Legendärer Krimi-Autor: Jakob Arjouni ist tot

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Jakob Arjouni: Mit "Happy Birthday, Türke!" zum ganz großen Erfolg

"Happy Birthday, Türke!" Jakob Arjouni war gerade mal Anfang 20, da erschien sein großer deutscher Gegenwartskrimi. Fünfmal ließ er den coolen türkischen Schnüffler Kayankaya antreten, schrieb aber auch glänzende Gesellschaftsromane. Jetzt erlag der Autor mit nur 48 Jahren einem Krebsleiden.

Hamburg/Frankfurt am Main - Mit Kemal Kayankaya schuf er eine der legendären Figuren des deutschen Kriminalromans: Einen melancholischen Privatdetektiv türkischer Herkunft, der zwar so gut wie kein Wort türkisch spricht, aber dennoch als "Kanake" bepöbelt wird und zwischen den Bankentürmen und dem Bahnhofsviertel in Frankfurt seine Runden zieht. Fünf Bücher schrieb Jakob Arjouni über den Schnüffler.

Arjouni, selbst in Frankfurt geboren und aufgewachsen, war der Sohn des Dramatikers Hans Günter Michelsen, seinen neuen Nachnamen hatte er von seiner Ex-Ehefrau übernommen, die aus Marokko stammte.

Mit gerade mal Anfang 20 veröffentlichte Arjouni - nachdem er sich ein paar Jahre lang mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen hatte - den ersten Krimi mit seinem Privatermittler Kayankaya: 1986 kam der Band "Happy Birthday, Türke!" heraus - der 1991 sehr erfolgreich unter der Regie von Doris Dörrie verfilmt wurde. Es folgten drei weitere Fälle mit dem Marlowe-Wiedergänger Kayankaya. Für "Ein Mann, ein Mord" erhielt Arjouni 1992 den deutschen Krimipreis; das Feuilleton war sich in seiner Begeisterung für die Romane so einig wie selten. Nach längerer Pause erschien schließlich im Herbst 2012 "Bruder Kemal", ein weiterer grandioser schwarzhumoriger Krimi mit Kayankaya.

Neben seinen Krimis schrieb Arjouni auch präzise Stimmungsbilder über die deutsche Gesellschaft. 1996 erschien "Magic Hoffmann": Im Mittelpunkt des Geschehens steht ein nach vier Jahren aus dem Jugendgefängnis Entlassener, der sich in das mittlerweile wiedervereinte Berlin aufmacht und seine Vorstellungen von Treue, Freundschaft und Verantwortungsbewusstsein in die neue Zeit hinüberretten will.

1998 legte Arjouni den Kurzgeschichtenband "Ein Freund" vor. In den als "Märchen" titulierten Erzählungen des Bandes "Idioten" (2003) beschreibt Arjouni fünf Menschen in Krisensituationen, denen eine realitätsnah gezeichnete Fee erscheint, die ihnen anbietet, ihnen einen Wunsch zu erfüllen, wonach das Geschehen einen völlig unerwarteten Verlauf nimmt.

In dem Roman "Hausaufgaben" (2004) rückte Arjouni die tragische Figur eines Oberstufenlehrers in den Mittelpunkt, dessen Selbstbild und die Fassade einer intakten Familie zu bröckeln beginnt. 2006 veröffentlichte der Schriftsteller den Science-Fiction-Krimi "Chez Max", der in Paris spielt. Mit dem Roman "Der heilige Eddy" aus dem Jahr 2009 gelang Arjouni eine leichte Gaunerkomödie um den in Berlin-Kreuzberg lebenden Ganoven Eddy, der ohne eigenes Verschulden einen verhassten Großimmobilienhai ums Leben bringt und dadurch in die Bredouille gerät, während die Boulevardpresse den unbekannten Mörder als Volkshelden feiert.

So fand der Krimi-Autor seinen Weg in den Kanon der deutschen Gegenwartsliteratur. Sein Roman "Cherryman jagt Mister White" über einen ostdeutschen Neonazi ist inzwischen sogar Schullektüre.

Auch Hörspiele sowie Bühnenstücke zählen zu seinem Werk: Darunter "Nazim schiebt ab", das sich um einen jungen Palästinenser in Abschiebehaft dreht, "Die Garagen" und "Edelmanns Tochter".

Wie sein Verlag Diogenes bekanntgab, ist Jakob Arjouni nach schwerer Krebserkrankung in der Nacht auf Donnerstag in Berlin im Kreis seiner Familie gestorben. Er wurde nur 48 Jahre alt.

cbu/tdo

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