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Hegemanns Quellenliste: Axololita Overkill

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Sex, Sex, Sex, und das auf sechs Seiten. Helene Hegemann lässt ihrem umstrittenen Bestseller "Axolotl Roadkill" eine Quellenliste anfügen. Die zeigt: Die Jugend ist harmloser, als man denkt - aber nichts verkauft sich besser als eine 17-Jährige, die schmutzige Wörter benutzt.

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dpa

Helene Hegemann: Keine Inspiration unerwähnt lassen

Es ist bekanntlich nichts schwieriger, als einen Kulturpessimisten zu widerlegen: Die Jugend liest nicht mehr, sie ist verroht, schaut lieber Sexfilmchen im Netz - selbst die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften gibt schon Merkblätter über "Gewalt- und Pornovideos auf Schülerhandys" heraus.

Wer also hätte sich noch getraut, einer 17-Jährigen ein Buch zu schenken - und dann auch noch ein Buch aus Papier? Carl Hegemann hat sich getraut. Er aber ließ, wenn die Informationen der "Süddeutschen Zeitung" stimmen, seiner Tochter nicht die "Buddenbrooks" oder "Der Fänger im Roggen" zukommen, womit bildungsbeflissene Eltern ihre Kinder einstmals an das geschriebene Wort heranzuführen gedachten. Nein, das Buch war "Strobo", der in Buchform gebrachte autobiografische Blog des Berliners Airen.

Helene Hegemann hat sich daraus für ihren eigenen Debütroman "Axolotl Roadkill" kräftig bedient. Damit hat sie das größte Literaturfälschungstrara seit Feridun Zaimoglus "Leyla" ausgelöst, wenn nicht gar seit Konrad Kujaus "Hitler-Tagebüchern".

Nun hat ihr Verlag, Ullstein, eine sechsseitige Liste mit Quellennachweisen und Danksagungen veröffentlicht, die dem mittlerweile für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Roman ab der nächsten Auflage angefügt werden soll - die allerdings zeigt: Die Jugend kann eben auch mal harmloser sein, als man denkt.

"Ich bin übelst geil"

Es ist ein umfangreicher, in seiner Detailgenauigkeit jeder HipHop-Platte der Sampling-verliebten Neunziger und jedem Literaturseminar zur Ehre kommender Anmerkungapparat, der keine Inspiration unerwähnt lässt - selbst private Korrespondenzen werden genannt, Popsongs oder Jim Jarmuschs Buch "The Golden Rules Of Filmmaking", das, so die Liste "wiederum Jean-Luc Godard zitiert". Ein Zitat ist eben ein Zitat ist ein Zitat.

Bei Airen hat Hegemann vor allem die sexuell expliziten Stellen abgeschrieben. Einer der Dialoge aus "Axolotl Roadkill", der, wie Hegemann nun einräumt, relativ wörtlich aus "Strobo" übernommen wurde, geht so: "Ich ficke nicht mehr." - "Mann, Alter, ich bin übelst geil." - "Aber warum denn nicht?" - "Ich will nicht."

Bislang war man ja davon ausgegangen: Wer auch nur einmal auf einem deutschen Schulhof unterwegs war, hat derartige Sätze en masse abgespeichert. Helene Hegemann aber schrieb sie ab.

Hätte ihr Buch ohne die einschlägigen Stellen den gleichen Wirbel verursacht? Das Sexualleben junger Mädchen ist eines der verlockendsten Marketinginstrumente, das man sich vorstellen kann. Als die - erwachsene - Schauspielerin Megan Fox kürzlich mal was für ihr Image tun wollte, behauptete sie in der "Gala", sie habe die Libido eines Teenagers. Helene Hegemann ist ein Teenager. Die Libidogeschichten ihres Buchs aber werden nicht in der Klatschpresse diskutiert, sondern im Feuilleton. Voyeure, so scheint es, gibt es nicht nur im bildungsfernen Milieu, es gibt sie auch im Kulturbetrieb.

Besonders dann, wenn ein Fall so viele Reizwörter und Klischees mit sich bringt, wie der von Helene Hegemann: Sie ist in Berlin aufgewachsen! Der Stadt, von der man nicht immer ganz genau wusste, ob das Metropolenmotto nun "arm, aber sexy" oder "arm, aber geil" war. Oder ist das nur ein von Hauptstadtrappern und Bezirkspolitikern verantwortetes Zerrbild?

Und dann war ihr Vater auch noch Dramaturg an der Volksbühne. Jener Spielstätte, an der seine Tochter, wenn er sie denn einmal zu einer Probe mitgenommen hat, schon mit zwei Jahren das Wort "ficken" gelernt haben dürfte. Aber wie sagte einst James Brown? "Talkin' loud and sayin' nothing." Unter den Berliner Theaterintellektuellen und ihren Kindern geht es trotz aller verbaler Kraftmeierei auf der Bühne privat offenbar derart gesittet zu, dass man sich der drastischen Erlebnisse anderer bedienen muss, um den eigenen Roman auszuschmücken.

So bleibt angesichts der breiten Aufregung um "Axolotl Roadkill" und ähnlicher, vermeintlich die sexuelle Verderbtheit und Pornogesättigtheit unserer Jugend beweisenden Enthüllungen, ein Beigeschmack: Geht es hier eigentlich immer um die Seele der Heranwachsenden und, wie in Hegemanns speziellem Fall, gar um das Urheberrecht - oder zeigt sich hier doch eher die moralisch verbrämte Begeisterung über eine 17-Jährige, die mal ordentlich das Wort "ficken" benutzt?

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 155 Beiträge
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1. Einfach nur peinlich !
empedocles 18.02.2010
"Die 17-jährige Bestseller-Autorin Helene Hegemann ist trotz der Plagiatsvorwürfe gegen sie für den Preis der Leipziger Buchmesse (insgesamt 45 000 Euro) nominiert worden. Die Jury teilte mit, dass Hegemann zusammen mit Jan Faktor, Georg Klein, Lutz Seiler und Anne Weber in der Kategorie "Belletristik" ins Rennen um die Auszeichnung geht." 45000 für's Abschreiben, so viel hat wohl noch niemand bekommen. Wenn ich Faktor, Klein, Seiler oder Weber hieße, würde ich aussteigen aus diesem Leipziger Zirkus...Aber sie sind jung und brauchen das Geld...
2. Noch ein Forum...
BardinoNino 18.02.2010
Zitat von sysopSex, Sex, Sex, und das auf sechs Seiten. Helene Hegemann lässt ihrem umstrittenen Bestseller "Axolotl Roadkill" eine Quellenliste anfügen. Die zeigt: Die Jugend ist harmloser als man denkt - aber nichts verkauft sich besser als eine 17-Jährige, die schmutzige Wörter benutzt. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,678708,00.html
...für das in weiten Teilen abgeschriebene Machwerk einer verklemmten 17jährigen mit einflußreichem Pappi. Wir haben ja sonst nix, das berichtenswert wäre! Huuuuuuurz!
3. Das Kopieren war notwendig, sonst wäre das Buch Jugendpornographie
sunhaq 18.02.2010
Wenn die Leute davon ausgegangen wären, daß die Autorin ihre persönlichen Erfahrungen beschreibt, hätte das Buch doch nie verlegt werden dürfen, oder? Das wäre dann eine jugendpornographische Schrift - und die sind seit Ende 2008 gesetzlich verboten. Jugendliche dürfen seitdem zwar immer noch sexuelle Erfahrungen sammeln, darüber sprechen oder schreiben gilt seitdem als kriminelle Handlung für die man bis zu 3 Jahre weggesperrt wird.
4. Es ist zum kotzen
metbaer 18.02.2010
Wenn ich mir erlauben darf das zu sagen. Erst plagiieren und sich dann mit sowas noch mehr oder weniger drüber lustig machen. "Raubkopierer sind Verbrecher" wird uns ins Gesicht gebrüllt - aber Raubschriftsteller sind große Künstler...
5. Woodstock und Helene ...
rkinfo 18.02.2010
Zitat von sysopSex, Sex, Sex, und das auf sechs Seiten. Helene Hegemann lässt ihrem umstrittenen Bestseller "Axolotl Roadkill" eine Quellenliste anfügen. Die zeigt: Die Jugend ist harmloser als man denkt - aber nichts verkauft sich besser als eine 17-Jährige, die schmutzige Wörter benutzt. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,678708,00.html
Wozu selbst sich ordinäre Texte ausdenken wenn die Flut der Quellen so übermächtig ist ? Im Zeitalter von Google bis Wiki und Blogs ist es sogar ein Stilbruch sich im stillen Kämmerlein noch Texte auszudenken. Wäre die Quellenliste gleich mit dabei gewesen hätte man das Werk zu 100% als gelungen betrachten können. So bleibt jetzt doch mehr der Vorwurf als die Kreativität übrig. Ansonsten ist die Thematik der 68er Generation und jenes Büchlein verwandter als übertünschte Moralvorstellungen der Gesellschaft. Wahrscheinlich hätte man in Woodstock die Helene besser begriffen als heute die Gesellschaft. Aber da reicht ja schon Woodstock vs. Hartz IV Bürgerdenken um die fehlende Zeitenwende zu illustrieren.
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