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04. Juni 2006, 17:38 Uhr

Handke-Debatte

Versuch über das geglückte Kriegsverbrechen

Von Carolin Emcke

Er solle endlich Flagge zeigen, hat Jury-Mitglied Christoph Stölzl von Peter Handke im Streit um die Heine-Preis-Verleihung gefordert. Doch genau das hat der Schriftsteller längst getan - und sich damit als unwürdig der literarischen Auszeichnung erwiesen.

Jenseits der Frage, ob Peter Handke den Heine-Preis in diesem Jahr nun noch erhält, ob es Politikern zusteht, sich einer Auszeichnung entgegenzustellen, die eine Jury aus Kultur- und Literaturkritikern zu vergeben hatte, hat sich im Streit um die Verleihung des Heine-Preises klammheimlich auch ein Revisionismus in Sachen Jugoslawien etabliert, der atemberaubend ist: da werden Positionen salonfähig gemacht, weil sie angeblich unkonventionell, unjournalistisch, feinsinnig seien - und dabei wird nichts weiter als ein moralischer Relativismus gepredigt, der sich Kriegsverbrechern anbiedert.

Ex-Diktator Milosevic auf der Anklagebank in Den Haag: Nähe zu einem der größten Kriegsverbrecher
AP

Ex-Diktator Milosevic auf der Anklagebank in Den Haag: Nähe zu einem der größten Kriegsverbrecher

Peter Handke sollte den Heine-Preis des Jahres 2006 erhalten, weil er in seinem Werk, so die ursprüngliche Begründung der Jury, "eigensinnig wie Heinrich Heine einen Weg zur offenen Wahrheit verfolgte".

Im Zuge der Proteste gegen die Auszeichnung des Schriftstellers erfuhren wir in den folgenden Tagen noch unterschiedliche Argumente, warum dieser Autor preiswürdig sei. Christoph Stölzl, immerhin Mitglied der Jury, erklärte, er könne nicht beurteilen, ob Handke sich möglicherweise irrte bei seinen Äußerungen zu den Balkan-Kriegen, außerdem wisse ja niemand genau, was Handke eigentlich bei seiner Teilnahme an der Beerdigung von Slobodan Milosevic gesagt habe, und dann fordert Stölzl, Handke solle sich nun äußern und "Flagge zeigen". Aber genau das hat Handke längst getan.

Handke hat neben seinem außergewöhnlichen, beeindruckenden Œuvre an literarischen Meisterwerken auch eine Anzahl an kontroversen Texten zu Serbien geschrieben. Der Literat Handke ist ohne diese Veröffentlichungen nicht zu haben - und nicht auszuzeichnen.

Skandalöse Reisebetrachtungen

Das Skandalon, um das jetzt gestritten wird, besteht darin, dass einer der wunderbarsten Schriftsteller deutscher Sprache "seine Nähe" zu einem der größten Kriegsverbrecher unserer Zeit bekundet hat.

Es begann mit "Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien". Eine Beschreibung einer Reise Peter Handkes nach Serbien, in der er der Friedfertigkeit von serbischen Zivilisten nachspürt, harmlose Naturbetrachtungen anstellt, Menschen beim Tanken oder Blumenpflücken beobachtet - und das alles als Beleg für die einseitige Dämonisierung Serbiens in den west-europäischen Medien deutet.

Nun, das ist ungefähr so intelligent, wie eine Reise in die Weite der russischen Steppe zu stalinistischen Zeiten zu unternehmen und alle Berichte über den Archipel Gulag als Propganda abzulehnen.

Niemand, der die Verbrechen der serbischen Regierung in Belgrad kritisiert, behauptet gleichzeitig die Schuldigkeit jedes einzelnen Bewohners Serbiens. Niemand, der die Massenvergewaltigungen von muslimischen Frauen in der Oberschule oder der Partizanturnhalle in Foca 1992/1993 anklagt, unterstellt der gesamten serbischen Bevölkerung menschenverachtende Grausamkeit. Aber besinnliche Ruhe und gesittete Freundlichkeit in einer Ortschaft in Serbien belegt keineswegs, dass zwei Kilometer weiter nicht furchtbarste Verbrechen begangen werden. Welche Bedeutung also hatte Handkes Reisebetrachtung von dem so "anderen Serbien"?

Grobschlächtige Propaganda

Zumindest Sigrid Löffler müsste Handkes nächsten Versuch zu Serbien kennen. Schließlich veröffentlichte sie Handkes Text über seinen Besuch bei Milosevic in Den Haag in ihrer Zeitschrift "Literaturen". Es lohnt, sich diesen Essay noch einmal genauer anzusehen.

Eigentlich dürfte es den Text nicht geben - oder allenfalls in einer Schublade des Schriftstellers. Denn Handke, so schreibt er selbst, hat "erst einmal für sich selber" bezeugt, "nein, festgehalten". Selten hat es einen Text gegeben, der mit einer solch taktischen Selbstverleugnung eines Autors beginnt. Es ist die wortgewaltig verkleidete Heuchelei von einem, der es nicht lassen kann, Vorwürfe und Anklagen zu äußern, aber beleidigt ist, wenn jemand es wagt, auf ihn einzugehen. Es ist ein Geschrei in der Öffentlichkeit, das vorgibt, leise und besinnlich zu flüstern.

Nur "Unbenutzbares" will Handke über den Prozess gegen Milosevic schreiben, "je unbenutzbarer, desto besser", er möchte sich ausdrücklich nicht zur Frage der Schuld oder Unschuld des Angeklagten äußern, weil das nicht "meine Sache ist".

Und so beginnt Handke zunächst einmal mit wirklich eindrücklichen Beschreibungen von seinem Besuch in Den Haag, von der Bürokratie des Strafgerichtshofs, der Infrastrukur eines solchen historischen Prozesses - und diese persönliche, kleinteilige, witzige Erzählung von der Innenwelt des Gerichtshofes ist durchaus vielversprechend. Es wäre ein Gewinn gewesen, wenn Handke tatsächlich eine literarische Reise in die verwinkelte Welt des internationalen Tribunals gewagt hätte. Doch stattdessen folgt grobschlächtige Propaganda, die eben doch über "Schuld und Unschuld" urteilt - natürlich im Sinne des serbischen Angeklagten.

"Illegtim" und "willkürlich" ist für Handke das Gericht, dessen "Gewalt von Anfang an übertragen ist von eben jenen Kräften und Mächten, welche in den Kriegen Partei waren." Als ob Handke nicht wüsste, dass das Internationale Tribunal für das ehemalige Jugoslawien 1993 durch die Resolution 827 vom Weltsicherheitsrat beschlossen wurde - und damit auch von China und Russland, die keineswegs am Nato-Bombardement beteiligt waren.

Zu Teil zwei des Essays

Ohnehin verlagert Handke Fragen nach Schuld und Verantwortung in ästhetische oder psychologische Kategorien. Das Tribunal wird bei Handke zum "Welttheater", die Ankläger oder Zeugen werden zu "Figuren", der Prozessablauf zu "Ritualisierungen". Historische Fakten und Tatsachen verlieren sich.

Die einzigen Verhandlungen, die Handke aus der Zuschauerperspektive überzeugend finden konnte, sind symptomatischerweise keine, in denen serbische Verdächtige angeklagt sind, sondern nur die Prozesse gegen "die lokalen kroatischen Paramilitärhäuptlinge" oder die "muslimischen Kapos von Celebici, wo bosnische Serben interniert waren".

Kein Interesse an der Wahrheit

Handke verlangt von dem Verfahren gegen Slobodan Milosevic völlig zurecht, dass es dessen Schuld nicht einfach behaupten kann, sondern belegen muss. Aber genau das unternimmt die Staatsanwaltschaft in Den Haag. Wenn sich Handke ein wenig mehr mit dem eigentlichen Prozess beschäftigt, den Zeugen der Anklage, den Qualen der Opfer zugehört hätte, aber auch den Geständnissen der Milosevic unterstellten Täter - dann würde er vielleicht zulassen, was er nicht zulassen will: dass dieses Gericht keineswegs fiktive Taten verhandelt, sondern die soziale und politische Struktur der grausamsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt hat.

Handke aber lässt lediglich seiner "inneren Überzeugung" freien Lauf: "Ich bin zuinnerst überzeugt, dass das Welt-Tribunal, wie es da tagt, nichts taugt - dass es von Anfang, Grund und Ursprung falsch ist und bleibt -, dass es (es speziell) zur Wahrheitsfindung kein Jota beiträgt."

Doch dieser Autor ist schon lange nicht mehr an der Wahrheit interessiert. Seine Reisen nach Serbien oder Den Haag sind keine Reisen nach Serbien oder Den Haag mehr - sondern nur noch in die Projektionen des eigenen besessenen Inneren.

Schuld in Anführungszeichen

Für jemanden, der Schuld und Unschuld nur in Anführungen verwendet, wenn es um Serben geht, für den taugt dieses Tribunal in Den Haag freilich nicht. Der wird auch dem Zeugen "K 41" von der jugoslawischen Armee nicht zuhören wollen, der zur Wahrheitsfindung immerhin folgendes beizutragen hatte: Vor einem Militär-Einsatz gegen ein Dorf von Kosovo-Albanern kurz nach Beginn der Nato-Bombenangriffe habe er deutlich die Anweisung eines Hauptmanns Gavrilovic an die Unterführer gehört: "Niemand darf überleben." Seine Einheit habe das Dorf mit einer Kanone beschossen, Häuser durchkämmt und in Brand gesetzt und 15 unbewaffnete Zivilisten in einem Bauernhof zusammengetrieben, schilderte er. Die Frauen, Kinder und älteren Männer hätten jede Verbindung zur sogenannten Kosovo-Befreiungsarmee (UCK) lebhaft bestritten. Dennoch habe sein Feldwebel ihm und etwa zehn anderen Soldaten befohlen, die Leute auf der Stelle zu erschießen. Dies hätten sie getan, räumte der Zeuge ein. "Ich erinnere mich noch lebhaft des Babys. Es wurde von drei Kugeln getroffen und schrie unglaublich laut", sagte der Zeuge wörtlich. Der Gerichtsvorsitzende hatte ihn zuvor noch darauf hingewiesen, dass er die Aussage verweigern könne, wenn er sich damit selbst belaste.

Es wäre wünschenswert, wenn eine Jury, die einen literarischen Preis zu vergeben hat, sich mit den schriftstellerischen Äußerungen des Preisträgers ernsthaft auseinandersetzte.

Inwieweit Handke noch "Flagge zeigen" soll, wie Stölzl es fordert, oder inwieweit Handke "Mut" bewiesen habe, wie Alice Schwarzer sagt, bleibt unklar. "Flagge" hat Peter Handke mit seiner Teilnahme an der Beerdigung von Slobodan Milosevic gezeigt, und Mut brauchten die Frauen, die in Den Haag über ihre Vergewaltigung durch serbische Milizen und vor allem jene serbischen Soldaten, die gegen ihre Befehlshaber ausgesagt haben.

Zu Teil drei des Essays

Noch wünschenswerter wäre es, wenn Handke in Zukunft mal zu den Opfern Milosevics finden würde. Dazu gehören übrigens nicht nur Bosnier, Kroaten und Kosovo-Albaner, sondern auch die Serben selbst. Seien es jene, die im Zuge der Bürgerkriege oder der Nato-Intervention durch Kriegsverbrechen der Gegner getötet wurden, seien es jene, die unter der internen Repression ihrer eigenen Regierung zu leiden hatten, oder diejenigen, die sich schämten für die Morde, die angeblich im Namen ihrer serbischen Nation begangen wurden.

Gerechtigkeit für Serbien bedeutet vor allem das: auch die selbstkritischen Stimmen innerhalb Serbiens zu hören, wahrzunehmen, wie heterogen und komplex die serbische Gesellschaft über ihre eigene Vergangenheit diskutiert, und die Opfer auf allen Seiten als Opfer und die Verbrecher als Verbrecher zu erkennen und zu benennen.

Causa Handke wird zur Causa Löffler

Es ist reine Spekulation, was Heinrich Heine mutig gefunden hätte in diesem Kontext: aber moralischer Relativismus und politischer Infantilismus gehörten wohl nicht zu Heines präferierten Positionen.

Laut Stölzl sei die Entscheidung maßgeblich auf das Drängen der Literaturkritikerin Sigrid Löffler zurückgegangen, die argumentiert habe, dass Handke keine "Parteinahme für den Diktator" betrieben, sondern nur dafür plädiert habe, "allen Seiten zuzuhören". Weder habe er in Löfflers Augen Barbarei rechtfertigen wollen, noch für Milosevic Partei ergriffen.

Nun, recht spät, schaltet sich schließlich Sigrid Löffler selbst ein und aus der Causa Handke wird nun auch eine Causa Löffler, denn die Literaturkritikerin äußert sich nicht nur zu dem Schriftsteller Peter Handke, sondern auch zu den Balkan-Kriegen selbst.

Löffler schreibt in der "Süddeutschen Zeitung": In der Kontroverse um Handkes Balkan-Texte treffe der "Anspruch des Andersdenkens und Andersschreibens seit jeher auf den formierten journalistischen Konsens darüber, wie die jugoslawischen Sezessionskriege zu sehen und zu beurteilen seien". Löffler will nicht nur die literarischen Qualitäten des Romanautors Handke gewürdigt sehen will, sondern auch die politischen Äußerungen Handkes als vermeintlich "unabhängige".

So verschwimmen bei Löffler Wahrheit und Wirklichkeit zu einer vorübergehenden Angelegenheit, die relativ ist - abhängig nur von der jeweiligen Perspektive. Gegenüber denjenigen, die sich um die historische Wahrheit im Namen der Opfer - egal welcher konstruierten Nationalität oder erfundenen Ethnizität - jahrelang gemüht haben, ist das eine unverschämte Anmaßung.

Die Erfüllung von Milosevics Traum

Jeder, der auf dem Balkan journalistisch gearbeitet hat, weiß um die ideologischen Hemmnisse der Wahrnehmung, um die ethnisch eingefärbten Einschätzungen. Jeder von uns hat mit Opfern auf allen Seiten gesprochen und ihre Misshandlung kritisiert: mit den vergewaltigten Frauen von Foca 1992 ebenso wie den Opfern der Nato-Bombardierungen 1999 oder den serbischen Bewohnern der Ghettos im Kosovo 2000.

Aber am Ende gibt es doch immer noch eine gemeinsame Wirklichkeit, in der reale Verbrechen begangen wurden - an allen betroffenen Splittergruppen. Diese Verbrechen bleiben Verbrechen - aus subjektiven Beweggründen oder aus politischen Motiven heraus begangene, unterschiedlich präsentierte und interpretierte Verbrechen, aber dennoch Verbrechen, über die sich ein moralisches oder ein juristisches Urteil fällen lässt.

Die Verbrechen, die unter dem Regime Milosevics ihren Ausgang nahmen, sind eben so dokumentiert, wie seine Ankündigungen derselben. Wer also Milosevic verteidigt, verteidigt eben nicht "die Serben". Wer nachträglich versucht, die Täter und die Opfer in Kollektiven zu vereinheitlichen, wer nachträglich versucht, die Verantwortlichen als Opfer ethnischer Verwüstungen oder sezessionistischer Aggressionen zu entlasten, der erfüllt damit allein den letzten ethnisch-rassistischen Traum des toten Milosevic.

Es ist erschütternd, wie Handke und Löffler gegenüber dieser erdrückenden Last an Beweisen über das Ausmaß der brutalsten Kriegsverbrechen in Europa seit Ende des Zweitens Weltkriegs einen Relativismus hoffähig machen wollen, der aus einer isolierten Ansicht Heroismus zimmern möchte, aus Nähe zu Kriegsverbrechern Feinfühligkeit, aus ideologischer Einseitigkeit die Position eines Andersdenkenden.

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