Handke-Debatte Versuch über das geglückte Kriegsverbrechen

Er solle endlich Flagge zeigen, hat Jury-Mitglied Christoph Stölzl von Peter Handke im Streit um die Heine-Preis-Verleihung gefordert. Doch genau das hat der Schriftsteller längst getan - und sich damit als unwürdig der literarischen Auszeichnung erwiesen.

Von Carolin Emcke


Jenseits der Frage, ob Peter Handke den Heine-Preis in diesem Jahr nun noch erhält, ob es Politikern zusteht, sich einer Auszeichnung entgegenzustellen, die eine Jury aus Kultur- und Literaturkritikern zu vergeben hatte, hat sich im Streit um die Verleihung des Heine-Preises klammheimlich auch ein Revisionismus in Sachen Jugoslawien etabliert, der atemberaubend ist: da werden Positionen salonfähig gemacht, weil sie angeblich unkonventionell, unjournalistisch, feinsinnig seien - und dabei wird nichts weiter als ein moralischer Relativismus gepredigt, der sich Kriegsverbrechern anbiedert.

Ex-Diktator Milosevic auf der Anklagebank in Den Haag: Nähe zu einem der größten Kriegsverbrecher
AP

Ex-Diktator Milosevic auf der Anklagebank in Den Haag: Nähe zu einem der größten Kriegsverbrecher

Peter Handke sollte den Heine-Preis des Jahres 2006 erhalten, weil er in seinem Werk, so die ursprüngliche Begründung der Jury, "eigensinnig wie Heinrich Heine einen Weg zur offenen Wahrheit verfolgte".

Im Zuge der Proteste gegen die Auszeichnung des Schriftstellers erfuhren wir in den folgenden Tagen noch unterschiedliche Argumente, warum dieser Autor preiswürdig sei. Christoph Stölzl, immerhin Mitglied der Jury, erklärte, er könne nicht beurteilen, ob Handke sich möglicherweise irrte bei seinen Äußerungen zu den Balkan-Kriegen, außerdem wisse ja niemand genau, was Handke eigentlich bei seiner Teilnahme an der Beerdigung von Slobodan Milosevic gesagt habe, und dann fordert Stölzl, Handke solle sich nun äußern und "Flagge zeigen". Aber genau das hat Handke längst getan.

Handke hat neben seinem außergewöhnlichen, beeindruckenden Œuvre an literarischen Meisterwerken auch eine Anzahl an kontroversen Texten zu Serbien geschrieben. Der Literat Handke ist ohne diese Veröffentlichungen nicht zu haben - und nicht auszuzeichnen.

Skandalöse Reisebetrachtungen

Das Skandalon, um das jetzt gestritten wird, besteht darin, dass einer der wunderbarsten Schriftsteller deutscher Sprache "seine Nähe" zu einem der größten Kriegsverbrecher unserer Zeit bekundet hat.

Es begann mit "Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien". Eine Beschreibung einer Reise Peter Handkes nach Serbien, in der er der Friedfertigkeit von serbischen Zivilisten nachspürt, harmlose Naturbetrachtungen anstellt, Menschen beim Tanken oder Blumenpflücken beobachtet - und das alles als Beleg für die einseitige Dämonisierung Serbiens in den west-europäischen Medien deutet.

Nun, das ist ungefähr so intelligent, wie eine Reise in die Weite der russischen Steppe zu stalinistischen Zeiten zu unternehmen und alle Berichte über den Archipel Gulag als Propganda abzulehnen.

Niemand, der die Verbrechen der serbischen Regierung in Belgrad kritisiert, behauptet gleichzeitig die Schuldigkeit jedes einzelnen Bewohners Serbiens. Niemand, der die Massenvergewaltigungen von muslimischen Frauen in der Oberschule oder der Partizanturnhalle in Foca 1992/1993 anklagt, unterstellt der gesamten serbischen Bevölkerung menschenverachtende Grausamkeit. Aber besinnliche Ruhe und gesittete Freundlichkeit in einer Ortschaft in Serbien belegt keineswegs, dass zwei Kilometer weiter nicht furchtbarste Verbrechen begangen werden. Welche Bedeutung also hatte Handkes Reisebetrachtung von dem so "anderen Serbien"?

Grobschlächtige Propaganda

Zumindest Sigrid Löffler müsste Handkes nächsten Versuch zu Serbien kennen. Schließlich veröffentlichte sie Handkes Text über seinen Besuch bei Milosevic in Den Haag in ihrer Zeitschrift "Literaturen". Es lohnt, sich diesen Essay noch einmal genauer anzusehen.

Eigentlich dürfte es den Text nicht geben - oder allenfalls in einer Schublade des Schriftstellers. Denn Handke, so schreibt er selbst, hat "erst einmal für sich selber" bezeugt, "nein, festgehalten". Selten hat es einen Text gegeben, der mit einer solch taktischen Selbstverleugnung eines Autors beginnt. Es ist die wortgewaltig verkleidete Heuchelei von einem, der es nicht lassen kann, Vorwürfe und Anklagen zu äußern, aber beleidigt ist, wenn jemand es wagt, auf ihn einzugehen. Es ist ein Geschrei in der Öffentlichkeit, das vorgibt, leise und besinnlich zu flüstern.

Nur "Unbenutzbares" will Handke über den Prozess gegen Milosevic schreiben, "je unbenutzbarer, desto besser", er möchte sich ausdrücklich nicht zur Frage der Schuld oder Unschuld des Angeklagten äußern, weil das nicht "meine Sache ist".

Und so beginnt Handke zunächst einmal mit wirklich eindrücklichen Beschreibungen von seinem Besuch in Den Haag, von der Bürokratie des Strafgerichtshofs, der Infrastrukur eines solchen historischen Prozesses - und diese persönliche, kleinteilige, witzige Erzählung von der Innenwelt des Gerichtshofes ist durchaus vielversprechend. Es wäre ein Gewinn gewesen, wenn Handke tatsächlich eine literarische Reise in die verwinkelte Welt des internationalen Tribunals gewagt hätte. Doch stattdessen folgt grobschlächtige Propaganda, die eben doch über "Schuld und Unschuld" urteilt - natürlich im Sinne des serbischen Angeklagten.

"Illegtim" und "willkürlich" ist für Handke das Gericht, dessen "Gewalt von Anfang an übertragen ist von eben jenen Kräften und Mächten, welche in den Kriegen Partei waren." Als ob Handke nicht wüsste, dass das Internationale Tribunal für das ehemalige Jugoslawien 1993 durch die Resolution 827 vom Weltsicherheitsrat beschlossen wurde - und damit auch von China und Russland, die keineswegs am Nato-Bombardement beteiligt waren.



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