Zum Tode von Harry Rowohlt Ein Bär von sehr großem Verstand

Harry Rowohlt war Übersetzer, großartiger Kolumnist, Unterhalter. Eine Verbeugung vor einem Mann, der nicht nur Geistesgröße, sondern ein Naturereignis war.

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WDR/ Steven Mahner

Wer sich für Literatur interessiert, der kam an dem Schriftsteller, Übersetzer und Vorleser nicht vorbei. Und wer im Leben noch kein Buch angerührt hat, der kannte doch immerhin den zauseligen Obdachlosen, den er auf eigenen Wunsch in der "Lindenstraße" verkörperte. Ein Entkommen gab es nicht, nicht vor seiner Stimme, nicht vor seinem Charme, nicht vor seinem Werk. Die Omnipräsenz als Intellektueller war in seinem Fall ein Segen. Harry Rowohlt war nicht nur Geistesgröße, sondern auch Naturereignis. Einer, den man fürchten konnte und doch lieben musste. Ein Bär von sehr großem Verstand.

Zur Welt kam er als Harry Rupp im März 1945. Oder, wie er gegenüber seinem Freund Ralf Sotschek für das Buch "In-Schlucken-zwei-Spechte" präzisierte: "Ich wurde in der Hochallee 1 in Hamburg 13 geboren. Im Luftschutzkeller, als Zehn-Monats-Kind". Sein Vater war der nachmalige Verleger Ernst Rowohlt, den seine Mutter - die Schauspielerin Maria Pierenkämper - in vierter Ehe heiratete. Ihrem Sohn las sie den Kinderbuchklassiker "Pu der Bär" vor. Man darf annehmen, dass sie nicht zur vollen Zufriedenheit des strengen Knaben las, der das Lesen fortan selbst erlernen wollte, um "unbehelligt von der mütterlichen Betonung" in den Genuss der Sprache zu kommen.

Und in der Sprache hat er sein Leben verbracht, ihr sein Leben gewidmet, er hat sie gepflegt und behütet und erweitert. Nach dem Abitur lernte er bei Suhrkamp, ein kurzes Volontariat im elterlichen Verlag aber fand er "fürchterlich". Nach einem kurzen Aufenthalt in den USA reizte ihn die Bemerkung seines Bruders, ein bestimmtes Buch sei "unübersetzbar". Er versuchte es dennoch, und die wegen ihres altertümlichen Slangs unübersetzbare "Grüne Wolke" von A.S. Neill schaffte es in der Übersetzung von Harry Rowohlt 1970 auf die SPIEGEL-Bestsellerliste.

Seine Vorlesungen waren rauschhafte Ereignisse

Das väterliche Erbe schlug er aus und ganz eigene Wege ein. In den folgenden Jahren übertrug er mit titanischer Unermüdlichkeit und apollinischer Akribie zahllose Schriftsteller ins Deutsche - von Ernest Hemingway bis James Joyce, von Leonard Cohen bis Robert Crumb, von Anthony Burgess bis Frank McCourt, von Flann O'Brien bis Susan Sontag, von Kenneth Grahame bis zu den Marx Brothers, von Hinz bis Kunz. Manche Bücher, bemerkte er, habe er mehrfach übersetzen müssen. Nicht nur aus dem Amerikanischen oder Irischen, sondern auch "aus dem Lektorieren" zurück in ein lebendiges, beseeltes Deutsch.

Er war nicht nur gut, er war der Beste. Und er wusste das. Spüren ließ er es nur jene, die ihm seine Kunst verhageln wollten. Mag sein, dass ein gewisser Alan Alexander Milne ein Buch namens "Winnie-the-Pooh" geschrieben hat. "Pu der Bär" ist von Harry Rowohlt. In einem wahrhaftigen Cartoon hat das Duo Hauck & Bauer erst neulich zwei Leute durch den Buchladen laufen lassen - sagt der eine: "Das Buch musst du in der Übersetzung von Harry Rowohlt lesen. Im Original geht da viel verloren." So gut war er.

Auf die Frage nach seiner Lieblingstugend antworte er einmal: "Sagen, was man denkt. Und vorher was gedacht haben." Diese Einschränkung war es, die vor allem seine Vorlesungen zu rauschhaften Ereignissen machte. Harry Rowohlt dachte auch währenddessen, und so geriet ihm jede Vorlesung zu einer abenteuerlichen Odyssee der Abschweifungen. Ereignishaft war allein schon seine Stimme, noch in ihren dunkelsten Tiefen biegsam hin zur Schärfe und wieder zurück zur Zärtlichkeit.

Ein Schweif aus Anekdoten

Es war mehr als die großväterliche "Stimme des Erzählers", in die man sich als Zuhörender vertrauensvoll fallenlassen konnte. Es war, wie die "Titanic" korrekt konstatierte, die Stimme Gottes: "Nicht als gütiger, beileibe nicht, aber doch als schweinischer und polyglotter Gott, der in unendlich vielen Stimmen spricht und selbst das Wienerische, Schwäbische, Sächsische, das Kölsche, Mecklenburgische, Oberfränkische, das Sarah-Kirschische und das Marcel-Reich-Ranickische akzentfrei beherrscht."

Er konnte, je nach Bedarf des Textes, auf Zehenspitzen und in Bleischuhen vortragen. Und so, je nach Bedarf, den vereinzelten Zuhörer im Auto ebenso in seinen Bann ziehen oder ganze Hallen in einen glücklichen Taumel führen.

Beherrschte er das Apollinische, so bewohnte er doch das Dionysische. Anekdoten zog er hinter sich her wie ein Komet seinen Schweif. Ein guter Freund und Kollege traf ihn einmal im Zug, wie immer unterwegs zu einer Leseveranstaltung, und wünschte Rowohlt zum Abschied nachlässig "Alles Gute!" Darauf polterte der Angesprochene gestreng, einem Künstler wünsche man doch wohl "Toi, toi, toi" oder "Hals- und Beinbruch", aber doch im Leben nicht "alles Gute"!

Nicht von ungefähr würdigte also die Jury des Deutschen Jugendliteraturpreises nicht nur "Komik, Schrägheit, Hintersinn, Skurrilität, Absurdität, Übertreibung und Genialität" im Werk des "All-Age-Übersetzers" - sondern auch seine "Sprachverliebtheit bis zur Sprachbesessenheit".

Am Montag ist Harry Rowohlt mit 70 Jahren in Hamburg gestorben. "Ist dies ein derber, aber herzlicher Scherz oder ist es lediglich ein Unfall?", will I-Ah wissen. Es ist, um mit Pu zu reden: "So ein Mist".

Harry Rowohlt - eine Zitatauswahl
"Dick, faul und gefräßig."

Auf die Interview-Frage im "Bonner General-Anzeiger, wie er sich in drei Worten beschreiben würde.

"Kaum sag ich was, in diesen Zeiten, zu diesen Zeiten, schon kriege ich zwei Wörter zu hören: 'Blauäugig' und 'Stammtischpolitiker': Die Leute, die das sagen, sagen das in der Hoffnung, ich würde nun die Klappe halten. Da kennen sie mich aber schlecht."

In der "Zeit"-Kolumne "Pooh's Corner".

"Wenn ich den Namen 'Angela' lese, ergänze ich immer noch blitzschnell 'Davis' und nicht 'Merkel'. Naja, waren schließlich beide in der FDJ eine ziemliche Nummer."

In einem Brief an den "Freitag" dazu, warum ihm die Deutsche Einheit egal ist.

"Sagen, was man denkt. Und vorher was gedacht haben."

In der "FAZ" auf die Frage nach seiner Lieblingstugend.

"Och Gott, weiß ich doch auch nicht. Von wo aus betrachtet?"

In der "Zeit" auf die Frage darauf, was links sein heute bedeutet.

"Mit seinem Dreiteiler und seinem Monokel? Nee, das ist mir zu viel Gedöns."

Im "Freitag" auf die Frage darauf, ob Karl Marx optisch ein Vorbild für ihn ist.

"Wissen Sie, wie wir harten Säufer Silvester nennen: die lange Nacht der Amateure."

Im Interview mit dem "Falter".

"Ich habe, glaube ich, die große Begabung, Sachverhalte allgemeinverständlich zu machen, aber nur, wenn ich sie selbst vorher kapiert habe. Was die Anzahl der Sachverhalte empfindlich einschränkt."

Im Interview mit dem "Deutschlandradio Kultur" dazu, was er mit "Pu, dem Bär" gemeinsam hat.

"Früher, wenn man sich keine Namen merken konnte, hieß das vergesslich. Inzwischen heißt das Alzheimer. Und wieder muss man sich einen Namen merken."

In der "Zeit"-Kolumne "Pooh's Corner".

"Man muss Augen haben / Augen für erstaunlich Erfreuliches und so / Wenn man nur Augen hat / Für ranzige Nüsse, mit Spucke gefüllt / Wie will man dann / Ich hab gesagt: Wie will man dann / Sag mir: Wie will man dann / Die Schokolade finden, die einem zusteht?"

Aus der Übersetzung des Kinderbuchs "Sie sind ein schlechter Mensch, Mr Gum" von Andy Stanton.

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insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
Gregor Weißenborn 16.06.2015
1. Amen!
Sie hörten ein Totengebet für einen Raucher!
Bondurant 16.06.2015
2. Ein bedeutender Künstler
man fragt sich, warum jemand mit solchen Talenten nicht zufrieden sein kann.
JusWal 16.06.2015
3. Oft besser als das Original
Ich habe Angela's Ashes zuerst in seiner Uebersetzung gelesen und mich oft gefragt, wie dies oder jenes im englischen Original lautete... und tatsaechlich, im Original ging viel, sehr viel verloren.
Bondurant 16.06.2015
4. Missverständnis?
Im Artikel: Das väterliche Erbe schlug er aus und ganz eigene Wege ein. in der wikipedia: Er erbte 49 Prozent des Verlags von seinem Vater, lehnte es aber ab, in das Verlagsgeschäft einzusteigen. 1982 verkauften die beiden Brüder schließlich das Unternehmen an die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck. War mit dem "Erbe" im Spon also das "ideelle" gemeint?
Lektorat Berlin 16.06.2015
5. Oh, wie schade,
was für ein Jammer! RIP, Harry Rowohlt, RIP! Ihre Sedaris-, Boylan-, ...-Übersetzungen wird nie wieder einer so hinkriegen wie Sie, und wer auch nur ein einziges Mal eine Lesung mit Ihnen miterlebt hat, weiß, welche Lücke Sie hier unten hinterlassen. Für den lieben Gott da oben ist es jetzt jedenfalls noch lustiger geworden; erst Loriot und nun auch noch HR, schnüff...
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