieg, Globale Erwärmung und physikalische Experimente. Suchen wir es uns doch einfach aus, das Große Finale! Hannover Messe, Stand Nr. 007 - N`est-ce pas?
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