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Hamlet-Premiere: Alles ist toll im Staate Dänemark

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Hamburg hat einen neuen "Hamlet", und was für einen. Regisseur Luk Perceval brachte ihn gleich in gespaltener Gestalt auf die Bühne, aber das Publikum war sich umso einiger: Das Thalia Theater hat die Saison brillant eröffnet. Es gab ordentlich auf die Ohren.

Hamlet-Premiere: Parodistisches Mummenschanz-Ballett Fotos
DPA

"Das Dunkel ist Licht genug" heißt ein Drama des englischen Dichters Christopher Fry. Alles Dunkel dieser Welt schüttete der Hausregisseur Luk Perceval über die Bühne seines neuen "Hamlet" am Hamburger Thalia Theater aus, um den vermeintlich wohlbekannten und ausinszenierten Theaterstoff gründlich und anders zu erhellen. Schatten, Lichtkegel und graue Silhouetten bilden eine Welt ab, die einen verschlucken will und gegen deren Griff man kämpfen muss.

Ein Tunnelkampf gegen Mord und Intrigen, gegen Familie und Schicksal, gegen alles, was das Leben einem so entgegenschleudert. Das presst schwer auf die arme Seele. Eine Riesenwand aus sauber gehängten Anzügen, Hunderte in Reih' und Glied, bis ganz oben auf der Bühne drückt überlebensgroß auf die Szenerie. Pralles Sinnbild für eine überwältigende Fülle an Rollen, Möglichkeiten, Entscheidung, eine Welt von Willen und Vorstellungen. Das alles kann einem auch komisch vorkommen, schien sich Luk Perceval zu sagen - und so beginnt denn auch Shakespeares dänischer Totentanz zunächst als parodistisches Mummenschanz-Ballett.

Gestelzt, gelackt und schmierig

König Claudius, Mörder von Hamlets Vater und obendrein Onkel des Prinzen (souverän: André Szymanski), begrüßt gemeinsam mit neuer Gattin Gertrude (vielgestaltig: Gabriela Maria Schmeide), Hamlets Mutter, das Publikum wie zu einer Abendgesellschaft. Gestelzt, gelackt und schmierig, ein unbeholfen tänzelndes Paar, das bei seinem gezierten Pas-de-deux um ein Haar sofort auf die Bretter geht. Aus den Fugen und von der Rolle: Percevals Programm der Überraschungen rollt sogleich ab.

Dass der Hamlet gleich doppelt auftrat, wusste man schon aus den Probenberichten. Das klang schräg und forciert, doch wie Josef Ostendorf und Jörg Pohl diesen schizoid explodierenden Prinzen während des zweistündigen Rittes über den Tragödiensee immer wieder neu erfinden, war spannend und verblüffend bis zur letzten Sekunde.

Zunächst als amorphe Masse Mensch mit zwei Köpfen, dann als streitende, scharf gegensätzliche Persönlichkeiten, schließlich geteilt in zwei Figuren, scheinbar in Frieden miteinander. Das ist so wenig nur als Gag abzutun, wie in Hamlet ständiges Ringen um Tat und Reflexion stattfinden: Eben mehr als ein Bild, ein Plan für theatralische Entwicklung, die funktioniert.

Dafür wurden - charmanter Gegenzug - andere Rollen in einer Person eingedampft oder heftig gegen den üblichen Strich gebürstet. Am heftigsten traf es Mirco Kreibich, der nicht nur beide Höflinge Rosencrantz und Guildenstern als eine Figur spielen, sondern auch gleich die ganze von Hamlet engagierte Schauspielertruppe in der Schlüsselszene zur Anklage des Vatermordes darstellen musste. Wie er das Tat, als burleskes, akrobatisch-parodistisches Breakdance-Ballett, war überwältigend. Komisch und berührend zugleich, eine physische Höchstleistung. Dagegen lieferte die zarte Ophelia von Birte Schnöink und der dank Stelzen übergroße Laertes (horrormäßig giftig: Sebastian Zimmer) die flankierenden Akzente.

Wut und Schmerz aus dem Piano

Die zweite außer-shakespearische Leistung von olympischen Dimensionen liefert der Pianist, Gitarrist und Sänger Jens Thomas, dessen ebenso brachiale wie sinnlich feinfühlige Musik wie ein eigener Handlungsstrang die Inszenierung durchpulste. Dies Verfahren hatte Regisseur Percevals schon bei seiner Münchner "Othello"-Version mit großen Erfolg ausprobiert, doch hier war es gottlob keine Wiederholung bekannter Muster. Diesmal agierte Jens Thomas versteckt, nicht als Teil der Bühnenhandlung, und er setzte seine Stimme opulenter ein - eine Stimme, die durch Mark und Bein ging, voller Schmerz und Wut, aber stets beseelt von Text und Kontext.

Und diesen Text hatte ebenfalls wieder das bewährte "Othello"-Team aus Feridun Zaimoglu und Günter Senkel produziert, die das Original zupackend kürzten und dennoch den Stoff nicht aushöhlten. Dazu schrieb Zaimoglu stellenweise so zart und behende, dass man sich in seinem Shakespeare-Deutsch ebenso zuhause fühlen kann in diesem tolldrastischen Dänemark und seinem überforderten Prinzen.

"Das ist hier die Frage?"

Dessen Schlussausbruch an leidenschaftlicher Entschlusslosigkeit, seine Wutrede auf die quälenden Möglichkeiten des Seins, strengte an - die beiden Hamlets, das Publikum, den Pianisten und Sänger, der mithalten musste. Ein Kampf, aber einer, den man schweißgebadet, siegreich übersteht und der damit noch über den Text hinausgeht. Das Thalia-Publikum war mit Sicherheit erleichtert, als diese Kraftwalze an wilden Worten vorüber war, aber so sollte es auch sein. Schließlich ging es auch um Sein oder Nichtsein. Diesen Monolog hatten Zaimoglu und Perceval wunderbar fragil und verunsichernd geformt: "Das ist hier die Frage?" erstaunt sich Hamlet Jörg Pohl, worauf Hamlet Ostendorf die Sache grüblerisch zweifelnd zu Ende bringt.

Komödiantisch überreizt und für die Lacher zuständig: Polonius, besetzt mit der Rollstuhl fahrenden Barbara Nüsse, die in dieser Figur die komische Alte aus der Sitcom gibt. Sie greift sich diesen Part mit selbstbewusstem Witz und greller Mimik und produziert mit Überzeichnung das, was Perceval wohl wichtig war: Aus der Politik und dem großen Menschendrama das Kleine und Fiese herauszuarbeiten, den menschlichen Bodensatz bei allen großen und Worten und wütenden Gebärden.

Himmel und Hölle sitzen in uns, manchmal direkt nebeneinander, manchmal reden sie so wild durcheinander wie bei diesem Doppel-Hamlet. Das Schweigen am Schluss wirkt schon wie eine Erlösung, zumindest wenn es als kollektives Aufstöhnen mitgeliefert wird. "Der Rest ist...", schloss Josef Ostendorf die theaterkulinarische Tragödienveranstaltung. "Jubel", muss man hinzufügen, denn selten erlebte man ein so begeistertes Premierenpublikum im Thalia. Wenigstens eine Großbühne in der Hansestadt, die derzeit offenbar keine Probleme mit sich selbst hat.

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