Hipster-Rachefantasie "White Tears" Hände weg vom Fake-Blues!

Ein Soundtüftler lässt neue weiße Bands alt und schwarz klingen - doch ein Sample stürzt ihn ins Verderben. Der neue Roman des schlauen Briten Hari Kunzu handelt von Retromanie, Rache und Rassismus.

Bluesmusiker in Chicago
Getty Images

Bluesmusiker in Chicago


Als im Januar 2017 der Suizid des britischen Kulturtheoretikers Mark Fisher bekannt wurde, twitterte Hari Kunzru: "Ich bin gerade dabei, einen neuen Roman zu veröffentlichen, der Mark Fishers Texten über Hauntology viel verdankt." Hauntology, so schreibt Fisher in seiner Essaysammlung "Gespenster meines Lebens", beschreibe einen Zustand, "in dem das Leben weitergeht, aber die Zeit irgendwie zum Stillstand gekommen ist", in dem "die Unterscheidung zwischen Vergangenheit und Gegenwart" zusammengebrochen sei.

Es ist ein komplexes und selbstbezügliches Theoriegebäude, das Fisher um den Derrida entlehnten Begriff Hauntology aufgebaut hat, und Hari Kunzru hatte die schöne Idee, einige dieser Gedanken geradezu wörtlich zu nehmen: Was wäre, wenn die Gegenwart porös würde und die Vergangenheit - in der Gestalt eines mythischen Bluesmusikers - durch das Hier und Jetzt spuken würde?

Autor Hari Kunzru
Sophia Spring

Autor Hari Kunzru

"Wann habe ich den Bezug zur Zukunft verloren?", fragt sich Seth, der Ich-Erzähler von Kunzrus fünftem Roman "White Tears" gleich zu Beginn. Seth ist ein Soundtüftler, der zusammen mit seinem Freund Carter ein Tonstudio betreibt. Ihre Spezialität: aktuellen Bands einen Retro-Sound zu verpassen. Girl-Punkbands, die wie die Shangri-Las klingen wollen, oder ein großspuriger weißer Rapper, der von einer Hommage an die Geschichte der schwarzen Musik träumt, gehören zu ihren Kunden. Distinktionsgewinn durch Retro - Fisher nannte das "eine schnelle und bequeme Lösung, durch die nur minimale Variation schon vertrauter Befriedigung".

Kunzru beginnt seinen Roman als ironische Abrechnung mit der Generation Y, mit Hipstern, die auf der Suche nach ihrer eigenen Identität andere ausprobieren oder gleich stehlen. "Wir hatten das Gefühl, dass unsere Liebe zur Musik uns das Recht verlieh, schwarz zu sein", sagt Seth über Carter und sich. Im Blues der frühen Jahre spürt der weiße Hipster eine Intensität, nach der er sich insgeheim sehnt, nach einer Authentizität, die in einem Leben voller komplizierter sozialer Codes und volatiler digitaler Identitäten nicht vorgesehen ist.

Retro-Musiker Mark Ronson
Getty Images

Retro-Musiker Mark Ronson

Doch Kunzru will mehr als ein Porträt der New Yorker Retro-Szene von heute entwerfen. Ähnlich wie der in den USA fast zeitgleich veröffentlichte Film "Get Out", schließt er das Horrorgenre mit dem Thema Rassismus kurz, der Roman entwickelt sich zu einer schwarzen Rachefantasie.

Das Grauen sickert langsam ein in Kunzrus Geschichte. Es beginnt damit, dass Seth, der auf seinen ziellosen Wanderungen durch New York field recordings macht, ohne es zu merken einen Schwarzen aufnimmt, der einen Bluessong singt. Carter und Seth fertigen daraus einen Track, der klingt, als sei er original aus den Zwanzigerjahren und erfinden die Identität des Sängers, Charlie Shaw, gleich mit. Ein Fake mit ungeahnten Konsequenzen: Ein Sammler meldet sich bei den beiden und behauptet, beim "Graveyard Blues" handele sich tatsächlich um eine verloren geglaubte Aufnahme. Und was sei eigentlich auf der B-Seite?

Roadtrip auf der Suche nach dem Geist des Blues

Für Seth beginnt eine verwirrende Abwärtsspirale. Das anfängliche, nur leicht irritierende Gefühl, den Kontakt zur Realität verloren zu haben, weitet sich aus zu einer Identitätskrise. Wirkung folgt nicht länger auf Ursache, morgen nicht mehr auf heute, die Gegenwart löst sich auf, und die Vergangenheit beginnt durchzuscheinen. So wie ein alter Bluessong sich aus dem Knistern und Knacken einer uralten Schallplatte erhebt, eine Nachricht aus der Vergangenheit, heute jederzeit reproduzierbar.

Nachdem Carter brutal zusammengeschlagen wird und im Wachkoma liegt, verliert Seth jeden Halt: "Ich konnte nichts mehr in einen Zusammenhang bringen. Etwas passierte und war gleichzeitig schon passiert." Er muss sein Apartment räumen und das Studio, und als ihm keine Optionen mehr bleiben, macht er sich auf in den Süden der USA, auf die Suche nach Charlie Shaw, den Musiker, den es eigentlich gar nicht geben kann. Es wird ein Roadtrip, auf dem sich Seths Ich endgültig atomisiert. Gleichzeitig scheint er Shaw immer näher zu kommen, beginnt schließlich sogar, sich mit ihm zu identifizieren.

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Hari Kunzru:
White Tears

Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner

Liebeskind; 352 Seiten; 22,00 Euro.

"Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen", lautet ein berühmtes Zitat des Südstaatenautors William Faulkner. Aber es wird vergessen, verdrängt, geleugnet, könnte Kunzru ergänzen. Wie die Geschichte der amerikanischen Sklaverei, die sich nach dem Ende des Bürgerkriegs fortsetzte, als im Süden Schwarze kriminalisiert wurden, um weiterhin als billige Arbeitskräfte zur Verfügung zu stehen.

Einer von ihnen könnte Charlie Shaw gewesen sein - und dass ein weißer Hipster-Junge aus New York zum Instrument seiner Rache wird, ist die perfide, die perfekte Pointe eines meisterhaft komponierten Romans. Kunzru lässt seine Geschichte genussvoll eskalieren und schafft es wie nebenbei, und ohne jemals ins Essayistische abzugleiten, eine Vielzahl von Themen ineinander zu verschränken. Retromania und Hauntology, Rassismus und Klassenfragen, am Ende des Romans hat alles mit allem zu tun. Und am Anfang stehen der Blues - und viele Fragen: "Worin besteht eigentlich die Verbindung zwischen Hörer und Musik? Spielt es überhaupt eine Rolle, dass einer von beiden tot ist und der andere lebt? Und wer von beiden ist was?"

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