Havemann-Biografie Geschwärzt ins Internet

Testballon im Internet - Nachdem Suhrkamp die umstrittene Biografie von Florian Havemann im Dezember zurückgezogen hatte, soll das Buch nun online veröffentlicht werden - allerdings mit geschwärzten Passagen.


Frankfurt/Main - Sein Buch kommt einer Abrechnung gleich. Autor Florian Havemann versucht auf 1100 Seiten seinen Vater Robert zu demontieren, einen der wohl prominentesten Regimekritiker der DDR. Doch für den Sohn ist der Vater ein staatstreuer Dissident, der erst für den KGB, später für die Stasi spionierte. Das Buch erregte Protest, auch von Florians Schwester Sybille, die sich falsch wiedergegeben fühlte, und wurde vom Suhrkamp-Verlag zurückgezogen. Am Montag teilte der Verlag nun mit, das Buch solle, in Teilen eingeschwärzt, Mitte Februar im Internet veröffentlicht werden.

Buchautor Florian Havemann: Umstrittene Biografie erscheint online
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Buchautor Florian Havemann: Umstrittene Biografie erscheint online

Insgesamt liegen derzeit sieben Abmahnungen und drei weitere Beschwerden gegen die Biografie vor. Florian Havemann wirft darin seinem Vater, dem Chemiker und Schriftsteller Robert Havemann (1910 bis 1982), vor, ein regimetreuer Mitläufer gewesen zu sein. Und das, obwohl sein Vater lange Zeit von der SED-Führung unter Hausarrest gestellt worden war und als einer der bekanntesten DDR-Kritiker gilt.

"Mein Bruder muss einen anderen Menschen zum Vater gehabt haben", schrieb Florians Schwester Sybille Havemann in einem Gastbeitrag für den SPIEGEL. Im November protestierte sie in einem Brief an Suhrkamp-Chefin Ulla Unseld-Berkéwicz gegen das Werk ihres Bruders. Es handele sich um eine Mischung aus Lügen, Unterstellungen und dem Missbrauch familiärer Intimität. Sämtliche Textstellen, die ihre Person beträfen, seien ihr nicht zur Autorisierung vorgelegt worden.

Auch die ehemalige Lebensgefährtin des Liedermachers Wolf Biermann, die Schauspielerin Eva-Maria Hagen, war laut "Focus" juristisch gegen das Buch vorgegangen. Biermann, der wie Havemann als DDR-Kritiker gilt und mit Sybille Havemann ein Kind hat, wird in dem Buch ebenfalls angegangen.

Im Dezember hatte Suhrkamp nach einer ersten Abmahnung eine Unterlassungserklärung unterzeichnet und die nicht verkauften Exemplare des Buchs zurückgenommen. Insgesamt wurden laut Verlag rund 7000 Exemplare der Biografie abgesetzt.

Die in Teilen geschwärzte Online-Ausgabe des Buchs wird von Suhrkamp nun als eine Art Testlauf gesehen. Man wolle vermeiden, dass bei der nächsten Druckauflage wieder jemand mit einer Abmahnung komme, "der sich bisher nicht gerührt hat", sagte Verlagsgeschäftsführer Philip Roeder. Der Preis für das Herunterladen aus dem Internet werde "ein bisschen billiger" als die Buchausgabe sein. Florian Havemann wird nun voraussichtlich bis April seine Biografie in einer überarbeiteten Druckfassung vorlegen.

An anderer juristischer Front konnte Suhrkamp keinen Sieg davontragen: Das Amtsgericht München stellte das Strafverfahren wegen übler Nachrede gegen zwei Hamburger Unternehmer wegen geringer Schuld ein. Im Gegenzug zahlten Hans Barlach und Claus Grossner je 15.000 Euro an gemeinnützige Institutionen. Eine Sprecherin des Gerichts bestätigte entsprechende Medienberichte.

Die Suhrkamp-Kritiker hatten Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz Unfähigkeit und die Vermischung von Privatem und Geschäftlichem vorgeworfen. Der Verlag stellte Strafanzeige. Grossner und Barlach wollten sich über eine Beteiligung an der schweizerischen Medienholding AG - des Mitgesellschafters von Suhrkamp - ein Mitspracherecht am Verlag sichern.

cc/dpa



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