Fast-Food-Klassiker Die Burger-Bewegung

Hamburger können umwerfend schmecken oder unendlich langweilig - doch warum sie noch viel mehr sind als Frikadellen mit Brot, erklärt eine köstliche Kulturgeschichte des Burgers.

David LaChapelle

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Machen wir uns nichts vor: Einen guten Burger kann niemand stehen lassen. Wir verdrängen dann gern für einen Moment Low Carb, Superfoods und glykämischen Index, und geben uns der Gegenbewegung hin, diesem Fast-Food-Klassiker, der in den letzten Jahren sein großes Revival erlebt.

Denn in Großstädten sprießen gefühlt an jeder Ecke Restaurants, deren Bratlinge nichts mehr zu tun haben mit Big Mac und Royal TS. Heute lassen sich auch Feinschmecker mit Frikadellen blicken und fachsimpeln über Wagyu-Rinder und Dry-Aged-Patties, über Thunfisch und Teriyaki, Jalapenos und höhlengereiften Gruyère.

Was aber macht den Burger so unwiderstehlich, dass er wieder derart salonfähig geworden ist? Das kann man nun nachlesen in "The World is Your Burger" von David Michaels, einer 430 Seiten starken Kulturgeschichte des Frikadellen-Sandwiches, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht.

Irgendwann um das Jahr 1885 kam wohl jemand darauf, Hackbällchen in Brötchen zu stecken, damit die Finger beim Essen nicht so fettig würden - wer genau das war, darum ranken sich Mythen. Die ersten Hamburger-Restaurants entstanden in den USA in den Dreißigerjahren, sie hießen Texas Tavern oder White Castle und boten Sandwiches für fünf Cent an. 1948 eröffneten die Brüder Maurice und Richard McDonald ihr erstes Restaurant in Kalifornien, bald darauf kam der erste Burger King - Fast Food hatte seinen Siegeszug über die Welt angetreten.

Größere Ikone als Apfelkuchen

Der Hamburger wurde zur amerikanischen Ikone. "Ein Foto von einem Burger ist praktisch ein Foto der amerikanischen Flagge" schreibt der Fotograf Jeff Vespa in einem Vorwort zu "The World is Your Burger", "der Hamburger repräsentiert uns als Volk noch mehr als unser Apfelkuchen". Würde man die 13 Milliarden Burger aneinanderreihen, die die Amerikaner jährlich essen, könnte man damit die Erde 32 Mal umrunden.

Deshalb findet David Michaels noch viel mehr über dieses Nahrungsmittel zu erzählen als die Historie des Burgers, seiner Rehabilitierung in Gourmet-Läden und den irrsten Burger-Rezepten (die gibt es auch), denen Michaels in zehn Jahren Burger-Recherche begegnet ist. Kalorischer Superlativ dabei war übrigens der Quadruple Bypass Burger in Las Vegas mit schlappen 9.982 Kalorien.

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David Michaels:
The World is Your Burger

A Cultural History

Phaidon, 432 Seiten; 25,99 Euro

Der Burger dient ihm auch als Anschauungsbeispiel des Kapitalismus, als tausendfach besungenes Objekt in der Werbeindustrie und beliebtes Motiv der Pop-Art. Es gibt Hamburger-Kunst in der Fotografie, Burger-Graffiti im öffentlichen Raum, Burger-Skulpturen in Museen, eine McDonald's-Linie bei Moschino. Es geht um Massenproduktion und Konsumkultur, wie bei David LaChapelles hyperrealer Fotografie "Tod durch Hamburger", in der eine Frau von einem riesigen aufblasbaren Burger erdrückt wird.

Und natürlich hatte der Burger unvergessliche Auftritte in Kino und Fernsehen. Was wäre "Pulp Fiction" ohne Uma Thurman mit ihrem legendären Durward-Kirby-Burger im Jackrabbit Slim's? Überhaupt Tarantino-Filme ohne die fiktive Big-Kahuna-Burgerkette, die er in "Reservoir Dogs", "Pulp Fiction", "Death Proof" und "From Dusk till Dawn" erwähnt?

Bei den Simpsons betreibt Krusty der Clown ein Burger-Restaurant, Kevin Spacey arbeitet in "American Beauty" einem Burger-Drive-Through, und in der animierten Komödie "Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen" geht es darum, dass nicht Regentropfen, sondern Hamburger auf die Erde fallen, fast ein modernes Paradies also.

Wenn man dazu noch in "The World is your Burger" die vielen Fotos sieht von Prominenten, die sich Burger in aufgerissene Münder schieben - Marilyn Monroe, Elizabeth Taylor, Muhammad Ali, Paul McCartney, Jennifer Lopez, Barack Obama - dann hilft das wirklich dabei, den Hamburger als universelles Kulturgut zu betrachten. Und ihn sich mal wieder zu gönnen.



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