Haruki Murakamis neuer Roman Zero Action, aber der Sex ist gut

Ein Maler entdeckt ein altes Gemälde, dem eine Figur entsteigt: In "Die Ermordung des Commendatore" blinzelt der literarische Weltstar Haruki Murakami meisterhaft zwischen Halluzination und Realität.

Faltenwurf der Realität (Symbolbild)
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Faltenwurf der Realität (Symbolbild)

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Jede Nacht das Gleiche: Um kurz vor zwei fängt es an zu läuten. Kleine Glocken, wie von fern. Der Erzähler ist genervt. Also raus, immer dem Gebimmel nach. Bis er auf einmal im Wald neben dem Haus verblüfft feststellt: Das Geräusch dringt unter einem Haufen Feldsteine hervor.

Ein surrealer Kern, in den Faltenwurf der Realität geschoben: So ist man das von den Geschichten des japanischen Bestsellerautors und Dauer-Nobelpreisanwärters Haruki Murakami gewohnt. Auch, dass seine Figuren sich dem Mysterium nicht hingeben: Der Ich-Erzähler, ein Maler in Trennungsschmerz, ruft seinen Nachbarn zu Hilfe, lässt ganz handfest einen Bagger und ein paar Arbeiter anrücken. Die räumen die Steine weg, ein schweres Holzgitter und kratzen sich am Kopf: drunten eine tiefe Kammer, mittendrin ein Stab mit Glöckchen - bitte wie?

Autor Haruki Murakami
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Autor Haruki Murakami

Es ist, wie zu erhoffen war, ein heiterer Wust an Plotlinien, Schichten, Finten, den Murakami in dem zweibändigen Roman "Die Ermordung des Commendatore" auftürmt, dessen Teil eins nun auf Deutsch vorliegt. Und ja, wieder ein Trumm. Mit Cliffhangern am Kapitelende, denen jeder Serien-Binge-Watcher sofort verfällt. Ein so dicht gespanntes Netz öffentlich zu entknoten wäre fahrlässig - aber das, was über und unter der Oberfläche aufscheint, ist Konfetti genug.

Nächtliches Gebimmel, sprechende Gemäldefiguren

Nichts taugt besser, um die Überdrehtheit zu illustrieren, als der Titel selbst: "Die Ermordung des Commendatore" heißt nicht nur jenes Gemälde im japanischen Stil, das der Ich-Erzähler auf dem Dachboden des Hauses findet, das er gerade hütet - das Zitat aus Mozarts "Don Giovanni" verschlüsselt ein Ereignis aus der Nazizeit in Wien.

Marco Spotti als Commendatore (unten) in Londoner "Don Giovanni"-Aufführung
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Marco Spotti als Commendatore (unten) in Londoner "Don Giovanni"-Aufführung

Dass der Commendatore zu den übernatürlichsten Figuren der Opernliteratur gehört, wundert kaum: Er schubst als belebte Statue Don Giovanni an den Rande des Wahns. In Murakamis Universum steigt er schließlich von der Leinwand und sitzt auf dem Sofa des Malers als wär's das Sams. Er sei "eine Idee", verkündet das Wesen. Nächtliches Gebimmel, seltsame Höhle, Gemäldefiguren, die sprechen: Damit bewirft Murakami seinen Helden und schaut, was passiert.

Denn der ist einer seiner typischen Protagonisten: ein mitteljunger Mann, der sich der Abenteuerlosigkeit des Lebens ergeben hat. Aufstehen, Auftragsporträts malen, essen, schlafen, von vorn. Und der doch beginnt, sich neu zu suchen. Ihm dämmert, dass der Übergang zwischen Realität und Illusion so wenig klar ist "wie Landesgrenzen, die ständig willkürlich verlegt werden". Dank der Ich-Erzähler-Perspektive gerät damit auch das Lesen zum Blinzeln.

An der Oberfläche begleitet der Roman diesen Maler neun Monate lang nach der Trennung von seiner Frau. Erst fährt er zum Soundtrack von Sheryl Crow durchs Land, bis er im leer stehenden Haus eines berühmten Malers unterkommt, hoch in den Bergen.

Die Atmosphäre, die Murakami da hinschüttelt, ist die eines Wohnzimmers, in der einer mit Whiskyglas im Sofa hängt und zu satten Mozartsonaten die Nächte durchquatscht darüber, wie er wurde, was er ist: von der Schwester, die mit 12 starb, von den Tomatensoßen, die er für seine Frau kochte, den Unternehmerporträts, die ihn langweilen. Und dann vom Jetzt erzählt, von den Besuchen seines so rätselhaften wie teuflisch reichen Nachbarn, einem Sascha-Hehn-Verschnitt, von den Stippvisiten seiner Geliebten. Der Sex ist gut, immerhin.

Hochkomisch auf Effekt gebürstet

Darunter jedoch entspinnt sich eine Debatte darüber, was Kunst ist und kann. Auch weil Murakami einen Klassiker, den Paragone, implantiert: den Wettstreit der Künste während der Renaissance. Murakami löst also die Genregrenzen so lustig wie lustvoll auf, lässt Opernheld, Statue, Gemäldefigur über die Buchseiten kraxeln. So bildhaft sieht man in Romanen Künstlern selten beim Skizzieren und Malen zu.

Dazu das dichte Netz an Referenzen aus E- und U-Kultur, es blitzen Voyeurszenen aus Hitchcocks "Fenster zum Hof" auf, ein faustischer Pakt, Fitzgeralds mysteriöse Sehnsuchtsfigur Jay Gatsby, ein wenig Platon und Wittgenstein, aber auch die legendäre Malerfigur-Novelle "Die Qualen der Hölle" des großen japanischen Erzählers Ryunosuke Akutagawa. Dazu ein Soundteppich aus Thelonious Monk, Schubert, Puccini.

Wie die Kirsche auf der Torte dazu die Titel der zwei Bände: "Eine Idee erscheint" und "Eine Metapher wandelt sich". Klar, eine großartig verkopfte Einladung, die Story sofort auf Platons Höhlengleichnis abzuklopfen, Doppelgängermotiv, Verhältnis von Bild und Abbild, und mei, die Erdkammer als dicke Metapher fürs Unterbewusstsein.

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Haruki Murakami:
Die Ermordung des Commendatore I: Eine Idee erscheint

Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe

Dumont Buchverlag, 480 Seiten, 26 Euro

Was aber den Spaß bei Murakami ausmacht: Seine Romane glänzen auch ohne diese Referenzböden. Etwa, weil sie trotz zero Action einen unnachahmlichen Vorwärtsdrift haben. Wegen der Erzählmomente, die mit einem fetten "Vielleicht" versehen sind. Wegen des raunenden Flüsterpost-Effekts im Tratsch über Dritte. Und weil Band eins mit dem Satz endet: "Es sollte ein aufregender Sonntag werden". Ist natürlich hochkomisch auf Effekt gebürstet. (Der zweite Teil erscheint am 16. April.)

Es ist schwer, sich der Nonchalance eines Autors zu entziehen, der magischem Realismus gleich mit Baggern zu Leibe rückt. Und bei solchen Gattungsdefinitionen eh müde abwinkt - für asiatische Leser sei es selbstverständlich, "dass an ein und demselben Tag etwas Realistisches und etwas Unrealistisches geschieht", sagte er einmal.

Und so wie sich die Porträts des Ich-Erzählers von realistischen Abbildern zu Farbfeld-Interpretationen wandeln, ist diese Geschichte wie eine Anleitung zum Murakami-Lesen: die Aufforderung, sich auf eine Romanwelt einzulassen, die per Faktencheck nicht zu klären ist. Nicht leicht in einer Zeit, in der Präsidenten den Klimawandel zur Fiktion ausrufen. Das Match endet übrigens eindeutig: Literatur: 5, Rest: 0. Mindestens.

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3daniel 26.01.2018
1. Murakami ist anders
als andere Autoren. Er schreibt zwischen den Zeilen. Ich habe noch nicht viel von ihm gelesen, Wilde Schafsjagt, Kafka am Strand und Mr. Aufziehvogel aber diese Bücher sind so speziell, so etwas habe ich sonst nicht gefunden. Dieses werde ich mir auf jeden Fall mal wieder anhören.
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