S.P.O.N. - Der Kritiker Gebrauchsanleitung der Gewalt

Bücher töten nicht, und Autoren sehr selten - doch ihre Gedanken haben Konsequenzen: Sie formen die Wut und die Menschenverachtung, die andere in Taten umsetzen.


Dass es Erniedrigte und Beleidigte gibt, ist nichts Neues, es ist schade und unvermeidlich und hat oft eine Dunkelheit von dostojewskischen Dimensionen zur Folge. Neu ist, dass diese Erniedrigten und Beleidigten nicht aus der Arbeitslosenwelt oder der Unterschicht kommen, sondern erfolgreiche Männer zwischen 40 und 70 sind, die genug Geld verdienen, um eigentlich die Klappe zu halten - aber lieber Bücher schreiben, in denen sie aus dem Umstand, dass sie sich erniedrigt und beleidigt fühlen, eine gesellschaftliche Diskriminierung konstruieren.

Aber nur weil jemand am Rand steht, heißt das noch lange nicht, dass ihn jemand dorthin gedrängt hat.

Sie haben sich selbst ihren Platz gewählt, die Pirinccis und Sarrazins dieser Welt, sie haben sich in einer freien Gesellschaft mit ihrer freien Meinung als sabbernde Vorbilddeutsche oder biologistische Kaltblüter präsentiert, sie haben ihre Bücher verkauft und Interviews gegeben und die Antworten auf ihre Ansichten bekommen, und manche Antworten waren so grell und harsch wie ihre Ansichten - alles so weit, so gut in einer freien Gesellschaft.

Aber genau die Leute, die die offensichtlichsten Feinde der freien Gesellschaft sind, rennen nun herum und beklagen sich darüber, dass irgendjemand ihnen ihre Freiheit nimmt.

Sie sprechen von "Tabus": Aber es gibt diese Tabus nicht, von denen sie reden - es gibt nur eine Gesellschaft, die sich ständig ihrer Werte versichert und sie überprüft, und wenn das eben nicht die Werte einer rechts-randalierenden Minderheit sind, dann müssen sie wohl noch eine Weile leben mit Frauen in Führungspositionen, dem Christopher Street Day und den Menschen, die sich Deutschland als Heimat ausgesucht haben.

Sie sprechen von "Empörung": Es ist aber keine Maschine, die hier immer mal wieder angeschmissen wird - es sind normal heftige Reaktionen in einer normal heftigen Debatte, und wer vor allem diese "Empörung" kritisiert, der benimmt sich wie der Diskurs-Doktor, der allen Beteiligten erst mal den Puls misst und ansonsten beschwichtigt, es ist ein entpolitisiertes Anonkeln, das vor allem bei den Beschwichtigern dazu führt, dass sie sich besser fühlen.

Sie sprechen, ernsthaft, immer noch von "politischer Korrektheit": Aber schon die von Martin Walser in den neunziger Jahren erfundene "Auschwitz-Keule" war eine Waffe, die niemand schwang, außer der Autor und Erfinder selbst, und als er sich selbst daran verletzte, fühlte er sich natürlich in seinem Wahn bestärkt - was letztlich nur mal wieder bewies, dass auch Paranoiker Feinde haben.

Die Bücher schaffen ein Klima von Angst

Was all dieses Reden verbindet: Es ist vor allem taktisch, weil es den Diskurs auf ein Feld verschiebt, auf dem es nicht mehr um die Absurdität einer Weltsicht geht, sondern um eine angeblich unterdrückte schweigende Mehrheit - was aber dieses rechts-konservative rassistische Geraune tatsächlich erzeugt, ist das Hintergrundrauschen für echte Gewalt gegen Menschen. Ein Buch wie das von Pirincci liefert damit die Begleitmusik etwa für den NSU-Prozess.

All diese Bücher formen ja in ihrer unterschiedlichen Art den Hass und die Wut und die Menschenverachtung, die andere in Taten umsetzen. Bücher töten nicht, und Autoren sehr selten, aber es ist auch nicht so, dass Gedanken harmlos sind und keine Konsequenzen in der realen Welt haben.

Schrecken braucht ein Umfeld, Rassismus braucht eine Basis - diese Bücher, Sarrazin, Pirincci oder auch so ziemlich alle anderen Bücher aus dem Verlag des Manufactum-Gründers Thomas Hoof, nehmen diese Stimmungen auf und verstärken sie wiederum und schaffen damit ein Klima von Angst und Endzeitstimmung.

Die Autoren wollen ihre kulturelle Unterlegenheit durch biologistische Erklärungen widerlegen - sie fühlen sich, obwohl sie erfolgreiche Menschen sind, bedroht in ihrer Weltsicht durch die kosmopolitischen Realitäten.

Insofern ist es nicht überraschend, dass es diese Bücher gibt. Es ist auch nicht überraschend, dass sie Erfolg haben. Es ist, leider, nicht mal überraschend, dass manche Menschen zu Waffen greifen in ihrem Wahn.

Die Autoren und ihre Apologeten sollten sich nur nicht zu Kulturkriegern stilisieren in einem Kampf um Werte - was sie als Fabrikation deuten, ist einfach der Lauf der Dinge.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 190 Beiträge
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Seite 1
furtnehr 18.04.2014
1. Auweia
Also ich konnte das Pirincci-Buch nicht lesen, sprachlich grauenvoll. Aber dieses Geschwätz dieses so "engagierten" Spiegel-Schreiberlings sehe ich auf dem gleichen Niveau. Schönen Karfreitag noch!
hintensitzer 18.04.2014
2.
Ein schöner und kluger Text.
vox veritas 18.04.2014
3.
Zitat von sysopBücher töten nicht, und Autoren sehr selten - doch ihre Gedanken haben Konsequenzen: Sie formen die Wut und die Menschenverachtung, die andere in Taten umsetzen. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/hassbuecher-von-sarrazin-und-pirincci-kolumne-von-georg-diez-a-965135.html
Das es lt. Autor keine Tabus oder die berüchtigte "Ausschwitzkeule" geben soll, erstaunt mich sehr. Es gibt sie nämlich sehr wohl. Komisch, daß es dem SPON Redakteur nicht bekannt ist. Davon abgesehen, ist doch ein Großteil dieser Tabus bereits so erfolgreich in die Bevölkerung konditioniert worden, daß diese es gar nicht mehr wahrnimmt. Zur Klärung: Es geht mit nicht um die momentanen gesellschaftlichen Werte an sich, sondern um die Möglichkeit, diese Werte in Frage zu stellen und auch anzufechten, ohne dafür von der Mehrheit der Gesellschaft auf einem "moralischen Scheiterhaufen verbrannt" oder geächtet zu werden.
Venator14 18.04.2014
4.
Zitat von sysopBücher töten nicht, und Autoren sehr selten - doch ihre Gedanken haben Konsequenzen: Sie formen die Wut und die Menschenverachtung, die andere in Taten umsetzen. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/hassbuecher-von-sarrazin-und-pirincci-kolumne-von-georg-diez-a-965135.html
Ach Hr. Dietz sie sind, mal wieder, viel zu spät. Ihre Mischpoke hat sich bereits überall lauthals ausgekotzt. Sie hat aber auch mehr als eine passende Antwort darauf bekommen. Für ihren Text braucht man daher keine neue zu schreiben. Wer sich damit messen will, wird das Licht finden. Natürlich weiß ich, daß dies nicht veröffentlicht wird.
Erda 18.04.2014
5. Wie haben Sie recht Herr Dietz!
Zitat von sysopBücher töten nicht, und Autoren sehr selten - doch ihre Gedanken haben Konsequenzen: Sie formen die Wut und die Menschenverachtung, die andere in Taten umsetzen. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/hassbuecher-von-sarrazin-und-pirincci-kolumne-von-georg-diez-a-965135.html
Gerade heute wenn ich so an den Koran denke, das Alte Testament, Das Kapital usw. Alles Hassbücher!
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