Neu auf der Bestsellerliste Aber dann kam Seite 24!

Selbst das Wort "Alternative" gehört jetzt den Rechten: T. C. Boyles "Hart auf hart" ist das Buch für eine Zeit, in der sich politische Zuordnungen rasant verändern. Wir beantworten die entscheidende Frage: Und das soll ich lesen?

T. C. Boyle: Plötzlich sind Aussteiger rechts
Jamieson Fry

T. C. Boyle: Plötzlich sind Aussteiger rechts

Von Maren Keller und


An dieser Stelle nehmen wir uns jede Woche den wichtigsten Neueinsteiger, Aufsteiger oder den höchstplatzierten Titel der SPIEGEL-Bestsellerliste vor - im Literatur-Pingpong zwischen Maren Keller und Sebastian Hammelehle. Diesmal: T. C. Boyles "Hart auf hart", neu eingestiegen auf Platz 14.

Hammelehle: T. C. Boyle fand ich immer schrecklich. Natürlich aus völlig oberflächlichen Motiven: Die falschen Leser, das falsche Aussehen. Dieser alberne Zweitname. Und dann der Titel: "Hart auf hart", das ist doch ein Song von Klaus Lage. Aber dann habe ich angefangen zu lesen - und war angenehm überrascht.

Keller: Du hast bei den Vorurteilen die drei verschiedenen Schriftarten des Covers vergessen. Ich wollte auch nur kurz reinlesen - aber dann kam Seite 24! Und ab da hatte mich das Buch, darf man spoilern was dort passiert?

Hammelehle: Ohne ungnädig wirken zu wollen - ist Spoiler nicht ein Begriff, der direkt zum sogenannten Spoilernazi hinführt? Womit wir eigentlich beim Thema des Buchs wären: den Fanatikern.

Keller: Ja. Selbst wenn man der Geschichte nichts abgewinnen kann oder nicht über den Titel hinweg kommt - es lohnt sich das Buch wegen der faszinierend abschreckenden Figur der Sara Hovarty Jennings zu lesen, die an all diese rechten Verschwörungstheorien glaubt und sich lieber verhaften lässt, als der Polizei - die sie nicht als Ordnungsinstanz anerkennt - ihren Führerschein zu zeigen. Oder fandest du den drogensüchtigen Paranoiden noch interessanter?

Hammelehle: Interessant fand ich, wie Boyle mit beiden Figuren einen Kosmos darstellt, dessen politische Zuordnung sich gerade rasant ändert: Staatsfeinde, Verschwörungstheoretiker, sogar drogensüchtige Paranoide galten lange als links. Und darauf spielt Boyle auch an, wenn er über Hippies schreibt. Scheinbar plötzlich aber sind diese Aussteiger rechts. In Deutschland beobachtet man das ja auch - bei den Friedensfreunden, die sich bei Xavier-Naidoo-Konzerten treffen. Selbst das Wort "Alternative" gehört jetzt den Rechten. Insofern ist "Hart auf hart" auch der Roman für eine Zeit, in der es politisch hart auf hart kommt.

Keller: Dann sind wir uns in diesem Fall also einig über die Frage: Und das soll ich lesen?

Hammelehle: Wenn ein Buch relevant ist und dann auch noch spannend und zudem auf derart selbstverständliche Weise gut erzählt, würde ich fast sagen: Man könnte ihm eine Chance geben.

Keller: Und was Boyles zweiten Vornamen Coraghessan angeht, den er sich selbst gegeben hat und den du so albern findest: Der kommt angeblich von seinen irischen Vorfahren mütterlicherseits. Im Buch wiederum will sich einer der Fanatiker auch lieber mit dem Namen eines seiner Vorfahren anreden lassen - das macht die ganze Angelegenheit doch eigentlich sehr charmant, finde ich.

Maren Keller ist Redakteurin beim Kulturspiegel. Sie heißt mit zweitem Vornamen Nelly.

Sebastian Hammelehle ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Sein liebster Schriftsteller mit Doppelinitial ist W. G. Sebald.

Vergangene Woche in Und das soll ich lesen?: "Ein Bild von dir" von Jojo Moyes - derzeit übrigens das meistverkaufte Buch auf dem deutschen Buchmarkt.

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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
schwechat23 05.02.2015
1. bleibt auch optional
Zitat: "T. C. Boyle fand ich immer schrecklich. Natürlich aus vollkommen oberflächlichen Motiven: Die falschen Leser, das falsche Aussehen. Dieser alberne Zweitname...". Dear Mister H., das Wort, das sie nicht einzusetzen wagten und stattdessen in völlig unzulässig kokettierender Weise mit "oberflächlich" umschrieben lautet: dumm. Gegenprobe: "Natürlich aus dummen Motiven...", hätte die Sache besser getroffen, meinen Sie nicht auch?
sebastian_hammelehle 06.02.2015
2.
Diese Einschätzung überlasse ich Ihnen.
ty coon 06.02.2015
3.
Ich habe früher viel von Boyle gelesen, verfolge seine Bücher aber seit einigen Jahren nicht mehr. Der Mann schreibt mir einfach zuviel, und man will ja auch noch andere Sachen kennenlernen. Warum aber hat Boyle nun die "falschen Leser"? Das würde mich doch mal interessieren. Es gibt viele lebhafte Boyle-Communities im Internet, die sich für das Lesen ganz allgemein sehr begeistern: was kann daran falsch sein? Sich ständig über Boyles Aussehen und Frisur zu mokieren, finde ich auch nur begrenzt witzig. Seien wir doch froh, daß Boyle nicht wie aus dem Ei gepellt im Leistungsträger-Einheitslook herumrennt. Der allseits so verehrte Houellebecq sieht aus, als hätte er sich zuletzt irgendwann in den 70ern geduscht.
ty coon 06.02.2015
4.
Wo ich hier schonmal was schreibe: Das hier gebotene Format möchte ich loben. Bücher im Pingpong zu besprechen, halte ich für eine frische, ausgezeichnete Idee. Die Gespräche dürften ruhig etwas ausführlicher ausfallen!
FlameDance 06.02.2015
5. Was ist denn das für ein Geplapper!?
Nun habe ich zum ersten mal die Rubrik "Und das soll ich lesen?" gelesen - und bin entsetzt. DAS soll Literaturkritik sein? Nichts dagegen, Literatur vorzustellen, ganz im Gegenteil, toll, einen breiten Leserkreis ansprechen zu wollen ... aber muß man sich deswegen auf Bravo-Level hinunter begeben?
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