Günter Wallraff wird 65: Mister Undercover

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Günter Wallraff bedient sich fremder Identitäten, um Missstände zu enthüllen. Jetzt ist eine Biografie über den Journalisten erschienen, der am 1. Oktober 65 wird. Sie beschreibt einen rastlosen Einzelgänger, der nichts von seinem aufklärerischen Furor eingebüßt hat.

Es war im Oktober 1985, da erlebte Günter Wallraff etwas, wovon die allermeisten Autoren vergeblich träumen: Innerhalb von drei Wochen wurden 700.000 Exemplare seines Buches "Ganz unten" verkauft.

Sieben Monate später, Anfang Juni 1986, widerfuhr Wallraff etwas, wovon weder Autoren noch andere Zeitgenossen träumen. Morgens um sechs fiel ein Trupp Polizisten in Wallraffs Kölner Haus ein und jagte ihn, seine Frau und ihre kleine Tochter aus den Betten. Die Beamten kamen, um Video- und Tonmaterial des Films "Ganz unten" zu beschlagnahmen.

Diese beiden Episoden sind exemplarisch für die über 40 Jahre, in denen Wallraff jener Tätigkeit nachging, die in Dänemark und Schweden mittlerweile als "wallraffen" Eingang in den offiziellen Sprachschatz gefunden hat. Die Rede ist von verdeckter Recherche, von aufklärerischem Undercover-Journalismus, von einem Enthüller, der eine Maske anlegt, um in Sphären einzudringen, aus denen Reporter ferngehalten werden.

Sittenbild der deutschen Linken

Dass der einstige "taz"-Mitbegründer Jürgen Gottschlich jetzt Wallraffs Biografie noch zu dessen Lebezeiten geschrieben hat, macht Sinn. Interessant ist "Der Mann, der Günter Wallraff ist", weil es nicht nur das Leben eines der bekanntesten und umstrittensten Journalisten unserer Zeit nachzeichnet, sondern gleichzeitig ein Sittenbild der westdeutschen Linken von den sechziger Jahren bis ins 21. Jahrhundert ist.

Gottschlich beschreibt "ein an Krisen nicht armes Leben" und einen Mann, der nicht zur Ruhe kommt - obwohl er am 1. Oktober 65 wird. Offenkundig ist dieser 1942 in Burscheid bei Köln geborene Zeitgenosse, der sich zunächst als Buchhändler versuchte, ein Mann, der nicht anders kann als furchtlos die Kontoverse zu suchen. Oder warum sonst verfiel er unlängst auf die Idee, in einer Kölner Moschee ausgerechnet die "Satanischen Verse" von Salman Rushdie vorlesen zu wollen? Die Idee zog prompt islamistische Morddrohungen gegen ihn im Internet nach sich.

Rebellischer Geist

Wallraffs rebellischer Geist brachte ihm schon bei der Bundeswehr Ärger ein. Er verweigerte den Kriegsdienst, nervte seine Vorgesetzten und wurde schließlich in die geschlossene psychiatrische Abteilung eines Bundeswehrkrankenhauses eingewiesen. In dem Entlassungsbericht wurde ihm "eine abnorme Persönlichkeit, auf Dauer verwendungsunfähig für Krieg und Frieden" attestiert. Sein Bundeswehrtagebuch aber wurde in zwei Folgen in der Zeitschrift "Twen" veröffentlicht.

Seinen ersten Undercover-Einsatz - als Arbeiter bei Ford in Köln, bei Blohm+Voss in Hamburg und in der Thyssen Stahlschmelze in Duisburg-Hamborn - absolvierte er für das Gewerkschaftsblatt "Metall". Doch Gewerkschaftsfunktionäre, die den Betriebsfrieden wahren wollen, verhinderten teils die Veröffentlichung seiner Reportagen, teils werden sie nur ohne Nennung des Namens der betreffenden Firma gedruckt. Doch nachdem die präzisen berichte aus der alltäglichen Hölle der Produktion 1966 mit dem Titel "Industriereportagen" erschienen, war Wallraff bald ein bekannter Mann.

Er arbeitete für "Pardon" und ab 1968 für "Konkret", in deren Redaktion er Ulrike Meinhof kennenlernte. Doch als sie in den Untergrund ging, um den bewaffneten Kampf aufzunehmen, kritisierte er "Ulrikes Rote Armee" scharf in der Öffentlichkeit. Das Springer-Blatt "Die Welt" hinderte dies nicht daran, ihn als "geistigen Anstifter" des Terrorismus zu geißeln. Natürlich war und ist Wallraff ein Linker, aber er war nie ein Dogmatiker oder Parteigänger. Dafür ist er zu sehr Individualist.

Seine größte Rolle - der Türke Ali

Unter dem Decknamen Hans Esser schlich sich Wallraff 1977 als Reporter in die Hannoveraner "Bild"-Redaktion ein. Nach vier Monaten flog er auf und veröffentlichte "Der Aufmacher. Der Mann, der bei 'Bild' Hans Esser war". Mit diesem und zwei weiteren Büchern über die auflagenstärkste Tageszeitung Europas schuf er sich Feinde fürs Leben. Die Juristen des Springer-Verlages wollten ihm untersagen lassen, überhaupt über seine Erfahrungen in der damals von Zynismus und Pfusch geprägten "Bild"-Redaktion zu berichten. Erst 1983, nachdem Wallraff auch vor dem Bundesverfassungsgericht obsiegte, gaben seine Gegner bei Springer vorläufig auf.

Da war Wallraff schon in seine nächste Rolle geschlüpft, seine größte, die des "Türken Ali". Und dieser Ali Levent Sinirioglu war mehr als eine Rolle, denn Wallraff identifizierte sich stark mit dem Außenseiter, der "ganz unten" als Leiharbeiter Dreckjobs erledigte und den alltäglichen Rassismus über sich ergehen ließ. Schon als 17-Jähriger hatte Wallraff, der wie er selbst sagt, an einem "Identitätsmangel" litt, in einem expressionistischen Gedicht geschrieben: "Ich warte darauf, die Maske zu finden, die sich mit meinem ursprünglichen Gesicht deckt."

Erfolg und Rufmord

"Ganz unten" wurde ein Welterfolg, in über 30 Sprachen übersetzt, mehr als 4,6 Millionen Mal verkauft. Das schuf Neid, bei der Linken und auch bei denen, die mit ihm und für ihn gearbeitet hatten. Schließlich schlug Herrmann Gremliza, Chefideologe der "Konkret" zu und erklärte, Wallraff habe die meisten seiner Bücher nicht selbst geschrieben. Er, nicht Wallraff, habe weite Teile von dessen "Bild"-Buch aus Tonbändern zusammengeschrieben.

Es folgten bittere Auseinandersetzungen. Wallraff wehrte sich verzweifelt und letztlich erfolgreich gegen den versuchten Rufmord. Anschließend musste er sich auch noch jahrelang des Vorwurfs, vor allem der Springer-Blätter, erwehren, er habe für die Auslandsspione der Stasi gearbeitet. In den neunziger Jahren war Wallraff ausgebrannt. Zudem bekam er jetzt das Problem, das er für die Jobs, die er bislang inkognito übernahm, zu alt war.

Als er Anfang der Neunziger ein Job als Leiharbeiter auf den Baustellen des Berliner Regierungsviertels suchte, wollte ihn – obwohl ein Maskenbildner den Mitte 50-Jährigen auf 45 gestylt hatte – keiner mehr haben. Doch vor ein paar Monaten meldete Wallraff sich überraschend zurück. Er hatte sich in einem Call-Center anheuern lassen und enthüllte im "Zeit-Magazin" die miesen Tricks der Telefondrücker. Am Ende der neoliberalen Welle, angesichts der Renaissance des sozialen Gewissens, verkörpert der unreformierbare Linke heute also wieder den Zeitgeist.

Als Indiz seiner Rastlosigkeit lassen sich auch seine drei Ehen und fünf Töchter heranziehen. Als seine erste Frau Birgit Böll, eine Nichte des Schriftstellers Heinrich Böll, die erste Tochter zur Welt brachte, war Wallraff gerade auf Lesereise in der DDR und bekam in Rostock ein Telegramm auf die Bühne gereicht. "Glückwunsch, Tochter Ruth gesund geboren."

"Seine Bücher haben unsere Welt verändert", schrieb Volker Weidermann in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". "Wer sonst kann das von sich behaupten?" Angesichts solcher Elogen, auch aus konservativen Kreisen, könnte sich Wallraff eigentlich zufrieden zurücklehnen. Doch das tut er keineswegs. "Aktiv im Unruhestand", charakterisiert Gottschlich ihn. Er sei auch heute noch beständig "auf der Suche; nach einem neuen Thema, einer neuen Rolle, dem wahren Leben".


Jürgen Gottschlich: Der Mann, der Günter Wallraff ist. Eine Biografie: Kiepenheuer & Witsch, 18, 90 Euro

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