Heinz Strunk über Frauenmörder "Der Geruch? Unten kochen wieder die Griechen"

Vier Frauen hat Fritz Honka in den Siebzigern getötet, der Nachtwächter lebte mit Leichenteilen in seiner Wohnung in Hamburg-Altona. Jetzt hat Heinz Strunk dem Mörder und seiner Stammkneipe einen Roman gewidmet.

Dennis Dirksen

Ein Interview von Ingo Scheel


Zur Person
Heinz Strunk kam 1962 als Mathias Halfpape auf die Welt. Über seine Kindheit in Hamburg-Harburg und seine Jahre als Musiker in einer Tanzkapelle schrieb er autobiographische Romane. Er ist Teil des humoristischen Trios Studio Braun, Kolumnist für die "Titanic", kommentiert in der TV-Show "Extra 3" das Zeitgeschehen. Sein Roman "Der Goldene Handschuh" erscheint am 26.2. und ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.
SPIEGEL ONLINE: Heinz Strunk, wann haben Sie das letzte Mal einen Fako getrunken? Fanta mit Korn.

Strunk: Grad letzte Woche erst. Ich war im Goldenen Handschuh in St. Pauli und Sascha Nürnberg, der Wirt, hat mir freundlicherweise einen Fako spendiert. Schmeckt gut, besser als man denkt.

SPIEGEL ONLINE: Bei uns hieß es früher Kobra. Korn-Brause.

Strunk: Das ist ja fast noch besser.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie selbst mal im Goldenen Handschuh abgestürzt?

Strunk: Nein, also abstürzen tut man ja nicht mehr. Vielleicht einmal im Jahr, dass man so wankt. Ich habe es einmal bewusst erlebt, dass ich "mir" und "mich" verwechselt habe. Trotz meines Suffkopfs habe ich es bemerkt und konnte es trotzdem nicht abstellen. Schlimm. Schrecklich.

SPIEGEL ONLINE: Wir waren Anfang der Neunziger mit ein paar Freunden im "Handschuh", um mal zu gucken, wie es da so ist. Wir sitzen am Tisch, ein Mann kommt und wirft uns eine Handvoll lose Zigaretten zu mit den Worten: "Ich habe heute Sozi bekommen, alle sollen Filter rauchen!"

Strunk: Ein tierischer Satz! Hätten Sie mir den vorher erzählt, wäre der mit ins Buch gekommen. So was kann man sich ja kaum ausdenken.

SPIEGEL ONLINE: Fritz Honka, die Hauptfigur in Ihrem neuen Roman, zählt zu den Stammgästen in der titelgebenden Kneipe. Wie ging es dort zu?

Strunk: Ich vermute: wie in einer Art Vorhölle. Über die Jahre hat sich das relativiert, und heute ist das ja so ein "Melting Pot", wo sich auch Normalos hinverirren. Im Gegensatz zum Elbschlosskeller gegenüber, wo das Milieu, also Hardcore-Alkoholiker und Gestrandete, komplett unter sich bleibt, mischt es sich ja im "Handschuh". Deswegen ist der Elbschlosskeller so hart, so psycho. Durch diese verlorenen Existenzen hat das etwas Höllenartiges. Und der Goldene Handschuh war so ähnlich. Wobei es bestimmt nicht immer so hart war, es gab sicher auch mal nette Abende. Sascha Nürnberg sagte mir, dass es doch oft so lustig zugeht. Mir geht es aber nicht darum, das naturalistisch darzustellen. Für den Roman muss das so sein. Das erklärt sich nicht, wenn ich da sage: Mensch, heute haben wir aber schön gefeiert.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist die Dynamik eines typischen Abends dort, reicht ein falsches Wort?

Strunk: Der alte Satz "Pack schlägt sich, Pack verträgt sich" trifft hier zu. Die Schwelle zur Aggression ist sehr, sehr niedrig.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat es Honka dorthin verschlagen?

Strunk: Das ist nicht genau dokumentiert. Das ist wie eine Art Magnetismus. Diese Leute finden sich, das ist alternativlos. Honka verkehrte vorher ja auch im Lehmitz und im Schmalen Handtuch.

SPIEGEL ONLINE: Die Kneipe liegt am Hamburger Berg, direkt auf dem Kiez. Was ist das für ein Ort, die Reeperbahn Ende der Sechziger?

Strunk: Ähnlich trist wie ich es im Buch geschildert habe. Alles Bruch und Schrott und eben keine Musicals, kaum Klubs. Das Bayrisch Zell gab es, halbe Stunde Bumskapelle, halbe Stunde Tanzmusik. Schade eigentlich, dass es das nicht mehr gibt.

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SPIEGEL ONLINE: Honka ist ein kümmerlicher Typ, Nachtwächter, körperlich versehrt. Was macht ihn zum Mörder?

Strunk: Im Urteil gab es diese Formulierung von den sogenannten Situations- oder Milieutaten. Es gibt einen wahnsinnig guten Satz, ich meine, von Peggy Parnass, die sagte: "Honka, das ärmste aller Würstchen, hatte auch noch das Pech, zum Mörder zu werden." Sein Weg geht immer abwärts. Zehn Geschwister, Vater Schwerstalkoholiker, Kinder-KZ, Zementkrätze, mit 17 Jahren bei Landwirten schuftend. Diese Abfolge von Pech: Kommt nach Hamburg, wird sofort von Rockern geschlagen. Das wenige, was von ihm noch da ist, wird noch mehr ramponiert. Und dann diese Taten, die im schwerstalkoholisierten Zustand, im Gestank dieser engen Wohnung vonstatten gehen. Die Taten, daher die Verurteilung wegen Totschlags in drei Fällen, sind mehr oder weniger im Affekt passiert, aus Handgreiflichkeiten heraus.

SPIEGEL ONLINE: Fünf Jahre lebt er mit Leichen, die er in Verschlägen verstaut.

Strunk: Teile der Frauen schafft er ja in die benachbarte Gaußstraße, wo er sie entsorgt. Warum er ein paar Wochen später nicht wiederum Teile zersägt und wegschafft, wie er das aushält - das ist das Unfassbare.

SPIEGEL ONLINE: Wie hält er es wohl aus?

Strunk: Zum einen ist das eine Art schizophrene Abspaltung vom Ich, zum anderen gibt es die Schilderungen, dass er es wieder vergessen hat. Er denkt sich: Ach, das ist irgendwann wieder weg.

SPIEGEL ONLINE: Gab es keine Beschwerden über den heftigen Gestank?

Strunk: Doch, die gab es. Die Frauen haben sich beschwert, und Honka sagte dann: Das sind die Griechen, die da unten kochen. Damals kannte man das halt noch nicht so mit den Ausländern. Die sagten dann eben: Komisch - so riecht das also, wenn die Griechen kochen.

SPIEGEL ONLINE: Fritz Honka war ein Riesenthema in den Medien damals, er wurde zu einer Art Folklore-Figur. "Sei artig, sonst kommt der Honka dich holen", hieß es. Oder: "Räum dein Zimmer auf, sonst kommst du in den Honka-Schacht."

Strunk: Honka-Schacht - das ist natürlich super. In der Tat, das Ganze hat etwas Folkloristisches bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie bewogen, über ihn zu schreiben, und das in dieser Romanform?

Strunk: Ich bin selbst 2009 in den "Handschuh" geraten und fand dieses Soziotop extrem faszinierend und anziehend. Beim dritten, vierten Mal habe ich dann Sascha Nürnberg, den jetzigen Chef, kennengelernt. Auch weil das heute immer noch "Honka-Stube" genannt wird, hat es dann irgendwann klick gemacht. Ich hatte dann plötzlich das Gefühl, dass mir dieses Thema förmlich auf dem Silberteller serviert wird.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Ansatz ist erstmals kein autobiografischer, dennoch liest sich das Buch wie ein echter Strunk.

Strunk: Es war mir klar, dass ich da anders herangehen muss. Sowohl bei der Umsetzung als auch bei der Recherche. In der Reeder-Szene hatte ich einen Informanten, der mich mit den nötigen Sachen versorgt hat. Container-Revolution, gelbe Flotte, Devisengeschäfte mit der DDR, die Lage der Hamburger Juden in den Dreißigerjahren. Das musste alles stimmen. Ich musste es zudem in der dritten Person schreiben. Ich konnte ja nicht aus der Perspektive der Sprachlosigkeit, aus der Sicht von Honka, schreiben. Das Entscheidende war jedoch: Ist es möglich, die Ebene des Humors einzubringen? Bei einem wie dem Kindermörder Jürgen Bartsch hätte sich das verboten.

SPIEGEL ONLINE: Warum funktioniert es bei Honka?

Strunk: Der Roman heißt ja "Der Goldene Handschuh". Für viele mag das als Humor nicht erkenntlich sein, aber diese bizarren Gespräche dort und Formulierungen wie "Fotze fressen wie Kartoffelsalat" - die ist ja schon auch hart und komödiantisch, diese ganze Szene.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Einsicht in die Polizeiakten bekommen. Wie lasen die sich?

Strunk: Extrem viele Wiederholungen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es dort noch einen anderen Honka zu entdecken?

Strunk: Nein, überhaupt nicht.

SPIEGEL ONLINE: Schauspieler in Extremrollen sprechen zuweilen davon, dass sie das nach Drehschluss nur schwer hinter sich lassen können. Wie geht es dem Autor bei so was?

Strunk: Honka ist ja hochgradig unangenehm und unsympathisch, dennoch kann man bei seinem Schicksal und diesen Umständen ja durchaus mitfühlen, ohne dass man das entschuldigt. Mir selbst ging es dabei besser als vermutet, eigentlich. Ich höre jetzt erste Reaktionen, dass Leute sagen, sie hätten es erst einmal beiseite legen müssen. Sie konnten nicht weiterlesen. Beim Schreiben aber war ich keinen großen Verwerfungen ausgesetzt.

SPIEGEL ONLINE: Macht es Spaß, so eklig zu schreiben?

Strunk: Also, diese physiognomischen Eigenheiten zu beschreiben, klar, das macht mir Spaß. Ich kann das ja auch ganz gut. Mir wurde öfter gesagt, dass ich die Leute verzerre, so wie der Karikaturist Deix. Aber es ist natürlich jedem freigestellt, sich so etwas anzugucken.

SPIEGEL ONLINE: Honka hatte seine Wohnung mit Pornos tapeziert.

Strunk: Wobei es wichtig ist zu sagen, dass es kein Porno war, sondern…

SPIEGEL ONLINE: …Nacktbilder.

Strunk: Genau, aus der "Praline" und den "St. Pauli Nachrichten". Oben ohne.

SPIEGEL ONLINE: Trinken Sie eigentlich beim Schreiben?

Strunk: Nein, das geht nicht zusammen. Ich würde es sofort machen, wenn es ginge, aber nein: Dienst ist Dienst, und Schnaps ist Schnaps.


Ingo Scheel arbeitet als freier Journalist in Hamburg. Als Kind las er in der "Hamburger Morgenpost" von Fritz Honka, was ihm vorkam wie "Gespenstergeschichten": Unheimlich, aber so steht es geschrieben.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Nabob 24.02.2016
1. Alte Kamellen wieder aufgewärmt.
Lest besser: Peggy Parnass - Prozesse 1970 bis 1978; dort hat Parnass den Honka-Prozess umfassend und beeindruckend beschrieben. Leipziger Buchmesse scheint auch nicht mehr das zu sein, was es mal war, den Eindruck hat man schon länger.
ty coon 24.02.2016
2.
Zitat von NabobLest besser: Peggy Parnass - Prozesse 1970 bis 1978; dort hat Parnass den Honka-Prozess umfassend und beeindruckend beschrieben. Leipziger Buchmesse scheint auch nicht mehr das zu sein, was es mal war, den Eindruck hat man schon länger.
Immer dieses Gemoser. Gerade Heinz Strunk würde ich doch mal zu den kreativeren Köpfen der Gegenwart zählen. "Fleisch ist mein Gemüse" hat mir gewaltig den Kopf gewaschen. Einer wie Strunk ist mir allemal lieber und näher als der x-te Vertreter der deutschen Bachmann-Betulichkeit.
swnf 24.02.2016
3. Besser? Beides!
Zitat von NabobLest besser: Peggy Parnass - Prozesse 1970 bis 1978; dort hat Parnass den Honka-Prozess umfassend und beeindruckend beschrieben. Leipziger Buchmesse scheint auch nicht mehr das zu sein, was es mal war, den Eindruck hat man schon länger.
Wieso nicht einfach beides lesen? Das Eine schließt das Andere doch nicht aus, oder doch?
h.krabowsky 24.02.2016
4. Haha!
Was für ein Wandel! Find ich aber auch: erstmal gründlich informieren, dann pöbeln - oder auch nicht :-)
murksdoc 24.02.2016
5. Kleines Licht
Ich halte es mit Fritz Haarmann aus Hannover: von 27 ihm zur Last gelegten Morden gesteht er 9 und hält 12 weitere "für möglich". Hat das Fleisch seiner Opfer in Konservendosen als Wurst verkauft. Wurde 1925 dafür entkopft. Sein Schädel wurde erst 2014 bestattet. Der könnte auch unter internationalen Serienmördern bestehen. Seine originelle Art der Opferbeseitigung ist meines Wissens bisher einzigartig geblieben (abgesehen von den 300 Leichenteilen von 22 verschiedenen Personen, die man in der Leine fand).
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