Hannibal Lecters Comeback Der Kannibale als Würstchen

Hannibal Lecter ist wieder da. Mit dem Roman "Hannibal Rising" reicht Thomas Harris die Jugend des mythischen Serienkillers nach – und serviert einen faden Thriller ohne Biss, aber mit viel Küchenpsychologie.

Von Tobias Gohlis


Er war, er ist der mythische Serienkiller: Dr. Hannibal Lecter, Psychiater, Pianist, Menschenfresser. Sein Gesicht, verborgen unter der Beißmaske, ist die Inkarnation des Bösen schlechthin. Kaum jemand, der Johnathan Demmes "Das Schweigen der Lämmer" gesehen hat, konnte sich der Faszination von Hannibal the Cannibal entziehen. Einer Faszination, gemischt aus Ekel, Entsetzen – und klammheimlicher Bewunderung. Denn der mörderische Dandy und Gourmet, der wie ein griechischer Gott den Dirigenten des Baltimore Philharmonic Orchestra mit Thymus- und Bauchspeicheldrüse seiner Patienten bewirtete, agierte die geheimen Sehnsüchte der Postmoderne als Albträume aus.



Lecter war ein Monster, ein Wunder an Kaltblütigkeit und Amoralität. Hedonismus, Egozentrik, Machtgier und Bereicherungssucht kulminierten in seiner puren oralen Lust am Menschenfleisch. Hannibal stand außerhalb jeder Moralität und war unerklärbar. "Nichts ist mit mir passiert", belehrte er FBI-Schülerin Clarice Starling in "Das Schweigen der der Lämmer". "Ich bin passiert. Sie können mich nicht auf eine Verquickung äußerer Einflüsse reduzieren."

Gourmet mit Geheimnis

Thomas Harris hat von Buch zu Buch Hannibals Geheimnis aufgeladen. Von Anfang an war Dr. Lecter kein Triebtäter, er stand über der Welt dieser gestörten Menschen, denen ein verkorkstes Etwas befiehlt, sich aus Leichenteilen eine neue Identität zu schneidern. Primitivitäten dieser Art blieben solchen Normalos wie Francis Dolarhyde (in "Roter Drache", 1981) und Jame Gumb (nach dem Vorbild des realen Serienmörders Ed Gein in "Das Schweigen der Lämmer", 1988) vorbehalten. Dr. Lecter hingegen saß im Baltimore State Hospital für geistesgestörte Straftäter, publizierte in psychiatrischen Fachblättern und lauerte auf die Chance zum Ausbruch. Nur, wenn es ihm passte, ließ er sich herab, dem FBI auf der Jagd nach Serientätern zu helfen.

Über den ästhetischen und intellektuellen Genuss hinaus verfolgte er damit das Ziel, sich die Zeit vor der Freiheit im Spiel mit den Profilern zu vertreiben, die er als verwandte Charaktere sah. Gekrönt wurde diese Karriere in "Hannibal" (1999), als Lecter mit Clarice Starling löffelweise das Hirn aus dem offenen Schädel ihres Kontrahenten Krendler schlürfte, während dieser Kinderlieder lallte. Hannibals Dämonie lebte von seiner Arroganz, Unberechenbarkeit und Willkür; seine Biografie hielt Harris, von einigen wenigen Hinweisen abgesehen, klug verborgen.

Was man bisher von Hannibal Lecters Vorgeschichte wusste, ist in wenigen Worten gesagt. Er wuchs in einer baltischen Adelsfamilie auf, die im Zweiten Weltkrieg umkam. Seine kleine Schwester Mischa wurde von Deserteuren geschlachtet und verzehrt. Einziges Erinnerungsrelikt war das Bild ihrer weiß leuchtenden Milchzähne in der Klärgrube. Daher kam Hannibals einziger Wunsch: für Mischa wieder einen "Ort in der Welt zu schaffen."

Vollmundiger Kitsch

Dabei hätte es gut bleiben können. Denn das, was Thomas Harris jetzt in "Hannibal Rising", in der nachgereichten Jugendbiografie Lecters macht, ist die Demontage seines mythischen Helden durch Moralisierung, Banalisierung und Verkitschung. "Armer Hannibal" möchte man ausrufen. Sei es, weil dem Autor der Kaviar ausgeht, sei es der Altersgeschwätzigkeit eines 66-Jährigen geschuldet - jetzt kriegt Hannibal die "äußeren Einflüsse" nachgetragen. Geheimnis und Mythos: futsch.

Als erstes hat Harris ihm ein neues hoch symbolisches Geburtsdatum verpasst. Hannibal wird nicht mehr, wie in den Romanen zuvor, 1938 geboren, sondern 1933, als Hitler seine Diktatur antrat. Ebenso so bedeutsam ist Schwester Mischa 1939 auf die Welt gekommen und wird sie 1945 wieder verlassen. Als hätten die Deutschen nur dieses eine Ziel, besetzt am zweiten Tag des Überfalls auf die Sowjetunion, eine "Kompanie der SS-Division Totenkopf" (SS muss es schon sein) das lectersche Anwesen in Litauen. Hannibal ist acht. Zum ersten Mal seit 1365 Hannibal der Schreckliche Burg Lecter gründete, wird sie von der gräflichen Familie verlassen, die sich auf ein Landhaus im finsteren litauischen Wald zurückzieht.

Dramaturgisch bedeutsam: Der litauische "Hilfswillige" Vladis Grutas (wie das deutsche Militär bereits am zweiten Kriegstag einheimische Besatzungsknechte rekrutieren konnte, weiß Harris allein) beobachtet, wie der Koch der Lecterfamilie ein Gemälde im Keller versteckt. Die gräfliche Familie, dank italienischer Mutter, jüdischem Hauslehrer und litauischer, aber ehrlicher Dienstboten ausreichend multikulti für eine erbauliche Erzählung, übersteht die deutsche Besatzung einigermaßen komfortabel.

1945 schlägt dann doch das Schicksal zu. Während eine russische Panzerbesatzung Wasser aus dem gräflichen Brunnen schöpft, pfeift eine letzte deutsche Stuka herein. Als wär’s von Guido Knopp: Nur Hannibal und Mischa überleben Schießerei und Feuersbrunst, um alsbald den inzwischen zu Marodeuren degenerierten Hiwis unter Vladis Grutas’ Kommando in die schmutzigen Hände zu fallen. Es friert, die Marodeure werden hungrig. Erst töten sie ein anderes mitgeschlepptes Kind, dann Mischa – trotz Hannibals heldenhafter Wehr.

Weichgekochter Mythos

Bis Kriegsende sind in der transsylvanisch gefärbten Erzählung immerhin noch Spuren von Thomas Harris’ altem Biss zu spüren. Der Rest liest sich, als sei er posthum aus Entwürfen von irgendwelchen Nachlassverwaltern zusammengestückelt. Nach einem Kurzaufenthalt in der zum sowjetischen Waisenhaus umgewandelten Burg Lecter wird der traumatisch verstummte Hannibal von seinem Onkel Robert nach Südfrankreich geholt, der dort mit seiner japanischen Geliebten Lady Murasaki als Kunstmaler lebt. (In Anlehnung an den polnisch-französischen Maler Balthus, den Harris in "Hannibal" noch als Lecters Cousin vorstellte).

Jung-Hannibal, der schon im Waisenhaus ritterlich und auffällig gewalttätig die schwächeren Kleinen verteidigt hatte, begeht mit 16 seinen ersten Ehrenmord (er verteidigt die Reinheit der geschätzten japanischen Tante). Dies bringt ihm die Sprache zurück und für die folgenden 200 trivialen Seiten das Misstrauen Inspektor Popils ein.

Der figuriert nämlich als das einzige Spannungselement, das dem inzwischen an der Sorbonne sezierenden Medizinstudenten Hannibal bei seiner Rache im Wege steht. Ein auf dem Nachkriegs-Raubkunstmarkt aufgetauchtes Bild aus dem väterlichen Weinkeller bringt den kunstsinnigen Medicus auf die Spur von Grutas’ ghoulischer HiWi-Truppe, die dank Mischas Proteinen ebenfalls überlebt hat. Und dann folgt der elend lange Abgang. Hannibal rächt und rächt und rächt, bis keiner, der von Mischa gekostet hat, mehr am Leben ist. Das hat uns noch gefehlt: Hannibal Lecter als Arm der ausgleichenden Gerechtigkeit Gottes! Huh! Prätentiös verbrämter Ekelkitsch.

"Hannibal Rising" erscheint zeitgleich in Deutschland (300.000 Erstauflage) und den USA, als Vorbuch zum Film im Februar. Wer Hannibal the Cannibal als geheimnisumwitterten Dämon in Erinnerung behalten will, sollte die Hände davon lassen.


Thomas Harris: "Hannibal Rising", Hoffmann&Campe, Hamburg 2006, 348 Seiten, 19,95 Euro



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.